Digitale Förderung:Freiraum für Kultur?

Germany, Bavaria, Munich, Aerial view of Monopteros and English Garden at dawn SIEF09998

Platz da! Till Hofmann hat von der bayerischen Schlösserverwaltung Spielrechte im Englischen Garten erhalten. Auch andere sollen mehr auf Staatsgelände veranstalten dürfen - wie, das wird gerade geklärt.

(Foto: Martin Siepmann/Imago)

Die Plattform "Bayern spielt!" soll dem Open-Air-Sommer Schwung verleihen. Doch manche rätseln noch, wie

Von Michael Zirnstein

Die Idee ist so zwingend, dass Markus Söder sie längst zur Chefsache erklärt hat. Zunächst malte der Ministerpräsident einen bunten "Kulturfrühling" in den Corona-grauen bayerischen November-Himmel 2020. Als der Frühling näher rückte, wurde ein "Kultursommer" draus. Nun heißt Söders Mutmach-Mission für die Corona-gelähmte Kulturwelt endgültig "Bayern spielt!". Sein Kunstminister Bernd Sibler teilte vor zwei Wochen mit, was man zu erwarten habe von dieser "neuen Plattform". Siblers "Herzensangelegenheit" sei es, Kunst und Kultur für streaming-müde Besucher "wieder direkt erlebbar, spürbar, sichtbar zu machen".

Wer sich - Künstler, Veranstalter und Zuschauer - im Mal um Mal verlängerten Spielverbot auf Musik, Theater und Tanz in Hülle und Fülle freut, hofft wohl auf ein gewaltiges Spektakel unter der tatkräftigen Leitung des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Immerhin hatte dieses (mindestens) ein halbes Jahr lang Zeit für "konzeptionelle Überlegungen", wie es die Umsetzung von Söders Vision zwischendrin nannte. Was wird also kommen? Ein sommerlanges landesweites Festival mit Open-Airs auf den versprochenen Flächen des Freistaats und in den 2000 Kommunen, die Sibler zu einem "Kulturpakt" einen will?

Wer den aktuellen Stand beim Ministerium erfragt, könnte enttäuscht sein. Dort verweist man an die Zentrale für "Bayern spielt!" bei "Bayern kreativ" in Nürnberg, die Abteilung für Kunst- und Kreativwirtschaft der Wirtschafts-Impulsgeber-Plattform "Bayern innovativ". "Bayern spielt!", das ist bisher nur eine Homepage, vielmehr die Idee davon. Das erklärt Oliver Wittmann, Leiter des Teams "Bayern kreativ", das beileibe nicht unkreativ und untätig war. So hat es das viel gelobte Förderprogramm für Spielstätten in Corona-Not auf den Weg gebracht. Weil man als Berater des Ministeriums, der Wirtschaft und der Künstler "an der Schnittstelle" sei, habe man sich bei "Bayern spielt!" ins Spiel gebracht. Die Aktion solle "ein Hoffnungsschimmer für Leute auf und hinter der Bühne und das Publikum" sein, sagt Wittmann. Den verängstigten Kulturschaffenden und Zuschauern wieder Schwung geben, das sei die Mission, die Homepage "das zentrale Instrument". Ein Online-Terminkalender, in den alle Kulturreferate, Staatstheater und privaten Veranstalter selbst eintragen dürfen, wo man wieder "Kulturluft schnuppern" kann.

Nun ist die Entwicklung und Pflege einer solchen offenen Datenbank unter Berücksichtigung aller rechtlichen Fallstricke (wer haftet für illegale Einträge?) gewiss eine Herkulesarbeit. Für die technische Umsetzung läuft gerade eine Ausschreibung, im Juni soll alles online gehen. Aber wird so ein sich dann allmählich füllender Kulturkalender auch nur einen einzigen Veranstalter mehr hervorlocken? Wohl kaum. Und zusätzliches Geld als Anreiz stellt der Freistaat mit "Bayern spielt!" auch nicht bereit. Wittmann kann in seiner Funktion als "Förderlotse" lediglich auf Programme wie den "Kultursommer 2021" des Bundes hinweisen, der 30,5 Millionen Euro zur Förderung regionaler Festivals stiftet, die jeweils 100 000 bis 500 000 Euro bekommen - allerdings nur Landkreise und kreisfreie Städte, mit denen müssten sich dann private Veranstalter zusammentun, und das schnell, die Bewerbungsfrist läuft am 22. April ab.

