Diskriminierung "Plötzlich traf mich die ganze Wucht des Hasses"

Auch Saskia Maurer sitzt auf dem blauen Sessel in der Beratungsstelle. Sie trinkt Tee, an der Wand gegenüber hängt ein Bild von bunten, arabischen Toren. In der Statistik von Before zählt Maurer zu den 111 Menschen, die Rat suchten, weil sie einen Angriff erlebten. Doch anders als ein Großteil der Betroffenen wurde Maurer nicht auf der Straße oder beim Einkaufen beleidigt, genötigt und geschlagen. Maurer erfuhr Gewalt im Internet.

Die ersten E-Mails löschte sie einfach. Doch der Hass ging weiter, auf Facebook und Twitter. Eines Tages entdeckte Maurer einen Online-Artikel mit einem Foto von ihr. Darin stand, dass es im Internet Mordaufrufe gegen sie gebe, dass die Betreiber der Seite diese aber nicht löschen würden, dass sich Maurer an die Polizei wenden könne. Ein Interview hatte Maurer der Zeitung nie gegeben. Aber tatsächlich postete ein Fremder auf Facebook "Hängt sie auf" unter ein Foto von ihr.

"Als ich den Artikel gelesen habe, hatte ich das Gefühl, die Kontrolle über mein eigenes Leben zu verlieren", sagt Maurer. "Plötzlich traf mich die ganze Wucht des Hasses, den ich vorher noch verdrängen konnte." Saskia Maurer begann, allen zu misstrauen und an sich selbst zu zweifeln. Sie löschte ihren Twitter- und ihren Facebookaccount.

Benachteiligung gehört zum Alltag, sonst müssten Schüler eine Selbstverständlichkeit wie Gleichheit nicht dokumentieren.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dann erzählen ihr Freunde von Before. Über ihren ersten Besuch in der Beratungsstelle sagt sie: "Es war das Beste, was mir in diesem Moment passieren konnte." Zuerst konnte sie sich aussprechen, dann brachten die Beraterinnen sie mit einem Anwalt in Kontakt. Maurer erstatte Anzeige. Der Mann, der den Mordaufruf ins Netz gestellt hatte, bekam eine Geldstrafe. Wie hoch, kann Maurer nicht sagen. Sie habe den Brief des Anwalts gleich in ein Regal gesteckt und nicht mehr angeschaut.

Before vermittelte Maurer auch zu einer Therapeutin. Jedes Mal, wenn in den Nachrichten von Rechten die Rede war, habe sie wieder an den Hass denken müssen, der ihr widerfahren war. Man spürt, dass es ihr immer noch schwerfällt, über all das zu sprechen. Sie willigte in ein Gespräch ein, weil sie von der Arbeit von Before überzeugt ist und hofft, dass auf diese Weise auch andere auf die Beratungsstelle aufmerksam werden. "Ich war so verwirrt, aber hier haben die mich wieder auf die Füße gestellt." Heute, sagt sie, fühle sie sich manchmal sogar noch stärker als zuvor.

Genugtuung, dass der Täter eine Geldstrafe zahlen muss, fühlt Maurer nicht. "Ich weiß, dass er verschuldet und arbeitslos ist. Ich kann verstehen, dass er frustriert ist." Es sei jemand, für den sie sich in ihrer Arbeit genauso eingesetzt hätte wie für Flüchtlinge. Gleichzeitig zeige ihr die Geldstrafe, dass das System, die Justiz noch funktioniere. Und das habe ihr wieder Vertrauen gegeben.

Inzwischen hat Maurer sich einen neuen Twitter Account zugelegt. Auch Can Aydin ist der Beratungsstelle dankbar. Doch er weiß nicht, wie er damit umgehen soll, dass das Verhalten der Lehrerin ohne Konsequenzen bleibt. Jemals wieder an einer Schule zu arbeiten, sagt Aydin, könne er sich jedenfalls nicht vorstellen. Sicher, ob er in Deutschland bleiben will, sei er sich auch nicht.

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