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"Die Wärme ist verloren gegangen":Gefährliche Schokolade

Emre Akal in seinem Bühnenkasten. Frei bewegen können sich seine Darsteller nicht. Der Regisseur will ausloten, "wie weit der Mensch sich verbiegen lässt, bis der Genickbruch kommt".

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Theater-Regisseur Emre Akal fragt sich in seinem aktuellen Stück, wie es passieren konnte, dass ein Land wie die Türkei in Sprachlosigkeit versinkt. Es geht aber nicht nur um die Heimat seiner Eltern. "Mutterland . . . stille" zeigt Menschen, die im Korsett unterdrückter Gefühle gefangen sind

Emre Akal sitzt am Regiepult - dunkler Rollkragenpulli, Strickmütze auf dem Kopf, sein Blick ist auf die Bühne fokussiert. Dort agieren sechs Schauspieler in einem hell erleuchteten Kasten mit transparenten Gaze-Wänden. Der Rest des Hinterhoftheaters Hoch X ist dunkel. Probe für Emre Akals neues Stück "Mutterland ... stille". Höchste Konzentration.

Es geht in dem Stück um eine türkische Familie, Großvater, Vater, Mutter, drei fast erwachsene Kinder. Eine Familie, gefangen im Korsett unterdrückter Gefühle, übermächtiger Tabus. Die Mimen platzen schier vor Angst, Wut und Enttäuschung, doch sie wissen nicht, wem sie noch trauen können. Schon ein Stück Schokolade kann gefährlich werden. Der Mikrokosmos Familie steht hier stellvertretend für eine Gesellschaft, die ihr Fundament zu verlieren droht. Was bisher gewiss war in den Beziehungen zwischen Menschen, ist plötzlich in Frage gestellt - Emre Akal hat für die Sprachlosigkeit starke Bilder gefunden.

"Ich wollte kein Dokumentartheater machen", sagt der Münchner Autor und Regisseur, "keine Performance." Er wollte die Zuschauer fühlen lassen, was die Sprachlosigkeit mit einem macht. Es ist mal komisch, mal schmerzhaft, dabei zuzusehen, wie sich die sechs Akteure zwischen Slapstick und Abstraktion selbst im Wege stehen. Den Opa spielt Erkin Akal, Emres Vater. Er war ein politisch engagierter Schauspieler in der Türkei, bevor er in den 1980er Jahren nach Deutschland kam, wo sein Sohn geboren wurde.

"Mutterland" heißt das Stück. Denn in der Türkei, dem Land, in dem starke Männer das Sagen haben, gibt es den Begriff Vaterland nicht. "Interessant, oder?", sagt Emre Akal. Statt Patria heißt es auf Türkisch "Anavatan", Mutterland. "Das suggeriert Wärme, Geborgenheit", sagt der 36-Jährige. "Aber die Wärme, die ist jetzt verloren gegangen."

Das Land versinkt in Stille, keiner wisse mehr, wie er sich verhalten soll angesichts der zunehmenden Bedrohung durch den Staat. Der Riss gehe durch Familien und Freundeskreise. Dennoch sei "Mutterland ... Stille" kein Türkei-Stück, sagt Akal. "Es geht um die Frage, wie weit ein Mensch sich verbiegen lässt, bis der Genickbruch kommt. Man muss doch nur in die deutsche Vergangenheit schauen, um zu begreifen, wie das passiert."

Zwei Jahre lang hat Emre Akal in der Türkei recherchiert, den Aufenthalt ermöglichte ein Stipendium der Stadt München. "Ich wollte auch herausfinden: Was passiert mit jemandem wie mir, der - in Deutschland aufgewachsen - das Land seiner Eltern ergründet?" Akal hat einen deutschen Pass, fühlt sich als Deutscher und Türke, spricht beide Sprachen gleich gut, dafür haben seine Eltern immer gesorgt. Als er sich im Sommer 2015 nach Istanbul aufmachte, ahnte er nicht, wie dramatisch sich die Dinge entwickeln würden. Er tauchte in die Theaterszene ein, führte Regie bei seinem Stück "Homeland Istanbul" über die deutsche Diaspora in der Türkei. Er spürte eine Unruhe unter den Künstlerfreunden. Seit den Protesten im Gezi-Park machten sich viele junge Leute Hoffnungen auf mehr Freiheit und Mitbestimmung. Und dann kam im Sommer 2016 der Putschversuch.

"Ich saß in meiner Wohnung, hörte die Schallbomben und dachte: Jetzt geht die Welt unter ...", erzählt Emre Akal. Dann rief seine Mutter an und sagte: Das ist kein Putsch, nicht um diese Tageszeit. Die Eltern hatten Erfahrung - sie hatten schon einmal einen Putsch erlebt, 1980, und anschließend das Land verlassen müssen, weil sie in linken Künstlerkreisen aktiv waren. "Und mir war in dem Moment bewusst: So etwas wie den Gezi-Park wird es nie wieder geben", sagt Emre Akal.

Die Propagandamaschinerie setzte ein, das Volk wurde aufgerufen, gegen vermeintliche Putschisten vorzugehen, und allmählich verwandelte sich die Sehnsucht nach Freiheit in Sprachlosigkeit. "Früher waren die Kaffeehäuser Orte, an denen debattiert und gestritten wurde", erzählt Akal. Jetzt herrsche dort betretenes Schweigen, und die Menschen schauten sich fünf Mal um, bevor sie etwas Politisches sagten.

