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Digitalanalog-Festival:Ganz neue Töne

Digitalanalog 2020

Die Münchner Band Tula Troubles spielte wie alle anderen Musiker beim Digitalanalog-Festival 2020 ohne Live-Publikum.

(Foto: Gunter Hahn)

Das Digitalanalog-Festival muss dieses Jahr ohne Live-Publikum auskommen. Dafür sind Kamerateams und Techniker im Einsatz. Sie lassen die Gratis-Veranstaltung komplett im Internet über die Bühne gehen

Von Dirk Wagner

Keine Fotos/Videos aus dem Backstage-Bereich posten", gemahnen die Schilder, die die Veranstalter des Digitalanalog-Festivals im Gasteig ausgehängt haben. Damit folgen sie einer weiteren Corona-bedingten Auflage des Hauses, die in dem Fall "missverständliche Bilder und Videoaufnahmen" vermeiden sollte. Doch wie hätten diese denn aussehen sollen? Dass enthemmte Künstler aus Freude über das Festival jede Virus-bekämpfende Distanz ignoriert hätten? In den U- und S-Bahnen zum Gasteig steht man jedenfalls deutlich gedrängter als auf dem Festival. Zu diesem sind nämlich nur die mitwirkenden Künstler, Moderatoren und Techniker zugelassen. Das Publikum darf nicht hinein, darf sich das zweitägige Festival nur auf der Internetseite digitalanalog.org anschauen, wo Konzerte nahezu gleichzeitig von fünf bespielten Bühnen angeboten werden.

So gesehen ist der gesamte Bereich im Gasteig vom Carl Orff-Saal bis hin zur Black Box beim diesjährigen Digitalanalog eigentlich ein einziger Backstage-Bereich, zieht man einmal das im Internet gezeigte Bühnengeschehen ab. Jenseits des Bühnengeschehens könnte man höchstens - abgesehen von den Kameraleuten und Tontechnikern - ab und zu ein paar andere Musiker erblicken, die mit entsprechendem Abstand zueinander den gerade auf der Bühne spielenden Kollegen lauschen. Das heißt, in einigen Fällen ist außer dem laut schepperndem Schlagzeug nichts zu hören. Es übertönt den Gesang und die restlichen Instrumente. Schließlich gibt es in den Räumen selbst ja keine Lautsprecher, über die das nicht anwesende Publikum sonst beschallt worden wäre. Wer daheim ist, hört also seltsamer Weise mehr.

Digitalanalog 2020

Über Kabel: Mario Schönhofer, bekannt von den Bands Ströme und La Brass Banda, an analogen Synthesizern mit Modular Jazz in der Black Box.

(Foto: Gunter Hahn)

Umgekehrt müssen die Bands auf den Applaus verzichten, der sie sonst in Konzerten anfeuert. Womöglich hören sie Gespräche der Kameraleute, von denen freilich nichts draußen zu hören und zu sehen sein wird. Die Sängerin Fredo Ramone der Chanson-Punk-Band Les Millionnaires irritiert es aber trotzdem, als sie zwischen den Songs zum Publikum an den Rechnern daheim spricht, während um sie herum das Kamerateam Instruktionen erhält. Anmerken lässt die Sängerin sich die Irritation allerdings nicht. Überhaupt liefert sie an der Seite des Gitarristen Christian "Phonoboy" Höck eine Show, als würde sie vor begeisterten Zuschauern spielen. Soviel schauspielerisches Talent beweist nicht jede Band.

Die Hip Hop-Band Beta, die sich auf der Bühne des Carl Orff Saals noch ein Rockduell mit Gastmusikern der Post-Hardcore-Band Marathonmann liefert, thematisiert stattdessen die merkwürdige Konzertatmosphäre. "Willkommen zur Bandprobe!" sagen sie zum Beispiel, weil um sie herum alles wirkt wie in einem Proberaum. Nicht einmal der Zuschauerraum ist zu sehen. Stattdessen blickt man von der Bühne aus auf eine schwarze Wand. Die hier spielenden Bands stehen im Kreis zueinander, umgeben von Kameras. An einer Seite des Raums beobachten Mitarbeiter der Mediaschool Bayern das Gefilmte auf Monitoren, wählen aus den angebotenen Bildern der Kameras das aus, das sogleich für die Zuschauer daheim ausgestrahlt wird, und mischen dieses auch noch mit visuellen Kunststücken, die Vjs der Musik hinzufügen. In normalen Konzerten sind solche Visuals zumeist auf einer rückwärtigen Leinwand zu sehen. Hier sind sie Teil des "Fernsehbilds".

Entsprechend dezent hätte sie ihre Bilder für Gudrun Mittermeiers Auftritt gestaltet, sagt die VJ Sicovaja alias Valerie Holmeier. Damit wolle sie es der Regie erleichtern, ihre Kunst ins Konzertvideo einfließen zu lassen. Wie die Bildmischung am Ende ausfallen wird, überlässt sie vertrauensvoll dem Team der Mediaschool. Sie selbst konzentriert sich an einem seitlichen Pult stehend allein auf ihre Arbeit, für die sie sich regelrecht in Mittermeiers Musik fallen lässt. Als wäre sie eine mitspielende Musikerin tänzelt sie dazu, singt textsicher mit und wirkt auf ihren Computer ein, als wäre dieser ein Tasteninstrument. Die Künstlerin scheint sich geradezu in Mittermeiers Musik aufzulösen, um erst in Form ihrer Visuals wieder in Erscheinung zu treten. Als erlebt die VJ Sicovaja selbst die Musik als eine Auflösung aller Ich-Grenzen. Und doch bleibt sie aufmerksam genug, um eine plötzliche technische Panne zu bemerken. Ohne Panik, als sei nichts geschehen, blickt sie zum Technik-Pult. Dort hat man die Panne auch schon bemerkt. Weil zwischen dem aufgenommenen und dem gesendeten Bild aber 30 Sekunden als Puffer liegen, schiebt der Bildmischer routiniert ein anderes angebotenes Bild dazwischen, so dass die Zuschauer daheim statt des Patzers nun die Finger des Gitarristen sehen, die über die Saiten gleiten.

Solches lösungsorientierte Arbeiten während einer Live-Übertragung gefällt auch der 18-jährigen Kamerafrau Sandra Fröhling. Sie ist Mitarbeiterin der Jugendredaktion "Dein Life", die gemeinsam mit den Mitarbeitern des Radiosenders M94.5 und der Mediaschool Bayern sowie den Technikern des Gasteigs dafür sorgen, dass das diesjährige Digitalanalog-Festival samt Moderationen und Filmzuspielungen im Internet zu sehen ist. Einiges würde sie beim nächsten Mal anders machen, sagt Veronika Silberg von M94.5, die vor allem die gesamten Moderationen und Interviews zwischen den Konzerten koordiniert. Schließlich ist diese Form des Festivals für alle Beteiligten eine neue Erfahrung. Und doch beweist das Ergebnis großartig neue Möglichkeiten eines gestreamten Festivals. Trotzdem wünschen sich die Veranstalter Claudia und Stefan Holmeier, dass das zwanzigste Digitalanalog-Festival nächstes Jahr wieder analog stattfindet. Mit Publikum also vor Ort!

© SZ vom 19.10.2020
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