Die Wirkung von Licht und Farben Warum rote Socken warme Füße machen

Rot treibt den Stoffwechsel an, Blau lässt den Körper runterfahren - diese und andere Erkenntnisse lassen sich in der sogenannten Lichtwoche gewinnen

Von Gerhard Fischer

Sonntagabend in der Breisacher Straße in Haidhausen: In einem Hinterzimmer sitzen sechs Leute an einem Tisch, über dem eine große Leuchte hängt. Nein, die Leute pokern nicht. Sie essen und trinken Wein, und immer wenn eine Frau auf einen Knopf drückt, wechselt das Licht der Leuchte. Dann nehmen die anderen einen Schluck Wein und sind erstaunt: Bei grünem Licht schmeckt der Wein anders als bei rotem. Oder bei blauem.

In München läuft derzeit die sogenannte Lichtwoche mit 45 Veranstaltungen. "Alle sind komplett ausgebucht", sagt Nils-Peter Hey vom Richard Pflaum Verlag, der die Lichtwoche mit seiner Fachzeitschrift Licht organisiert. Es gibt Fachvorträge, es gibt große Veranstaltungen wie die Lichterfahrt am Flughafen, bei der die Beleuchtungs-Technik der Start- und Landebahn angeguckt wurde; aber es gibt auch kleine Events wie die Weinprobe.

Elisabeth Schiller ist Augenoptiker-Meisterin und Licht- und Farbtherapeutin. Die Weinprobe findet im Hinterzimmer ihres Geschäfts in Haidhausen statt, und sie ist die Frau, die per Knopfdruck das Licht der Leuchte wechselt. "Das ist eine medizinische Leuchte, wie sie Haut- oder Zahnärzte verwenden", sagt sie und schenkt den Leuten Weißwein ein. Sie trinken bei weißem Licht. Schiller drückt auf den Knopf, die Farbe der Leuchte wechselt auf rot. Die Leute trinken wieder - und sind überrascht und offenbar sofort überzeugt. "Er schmeckt säuerlicher!", ruft eine Frau. Die anderen nicken.

Impressionen von der Lichtwoche: Light Painting vor dem Container.

(Foto: Ingo Sebastian)

Warum schmeckt er säuerlicher?

"Rot wirkt besonders auf uns ein, der Stoffwechsel steigt um 13 Prozent", sagt Elisabeth Schiller. Das habe Auswirkungen auf den Geschmack. Die Leute reden durcheinander; jeder weiß etwas zum Thema Rot und seine Wirkung. Schiller sagt, wer rote Socken trage, habe wärmere Füße; oder dass man Menschen in einem roten Raum zum Kollabieren bringen könne, weil der Kreislauf immer schneller werde; oder dass Sportler mit roten Trikots öfter gewinnen würden - was endlich das Geheimnis lüftet, weshalb der FC Bayern in der Bundesliga oben steht und 1860 bloß in der Regionalliga. "Blau ist nicht so aggressiv", sagt Schiller. "Bei hellblau fährt alles im Körper runter." Tatsächlich ist der Wein süßer, wenn die Leuchte blau ist.

Der Abend schreitet voran, die Leute trinken dann Rotwein und sehen, dass das Farbenspiel auch hier funktioniert ("das schmeckt öliger", "jetzt ist der Wein samtiger"). Elisabeth Schiller erklärt, dass der Mensch die Sinne zusammen führe, das Auge also sozusagen mittrinke. "Würden wir uns die Augen verbinden, würden wir gar nicht mehr merken, ob das Rot- oder Weißwein ist." Die Leute essen und reden und keiner merkt, dass die Stunden verrinnen. "Die Erwartungen wurden erfüllt und übertroffen", sagt ein Teilnehmerin.

Ein Besuch in der Wachszieherei.

(Foto: Stephan Rumpf)

Montagabend in der Lazarettstraße in Neuhausen. In einem Container-Raum des Pflaum Verlags sitzen etwa 30 Menschen und gucken auf eine Leinwand mit bunten Buchstaben. Christian Seiche, Kopf der Gruppe Guerrilla Ligthing, erklärt den Teilnehmern, was sie gleich draußen im Hof machen sollen: Buchstaben in die Luft zeichnen, indem sie Suchscheinwerfer schwenken. "Die Buchstaben sind spiegelverkehrt und sie dürfen nicht zu klein sein", sagte Seiche, "sie müssen personengroß sein, da muss man schon ein wenig Abendgymnastik machen." Dann stellen sich die Teilnehmer mit ihren Scheinwerfern vor dem Container auf. Etwa zehn Meter vor ihnen steht der Fotograf Ingo Sebastian. Als sie ihre Scheinwerfer in Buchstabenform schwenken, entsteht auf Sebastians Kamera ein Wort, "Büro" zum Beispiel.

"Das geht mit Langzeitbelichtung", erklärt er, "sie haben so lange Zeit mit dem Schwenken, wie die Belichtung läuft." Ein normaler Fotoapparat hat ein paar Sekunden, aber Sebastian hat eine spezielle Kamera mit Live Composite-Technik - die Belichtung läuft, so lange der Akku hält.

Nach "Büro" malen sie nun "Kindergarten" in die Luft. Mehr Buchstaben, mehr Menschen, mehr Fehler. "Das K muss noch größer werden", ruft Seiche in die Nacht, "und das R tanzt aus der Reihe." - "Das R hat Rücken", sagt der Mann, der das R mit dem Scheinwerfer malt. "So schaut's auch aus", erwidert Seiche. Alle lachen.

Eine Weinprobe bei grünem Licht.

(Foto: Catherina Hess)

Guerrilla Lighting, eine lose Gruppe von Aktivisten, will auf Missstände aufmerksam machen, indem sie diese sozusagen ins Licht setzt. Die Wörter vor dem Container sollen zeigen, dass immer mehr Einrichtungen in Containern untergebracht werden: Büros, Kindergärten, aber auch Flüchtlingsheime oder Schulen. "Schuhle" schreiben sie absichtlich mit "h". Seiche lächelt. "Auch bei der Bildung gibt es Missstände in Deutschland", sagt er.