Diskriminierung Dumme Witze und Morddrohungen

Bei der Before-Beratungsstelle finden Opfer von Diskriminierung Unterstützung.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Der Vereon Before kümmert sich seit zwei Jahren um Opfer von Diskriminierung, Rassismus und rechter Gewalt.
  • Viele Opfer von psychischer Gewalt leiden jahrzehntelang.
Von Christina Hertel

Wenn Can Aydin als Kind im Hinterhof beim Spielen zu laut gewesen ist, schrien die Nachbarn: "Der Kanake soll dahin zurück, wo er her gekommen ist." Seine Mutter brachte ihn im Klinikum am Rotkreuzplatz zur Welt. Aydin ist 40 Jahre alt, studierter Sozialpädagoge. Mit dunklen Haaren, dunklen Augen. Und Eltern, die als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kamen. Vor vier Jahren fing Aydin in einer Münchner Grundschule als Sozialarbeiter an. Über seinen ersten Arbeitstag sagt er: "Ich habe mich gefühlt, als würden spanische Eroberer gerade die ersten Mayas sehen."

Saskia Maurer ist eine Frau, die ihre Worte abwägt, bevor sie spricht. Sie ist Wissenschaftlerin und verfasst Artikel, in denen sie sich für eine menschenwürdige Versorgung von Flüchtlingen ausspricht. Ihre Texte findet man im Internet. Eines Tages erhält sie E-Mails von Absendern, die sie nicht kennt. Sie öffnet die erste. "Was redest du für einen Müll?", steht darin. Sie öffnet die zweite: "Womit hast du deinen Doktortitel verdient?" Saskia Maurer schaut auf Facebook und Twitter. Unter einem Foto von ihr steht: "Ebenso hässlich wie dumm." "Wer hat der Frau ins Gehirn geschissen?" Das geht so weiter, wochenlang. Saskia Maurer versucht zu vergessen. Und dann liest sie: "Hängt sie doch einfach auf."

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Saskia Maurer und Can Aydin heißen eigentlich anders. Sie möchten anonym bleiben, weil sie das, was sie erlebten, immer noch nicht ganz verarbeitet haben. Ihre Fälle sind verschieden, doch beide berät der Verein Before, der sich seit zwei Jahren um Opfer von Diskriminierung, Rassismus und rechter Gewalt kümmert. Maurer und Aydin sind zwei von etwa 270 Betroffenen, die in dieser Zeit die Hilfe der Beratungsstelle in Anspruch nahmen. Darunter sind auch Menschen, die fast 40 Jahre nach dem Oktoberfest-Attentat unter den Folgen leiden. Familien, deren Angehörige von der rechten Terrorgruppe NSU ermordet wurden. Und Opfer des Anschlags am Olympia-Einkaufszentrums.

156 Menschen wandten sich an die Beratungsstelle, weil sie sich diskriminiert fühlten - aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer Behinderung, ihrer politischen Einstellung oder ihrer sexuellen Orientierung. Einer davon ist Can Aydin. Er sitzt auf einem blauen Sessel, in einem hellen Raum der Beratungsstelle, im Gebäude gegenüber befindet sich eine Augenklinik, eine Straße weiter sind Shisha-Bars, Gemüseläden, Herrenfriseure. Aydin kommt regelmäßig hierher, um zu erzählen, was er an einer Münchner Grundschule zweieinhalb Jahre lang erlebte.

"In der Pause im Lehrerzimmer äffte eine Lehrerin immer die ausländischen Schüler nach. Sie sagte Sachen wie: Du Brot geben, du Wurst geben", erzählt Aydin. Die anderen Lehrer hätten gelacht oder geschwiegen. Auch ihm gegenüber habe das Kollegium abfällige Bemerkungen gemacht. "Du mit deinem Erdoğan." "Die Südländer arbeiten halt nicht so, wie man sich das in Deutschland vorstellt."

Irgendwann sei er in der Pause gar nicht mehr ins Lehrerzimmer gegangen - so sehr habe er unter der Atmosphäre gelitten. Schüler, die aus Nordafrika stammen, hätten dieses Klima auch gespürt und sich schließlich an eine andere Schulsozialarbeiterin gewandt: "Ich hasse diese Lehrerin. Ich will in eine andere Klasse." Can Aydin versuchte erst mit dieser Lehrerin zu sprechen und als das nichts brachte, entschied er sich, seinen Vertrag nicht zu verlängern.

So ähnlich wie Can Aydin geht es vielen, die sich an Before wenden. In etwa einem Viertel aller Fälle suchen die Menschen Unterstützung, weil sie sich am Arbeitsplatz herabgewürdigt fühlen. Mehr als die Hälfte aller Betroffenen sind von den Tätern abhängig. Aydin hat zusammen mit den Beratern und Anwälten von Before eine Dienstaufsichtsbeschwerde verfasst. Sie wurde ablehnt. Es stand Aussage gegen Aussage. Aydin ärgert das immer noch. "Aber immerhin", sagt seine Beraterin Léa Rei, "müssen sich die Leute dann mit ihren Taten auseinandersetzen." Die Lehrerin und die Rektorin wurden befragt. Und das sei schließlich für niemanden angenehm.