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Diesel In der Abgaswolke des Vordermanns

Kurzfristig ist es kein Problem, giftigen Abgasen der anderen Autos ausgesetzt zu sein - für Vielfahrer und chronisch Kranke sieht das aber schon anders aus.

(Foto: dpa)
Von Andreas Schubert , München

Draußen regnet es und es ist ziemlich windig. Das macht die Luft sauberer, ein Teil der Abgase wird weggeweht. Dennoch schnellen die Kurven steil nach oben, die Denis Pöhler und sein Kollege Richard Brenner auf ihrem Laptop sehen - immer dann, wenn ein Diesel vor ihnen fährt. Auf bis zu 750 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft draußen, auf 350 drinnen. Pöhler und Brenner nehmen es nüchtern zur Kenntnis.

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Der Grenzwert für Stickstoffdioxid liegt bei einem Jahresmittel von 40 Mikrogramm, er wird in München an einem Viertel aller Hauptstraßen überschritten. Vergangene Woche haben Pöhler und Brenner vom Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg nun auch die Werte im Innenraum von Autos gemessen.

Ihr Resultat: Die Insassen eines normalen Wagens sind den giftigen Abgasen beinahe so konzentriert ausgesetzt, als würden sie sich direkt hinter ein Auto mit laufendem Motor stellen. Auftraggeber der Testfahrt ist die Bundestagsfraktion der Grünen, die damit den politischen Druck erhöhen will: Für Mittwoch hat die Bundesregierung die Autohersteller zum Diesel-Gipfel geladen.

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Während der Fahrt durch München erfasst ein Gerät die Belastung der Luft mit Stickstoffdioxid im Freien wie im Wageninneren. Im Schnitt messen die Heidelberger Wissenschaftler über drei Tage rund 89 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft; nimmt man nur die Stoßzeiten, kommt man auf 122 Mikrogramm. Der Durchschnittswert für die Innenstadt liegt im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr bei 91 Mikrogramm, der für den Mittleren Ring bei 123, für die Autobahnen bei 78 und in den Münchner Tunnels bei 198. Mehrmals am Tag sind die beiden Forscher eine Strecke von 44 Kilometern abgefahren. Auf der Route standen Münchner Nebenstraßen und Hauptverkehrsachsen, der Mittlere Ring sowie die Autobahnen A 8 und A 995.

Im Heckenstallertunnel zum Beispiel liegt der Stickstoffdioxid-Wert außerhalb des Fahrzeugs bei 300 Mikrogramm, im Inneren sind es noch 250 - am frühen Nachmittag, bei relativ wenig Verkehr. Morgens sind die Werte mindestens doppelt so hoch, wie die Testfahrten ergeben haben. Das gilt auch im Altstadtringtunnel, wo die Kurve auf 150 für den Innenraum steigt, auf 300 für draußen. Ein generelles Ergebnis: In Tunnels und an Kreuzungen ist die Belastung verhältnismäßig hoch.

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Mit dem Messgerät kann Pöhler immer sagen, ob ein Diesel vor ihm fährt. Bei Benzinern sind die Stickstoffdioxid-Emissionen wegen des Katalysators kaum mehr messbar. Aus Dieselautos aber kommt das Reizgas praktisch ungefiltert durch die Lüftung ins Fahrzeuginnere. Ein Pollenfilter, wie er inzwischen in den meisten modernen Autos eingebaut ist, hilft nichts - er hält höchstens Feinstaub ab. Gegen Stickstoffdioxid wiederum würde nur ein Aktivkohlefilter helfen, der 80 bis 90 Prozent des Gifts filtern könnte. Doch der gehört nicht zur Standardausrüstung von Pkw.

An Radwegen dürfte die Belastung nicht ganz so schlimm sein

Grenzwerte, die eine Maximalbelastung von Autofahrern festlegen, gibt es nicht. Ist das Reizgas mal in der Luft, verflüchtigt es sich relativ schnell und ist weiter entfernt von der jeweiligen Quelle nicht mehr derart konzentriert. Auch an Radwegen dürfte die Belastung nicht ganz so schlimm sein, weil sie neben den Straßen verlaufen, sagt Pöhler.

Die Autofahrer auf dem Mittleren Ring hingegen sitzen mitten in der Abgasfahne ihrer Vorderleute. Und wer täglich im Berufsverkehr unterwegs ist, bekommt das zu spüren. "Es trifft nicht nur Anwohner, Fußgänger und Fahrradfahrer", sagt Oliver Krischer, Vize der Grünen-Bundestagsfraktion. "Gerade Taxi- und Busfahrer sind von der schlechten Luft betroffen, weil sie permanent in den Innenstädten unterwegs sind."

Deshalb muss Stickstoffdioxid aber nicht gleich für jeden schädlich sein: Gesunde Menschen reagierten auf eine kurzfristig erhöhte Belastung fast gar nicht, erläutert die Epidemiologin Annette Peters vom Helmholtz-Zentrum München. Anders sei es bei Personen mit Atemwegserkrankungen oder anderen chronischen Krankheiten. Man gehe zudem davon aus, dass auch Kinder besonders anfällig sind, sagt Peters. Wer dem Stickstoffdioxid aber länger ausgesetzt sei, also wer etwa an einer stark belasteten Straße lebt, habe ein erhöhtes Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben.

"Die Luftqualität in unseren Städten ist in den letzten Jahrzehnten zwar besser geworden", sagt Peters. "Aber die Luft ist immer noch durch Feinstaub, Stickoxide und Ozon belastet." Das gelte für andere deutsche Städte genauso wie für München. Und Stickstoffdioxid könne auch bei einer Belastung unterhalb der Grenzwerte Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Die Weltgesundheitsorganisation weist schon seit Längerem darauf hin, dass bereits eine Belastung von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel schädlich sei - das ist die Hälfte des EU-Grenzwerts.

Auch Denis Pöhler sagt das. Seiner Einschätzung nach hat der Diesel für kleinere Fahrzeuge keine Zukunft. Denn auch Fahrzeuge, die die Euro-6-Norm erfüllen, bliesen eine Menge Stickoxid in die Luft. Dass man Dieselabgase so sauber bekommt wie die von Benzinern, glaubt der Physiker nicht.

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