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Digitales Lernen in Bayern:Mebis - schlecht in Form und meistens platt

SZ-Leser rügen, dass das Kultusministerium die bekannten Probleme der Lernplattform seit Monaten nicht beheben konnte

Hoch gelobt, wenn's funktioniert - derzeit aber leider meist eher eine digitale Verdruss-Plattform für Bayerns Schulen: Mebis.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

"Das Rätsel der Pannen-Plattform" vom 18. Dezember, "Piazolo gerät zunehmend unter Druck" vom 17. Dezember, Kommentar "Söders größte Schwachstelle" vom 16. Dezember sowie "Schulnetzwerk Mebis fällt erneut aus" vom 12. Dezember:

Hinterherhinkendes System

In der ersten Coronawelle ab März 2020, als die Schulen geschlossen wurden, habe ich verstanden, dass es Zeit braucht, ein digital derart nachhinkendes Schulsystem, wie es in Deutschland vorherrscht, wenigstens so weit voranzubringen, dass ein bisschen Unterricht online stattfinden konnte. Über den Sommer waren mehrere Monate Zeit, an die Zukunft zu denken und die Schulen auf die zweite Welle, die ja von Experten immer prophezeit wurde, vorzubereiten. Gemacht wurde anscheinend nichts.

An die Eltern im Homeoffice, die jetzt die Kinder zuhause haben, die keine festen Online-Termine für den Schulunterricht haben, will ich gar nicht denken. Vielleicht verstehen die Beamten im Kultusministerium unter dem Begriff "arbeiten" etwas anderes als die Angestellten, die derzeit von zuhause aus in Online-Meetings nicht die Zeit haben, sich um die "beschäftigungslosen" Kinder zu kümmern. Was aber dem Ganzen die Krone aufsetzt, ist, dass das Kultusministerium den engagierten Lehrern (ja, die gibt es auch) jetzt sogar die Möglichkeit des Distanzunterrichts wegnimmt. Wir haben in Bayern eine gesetzlich vorgeschriebene Schulpflicht, ich leite daraus auf der anderen Seite auch ein Recht auf Schulbildung ab. Die aktuelle Regelung bedeutet für mich das Eingeständnis des Totalversagens des bayerischen Kultusministeriums, über die Sommermonate ein funktionierendes System des Distanzlernens auf die Beine zu stellen.

Ich selbst arbeite in der medizinischen Wissenschaft. Würden wir so arbeiten wie das Kultusministerium, könnten wir auf den Corona-Impfstoff noch zehn weitere Jahre warten (wenn das reicht). PD Dr. Burkhard Summer, München

Mensch statt Technik

Die Diskussion über die Bedeutung digitaler Medien zeigt, dass sich ein fataler Paradigmenwechsel im Bildungsverständnis an deutschen Schulen vollzogen hat. Sowohl die irrationale Euphorie über die vermeintliche Wirksamkeit digital gesteuerter Lehrprozesse als auch die hochemotionale Erregung über die deutschlandweite Instabilität technischer Plattformen ist rührend. Anstelle von Illusionen und Panikreaktionen wäre gerade jetzt eine Rückbesinnung auf den Kern von Bildung und Lernen nötig: Kinder und Jugendliche lernen nur dann, wenn sie sich in der unmittelbaren Beziehung zu Erwachsenen entwickeln. Wo dieser Kernprozess fehlt, bleibt menschliche Bildung auf der Strecke. Medien sind Mittel zum Zweck. Wenn das eine Medium ausfällt, kann man ein anderes Instrument nützen. Wenn Mebis nicht geht, gibt es immer noch Email und Telefon. Wo es weder Dateien noch Videos gibt, bleiben Schulbücher und Hefte. Man kann sich auch in der Pandemie durch vorausschauende und ökonomische Unterrichtsvorbereitung als Lehrkraft gut behelfen. Und aus der Vatersicht weiß ich, dass Schüler wie Eltern auch eine Bringschuld haben: Interesse und Motivation sind entscheidender als Serverkapazitäten und Mediendidaktik. Auf den Menschen kommt es an, nicht auf die Technik. Thomas Gottfried, Freising

Auch ein Altlastenproblem

Der Ärmste im Kultusministerium (KM) ist ein neuer Kultusminister in den ersten Amtsjahren. Das KM ist in der Struktur - und die hat sich in den Köpfen vieler Ministerialen "hoheitlich" gut eingenistet - viel näher an Graf Montgelas und seinen absolutistischen Vorstellungen angesiedelt als an demokratiestützenden Positionen, Inhalten und Abläufen. Da kann ein Minister wohl "ein Mensch (sein), der anderen zuhört" (SZ-Kommentator Sebastian Beck), aber das, was ihm erzählt wird, ist durch so viele auf die jeweilige Änderung bezogene Widerstands- und Teamgeistfilter gelaufen, dass er glauben muss, was ihm erzählt wird. Das Pech von Minister Piazolo ist, dass er sich, wahrscheinlich in Unterschätzung dieser Realität, auf das Ministeramt eingelassen hat. Er hat so den Schwarzen Peter in die Hand genommen für die jahrzehntelange Untätigkeit der CSU hinsichtlich einer für alle Bevölkerungsgruppen chancengleichen Bildungspolitik. Und dafür, dass unter dem parteihörigen Geist des KM die Schulen nie zu einem Schulungsort gestaltet wurden, dessen Ziel es ist, mit den Inhalten und Methoden ihre "Nutzer" in allen Altersgruppen zu Demokraten, zur mitverantwortlichen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu motivieren und zu befähigen (siehe auch Digitalisierung und Mebis). Das Bild zu diesem Artikel macht das sehr anschaulich deutlich: Ein Finger von Ministerpräsident Söder zeigt auf Herrn Piazolo, drei Finger auf sich selbst, damit auf die CSU, deren Chef er ist. Hans Michael Miller, Freising, 20 Jahre Schulleiter

An der LMU funktioniert Zoom

Als Seniorenstudentin der LMU erstaunen mich Berichte über die häufigen Pleiten, Pech und Pannen bei der Schulplattform Mebis. Wir alten, überreifen Studenten sind offensichtlich privilegiert. Über das Programm Zoom kann ich als Seniorenstudentin weiterhin an Vorlesungen und Seminaren teilnehmen, Darüber bin ich glücklich: die Dozentin oder der Dozent hockt jetzt auf meinem Schreibtisch, blickt mir tief in die Augen und erklärt mir materialgestützt neue Inhalte. Aber auch Zoom kennt seine Grenzen: Bei zu vielen Studenten ist es sinnvoll, das eigene Mikrofon und Bild zu deaktivieren, solange man selbst nichts zu sagen hat, damit das System nicht zusammenbricht. Könnte es sein, dass die Plattform Mebis zu viele Aufgaben erfüllen will: Klassenzimmer mit Mediatheken, Audio- und Videodateien sein und als Pool für Haus- und Prüfungsaufgaben dienen? Ute Taube, Oberhaching

© SZ vom 21.12.2020
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