Er wollte noch Sophokles' Antigone in Istanbul inszenieren. "Aber plötzlich musste man zum Skript noch ein Probenvideo bei der Kulturbehörde einreichen." Seine Antigone wurde gestrichen, eine andere Truppe durfte sie klassisch inszenieren.

Trotzdem, sagt Akal, sei das Bild, das die Medien im Ausland von den Vorgängen in der Türkei zeichnen, unvollständig. "Es gab eine große freie Theaterszene, größer als in Deutschland", sagt er, "und es gibt sie immer noch." Zwar verlassen Künstler das Land, und für jene, die bleiben, wird es von Tag zu Tag schwieriger. "Aber es gibt noch Spielräume, und die Leute nutzen sie sehr kreativ." Deshalb sei es enorm wichtig, dass das Ausland sie nicht allein lasse. Akal findet es "fatal", dass die Berliner Schaubühne ihr Gastspiel mit Shakespeares "Richard III." beim Internationalen Theaterfestival in Istanbul kurzfristig abgesagt hat. Die beiden Abende waren ausverkauft gewesen.

Er selbst habe keine Angst, sagt der Regisseur, er will wieder in die Türkei reisen. "Auch Deniz Yücel (der inhaftierte deutsche Journalist, Anm. d. Red.) veröffentlicht weiter, jetzt aus dem Gefängnis heraus. Die Kunst ist doch die einzige Waffe, mit der man einer Diktatur begegnen kann."

Angst essen Seele auf, man muss an Fassbinder denken, wenn man Emre Akal reden hört: "Erst kommt die Angst, dann der Rückzug ins Private, dann der Zerfall der Werte, am Ende droht Krieg. Das erlebt man derzeit überall, USA, England, Polen, Türkei, ansatzweise auch in Deutschland", sagt der Regisseur. "Die Leute sitzen in ihren Gärtchen und denken: Es betrifft mich nicht. Sie merken gar nicht, wie sie immer mehr hineingezogen werden." Dass auch vielen jungen Leuten, denen er in München begegne, "ihr 700-Euro-Appartment, ihre Partys und Reisen wichtiger sind, als die Demokratie zu verteidigen", das erschrecke ihn, sagt er. Er selbst wuchs mit dem Bewusstsein auf, dass man die Demokratie nicht geschenkt bekommt, sondern etwas dafür tun muss. Seine Mutter war damals nach dem Putsch als erste nach Deutschland gegangen, sie war einer Job-Annonce in einer türkischen Zeitung gefolgt und landete in einem bayerischen Dorf. "Dort hat sie monatelang die Nachbarn gegrüßt, erhielt aber nie eine Antwort. Bis sie eines Tages an den Türen klingelte und die Leute zu sich nach Hause einlud. Da sahen sie, dass diese Frau mehr Bücher im Regal stehen hat als sie selbst", erzählt Akal. "Aber so ein Verhalten kostet natürlich viel Kraft."

Er erinnert sich noch gut, wie er nicht zu Kindergeburtstagen eingeladen wurde, weil er Türke war. Im Laufe der Schulzeit, die er dann in München verbrachte, wurde es besser, sagt er, doch noch heute spüre er bei manchen Begegnungen, "wie es im Hirn rattert: Zu welcher Sorte Türke gehört der jetzt? Zu den Intellektuellen aus Istanbul oder zu den Bauern aus Anatolien?" Es gebe die "sichtbaren" und die "unsichtbaren" Türken - "die Bio-Deutschen tun sich halt noch schwer mit der Integration".

Emre Akal hat das Gespür für solche Themen mit der Muttermilch aufgesogen, und so drehen sich seine Stücke schon seit dem Debüt "Die Schafspelzratten" 2012 um Migration und Identität. Damals hat er Hunderte von Interviews mit "Gastarbeitern" der ersten, zweiten und dritten Generation in vier Figuren verdichtet und sie ironisch bis zur Schmerzgrenze ausloten lassen, was der Kampf um Anerkennung mit einem macht.

Sein preisgekröntes Stück "Ostwind" gastierte 2016 an den Münchner Kammerspielen und wurde von der Kritik hoch gelobt. Es war wiederum ironisch, derb und nah an der Wahrheit aus Zuwandererbiografien gestrickt - von der Juristin, die als Putzfrau arbeitet, bis zur Transe, die vom großen Glück träumt. Gemeinsam mit Nurkan Erpulat entwickelte Akal am Maxim Gorki Theater Berlin das Stück "Love it or leave it!". Und in diesem Jahr gewann er zusammen mit der Regisseurin Rieke Süßkow, die auch beim aktuellen Stück beteiligt ist, für "Heimat in Dosen" einen Nachwuchspreis in Wien.

Heimat, was ist das? Was gibt Sicherheit? Die sechs Akteure, die sich im Schaukasten des Theaters Hoch X in der Au krümmen und winden, fühlen sich in ihrer eigenen Haut nicht mehr wohl. Die Welt ist in Aufruhr. Aber es gibt Hoffnung. In einer Szene kämmt die Mutter ihrer Tochter die langen Haare: "Das berührt mich", sagt Emre Akal plötzlich und zieht seine Mütze tiefer in die Stirn, "dass da noch so eine Intimität besteht, die bleibt."

Mutterland ... stille: Uraufführung am Donnerstag, 23. Nov., 20 Uhr, Hoch X, Entenbachstraße 15; weitere Vorstellungen 24., 25., 26. Nov.; 90 155 102

© SZ vom 21.11.2017
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