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Diskussion über Stadtentwicklung:Gesprächsbedarf in Ramersdorf

Verkehrsprobleme, die mangelnde Belebung des alten Ortskerns und eine zunehmende Nachverdichtung: Bürger fordern, dass sich eine Stadtteilkonferenz mit diesen Problemen befasst. In Berg am Laim gibt es sie schon

Debatten, die notwendig sind, müssen auch geführt werden. Davon ist Thomas Kauer (CSU) überzeugt. Und der Vorsitzende des Bezirksausschusses (BA) Ramersdorf-Perlach ergänzt: "Prinzipiell würde ich auch gerne einmal mit den Bürgern Themen über den Tag hinaus diskutieren." Er denkt dabei an Fragen wie: "Ist Neuperlach ein Gentrifizierungskandidat?" oder "Wie kann man den Stadtteil digitaler machen?" Weshalb Kauer die Einführung einer "Stadtteilkonferenz", wie sie in der Bürgerversammlung für Ramersdorf Philipp Gruber beantragt hatte, auch interessiert verfolgt.

Die Initiatoren dieses Antrags stammen großteils aus dem Umfeld der Schutzgemeinschaft Ramersdorf. Sie haben sich schon in der Vergangenheit regelmäßig in Diskussionen wie zum Beispiel um die Zukunft der Gartenstädte oder den Denkmalschutz eingeschaltet. "Der Stadtteil Ramersdorf ist ein Stiefkind der Stadtentwicklung", begründen sie gleich eingangs in einem Positionspapier ihren Ruf nach einem solchen Gesprächsformat. Zwar gebe es mit dem Bau der Dreifachturnhalle an der Führichschule oder der Ansiedlung des Festspielhauses an der Rosenheimer Straße durchaus Positives zu verzeichnen. Autoverkehr, öffentlicher Nahverkehr, Grünstruktur, Bildung und Kultur hingegen seien bislang Leerstellen in der Entwicklung des Stadtteils.

Die Welt will gestaltet sein - und die Ramersdorfer würden gerne mitreden, etwa beim Ortskern. Im Bild: der "Rosengarten".

(Foto: Robert Haas)

Die Stadt kritisieren sie dafür, sich mit der Sanierung des Ortskerns Ramersdorf lange Zeit gelassen zu haben. So lange, dass beinahe der Denkmalschutz für das einzigartige Ensemble aus Kirche und Nebengebäuden verloren gegangen wäre. "In der Zwischenzeit - wir reden von Jahren - wurde immerhin das Straub-Haus vorbildlich saniert. Sein trauriges Schicksal am Ufer des Innsbrucker Rings lässt es allerdings wie Strandgut dastehen." In einem früheren Antrag wurde schon einmal ein Kultur- oder Bürgerzentrum gefordert. Die Wohnnutzung scheine nicht wirklich gut überlegt gewesen zu sein.

Außerdem monieren die Befürworter einer Stadtteilkonferenz, dass es keine Wiederbelebung des alten Ramersdorfer Ortskerns geben werde, wenn das Ensemble weiter auf einer Verkehrsinsel stehe. Solange die Verkehrsprobleme nicht gelöst seien, werde auch die Ortskernsanierung Makulatur bleiben. Es müssten Zugänge aus den angrenzenden Wohnvierteln geschaffen werden, die aber nicht bloß, so wie jetzt, aus Ampeln über vierspurige Straßen bestehen dürften. Angesichts der Überlastung des Innsbrucker Rings, die sich täglich in langen Staus von und zur Salzburger Autobahn zeigt, müsse in Ramersdorf über eine intelligente Verkehrsplanung nachgedacht werden.

Die Maria Ramersdorf zählt zu den ältesten Wallfahrtskirchen von München.

(Foto: Robert Haas)

Gesprächsbedarf wird auch für den Bebauungsplan 1638 angemeldet. Das Areal östlich der Ottobrunner Straße, im Volksmund als "Erdbeerfeld" bezeichnet, werde zurzeit sukzessive zugebaut. "Wir empfinden die Situation als äußerst unbefriedigend und stadtplanerisch relativ dramatisch und alarmierend", heißt es in der Antragsbegründung. Wenn die Stadt dort nicht handle, werde es keine Verkehrsplanung geben, Autos und Lastwagen werden über die vorhandenen Straßen in das neue Viertel drängen. Auch das könnte ein zentrales Thema einer Stadtteilkonferenz sein.