Für Wittmann ist "das A und O", dem Publikum "ein facettenreiches Bild von dem zu zeigen, was in Bayern geschieht". Gut, das ist momentan verschwindend wenig, dürfte aber mehr werden. Bei "Bayern kreativ" haben sich schon viele Kommunen gemeldet, an die Sibler mit seinem Brief appelliert hat. Wie München den "Kultursommer in der Stadt" oder Rosenheim das "Strandkorb-Festival" bereitet auch Augsburg aerosolsichere Open-Air-Veranstaltungen vor, etwa den Gaswerk-Sommer, den Jazz-Sommer, "100 Jahre Mozartfest" oder das Festival der Kulturen. Das alles hätte es auch so gegeben, sagt Kulturreferent Jürgen Enninger, "aber wenn es Hilfe gibt, dann: Juhu!" Nach anfänglichen Schwierigkeiten der Kontaktaufnahme sei man nun im Gespräch und lerne, "was die vorhaben. Wir als Kommune müssen auf die zugehen und sagen, das können wir liefern", findet Enninger. Und, "ja", Siblers Appell sei angekommen. Bei Enningers Auftrag ("Wir müssen die Menschen wieder rausbringen") wünsche er sich aber mehr fachliche Unterstützung: "Wir brauchen klare Planungsvorgaben, Kooperation bei Hygienekonzepten für Festivals, logistische Hilfe, eine Hotline, die funktioniert ..."

Beim Verband der Münchner Kulturveranstalter hat man sich auch mehr erwartet als eine Festival-Übersicht im Internet. "Das ist doch nur ein Zuckerl, und alle Affen springen hinterher", sagt Anna Kleeblatt aus dem VdMK-Vorstand. Statt Notprogramme im Freien anzukurbeln, fordert sie endlich die Rückkehr zum Stammbetrieb, eine "Alternative für das ewige Auf und Zu": Viele Konzerthallen und Theater seien nachweislich sicher, "wir haben Top-Hygiene-Konzepte, was hindert uns, die wieder aufzuschließen?" Die Veranstalter bräuchten zudem finanzielle Anreize: "Wer etwas machen will, braucht die Zusage, dass die Kosten übernommen werden, wenn der Lockdown kommt."

Wie gesagt, Geld hat Oliver Wittmann nicht zu vergeben. Viele andere Wünsche habe er aber auf dem Zettel, zum Beispiel, eine "Handreichung zu Hygienekonzepten" auf der Homepage mitzuliefern; oder geeignetes Gelände von der staatlichen Schlösserverwaltung zu vermitteln - das Wie und Wer werde Freistaat-intern gerade besprochen. Das alles sei "im Flow", er könne aber nichts versprechen, sagt der Jurist und Eventmanager, die Kulturschaffenden seien oft genug enttäuscht worden.

Einer hat sich nie entmutigen lassen. Im Gegenteil, Till Hofmann, Konzertagent und Bühnenbetreiber aus München und Passau, hat nach dem ersten Lockdown neue Wege erschlossen, zog mit seiner mobilen Open-Air-Bühne "Eulenspiegels Flying Circus" in Regionen, die noch nie ein Kabarettist gesehen hatte. Dass er gerade in den Rathäusern auf dem Land herzlich empfangen wurde, zeigte ihm: "Wenn man was macht, identifizieren sich die Leute voll damit" - das wiederum war Grundlage für ein Konzept, das er Söder schickte und das wohl der Grundstock für den Kulturbund "Bayern spielt!" wurde - "da geht es nicht um mich, und das Ministerium kann auch keine Organisationsarbeit leisten, da sollen alle Agenturen und Kommunen mitmachen!" Hofmann geht auch 2021 voran, 120 Termine seines Flying Circus stehen längst fest, ständig kommen neue dazu, gerade zwei Konzerte mit Dreiviertelblut auf der Klosterwiese in Niederalteich. Man redet über ein offizielles Auftakt-Festival zu "Bayern spielt!" Der Freistaat hat ihm erneut den Innenhof des Deutschen Museums überlassen sowie "einige schöne Ecken im Englischen Garten", was vor Corona undenkbar war: "Es ist total viel drinnen jetzt", sagt Hofmann, "bei den Genehmigungen wird es einem viel leichter gemacht." Gerade die Staatsregierung gehe da mit: "Markus Söder ist ganz klar, im Sommer muss etwas passieren."

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