Fast zwangsläufig kommt danach das enorme Wachstum der Stadt zur Sprache, das sich in Ramersdorf als Nachverdichtung niederschlägt. Es fehle ein übergeordnetes Konzept, wie mit der vorhandenen Stadtgestalt umgegangen werden soll, während man mit unausweichlichen Veränderungen konfrontiert werde. Und bezogen auf Ramersdorf: "Die Diversität des Stadtteils mit seinen Einfamilienhaus-Strukturen, dem Gartenstadtcharakter, den Geschosswohnungsbauten und den Mischgebieten fordert einen Leitfaden, der neben Einschränkungen auch mögliche Entwicklungspotenziale aufzeigt."

Die Kreuzung von Ottobrunner Straße und Mittlerem Ring.

(Foto: Robert Haas)

In alle Überlegungen und Planungen zu solchen Themen sollten die Bürger eingebunden werden, es sei schließlich ihr Stadtteil. "Mit einer Stadtteilkonferenz könnte bei den Bürgern auf der einen Seite mehr Verständnis für die Veränderungen erreicht werden. Auf der anderen Seite können die Bürger auch Ideengeber sein, also als Ressource aktiviert werden." Am Schluss, so die Hoffnung der Antragsteller, profitieren alle Beteiligten davon.

Erste Erfahrungen mit einer Stadtteilkonferenz sammelt man gerade in Berg am Laim. Der dortige BA-Vorsitzende Robert Kulzer (SPD) hatte die Idee dazu, denn: "Wir hatten kein Format, wo man mit den Bürgern einmal tiefer über ein Thema sprechen kann." Es ist, wie es Kulzer beschreibt, gewissermaßen der Versuch, dem täglichen Klein-Klein der lokalpolitischen Arbeit wenigstens hin und wieder zu entkommen und ein größeres Tableau zu entwickeln. Das soll nun künftig zwei Mal im Jahr geschehen: Der BA und beteiligte Einrichtungen laden die Berg am Laimer dazu ganz unbürokratisch ein.

Für die Treffen gibt es keine formellen Zwänge, es wird auch nicht abgestimmt. Für Kulzer geht es eher darum, "die richtigen Leute am Tisch" zu haben. Wobei er schon die Erfahrung gemacht hat, dass sich die Stadtteilkonferenz vielleicht auch nicht für jedes Thema eignet. Während im April 2018 viele Berg am Laimer über Verkehr sprechen wollten, lockte ein Jahr später die Konferenz mit den Schwerpunkten Stadtteilkultur, Vereinsleben und Ehrenamt nur relativ wenige Bürger an. Eine gute Vorbereitung dürfte also wichtig sein. Kulzer ist sich als Politiker auch sehr wohl bewusst, dass eine Stadtteilkonferenz nicht in Beliebigkeit ausfransen darf: "Wir müssen natürlich schauen, dass aus den Ideen der Bürger auch etwas erwächst."

In Ramersdorf-Perlach ist man noch nicht so weit. Dort muss sich der BA erst einmal mit dem Antrag der Bürgerversammlung befassen. Thomas Kauer will dann auch den Kontakt zu seinem Kollegen Kulzer suchen und ihn nach seinen Erfahrungen befragen. Wobei Kauer auf die unterschiedliche Ausgangslage hinweist: Der Stadtbezirk 16 ist deutlich größer als der 14er. In der Folge könnte schnell der Ruf laut werden nach Stadtteilkonferenzen außer in Ramersdorf in Perlach, in Waldperlach, Neuperlach Zentrum oder Neuperlach Süd. "Der Bezirksausschuss darf auch nicht überstrapaziert werden", gibt er zu bedenken. Außerdem würden schon heute die Bürger zu Sitzungen des Bezirksausschusses und seiner Unterausschüsse, zu den Einwohner- und den Bürgerversammlungen sowie zu den Sondersitzungen kommen. Weshalb Thomas Kauer, dem die Idee einer Stadtteilkonferenz durchaus sympathisch ist, sagt: "Man muss sich sehr genau anschauen, was Mehrwert bringt."