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Die Stadt als Outdoor-Gelände:Zwischen Stadt und Natur

Viele Münchner begeistern sich für Bergläufe, Skitouren, Klettern oder Mountainbiken. Mit etwas Fantasie bietet ihnen die Stadt ein überraschend gutes Trainingsgelände - vier Sportler erzählen

Protokolle von Nadine Regel

Joggen ohne Sicht

Draußen Sport zu treiben ist für viele Münchner ein unverrückbarer Teil ihres Lebens, etwa für Jonas Berg. Er begeistert sich für Bergsport.

(Foto: privat)

Jonas Berg: "Ich komm aus dem Rheinland und da ist es flach. Die Liebe zu den Bergen habe ich erst in München entdeckt und habe hier mit den Bergläufen angefangen. Man merkt, dass die Begeisterung für den Bergsport in München für deutsche Verhältnisse außergewöhnlich hoch ist. Ich als Trailrunner habe in München perfekte Trainingsbedingungen. Die Isar bietet mir das Komplettpaket: Technische, schmale Singletrails mit wechselndem Ambiente. Am Zoo und in der Innenstadt ist das Isarufer total belebt, Menschen feiern hier oder machen ein Picknick. Weiter draußen Richtung Wolfratshausen geht es dann viel ruhiger zu. Langweilig wird einem bei so viel Abwechslung nicht. Ich laufe täglich die Isar rauf und runter. Meine kürzeste Strecke ist zwölf Kilometer lang. Meistens bin ich aber zwei bis sechs Stunden unterwegs und lege bis zu 60 Kilometer zurück. Einzig die Höhenmeter fehlen, aber die versuche ich durch Treppenläufe und an Brücken zu sammeln. Koordination, die in den Bergen sehr wichtig ist, trainiere ich, indem ich mal bei Dunkelheit oder mit geschlossenen Augen laufe. Am liebsten laufe ich alleine, weil das meine Art ist, den Tag abzuschließen oder zu beginnen, über Sachen nachzudenken, zu verarbeiten. In die Berge fahre ich dann mit der BOB. So bin ich flexibel, um auch mal in Lenggries auszusteigen und am Tegernsee wieder einzusteigen. Ich nehme auch regelmäßig an Wettbewerben teil, so wie letzte Woche beim Transalpinrun von Garmisch nach Brixen. 260 Kilometer und 16 000 Höhenmeter in acht Tagen. Das ist mein Leben."

Vom Mäuerchen zur Nordwand

Paul Gligoris klettert am Fels.

(Foto: privat)

Paul Gligoris: "München ist meine Heimatstadt und eine super Basis für meine große Passion. Ich habe meinen Lebensstil ziemlich aufs Klettern fokussiert. Als ich mit dem Klettern anfing, habe ich gemerkt, dass dieser Sport etwas ganz Großes in mir auslöst: Abenteuerlust, Bewegungsdrang, Mut und die Herausforderung, immer ein Stück höher zu kommen und besser zu werden. Das ist meine eigentliche Karriere, meine Berufung sozusagen. Menschliche Urängste zu überwinden, der Natur nahe zu sein. Am liebsten klettere ich am Fels. Mich faszinieren schwierige, athletische Sportkletterrouten genauso wie lange, alpine Routen. München ist ein toller Ausgangsort, weil viele Sportkletterfelsen und alpine Gebiete in einem Tag zu erreichen sind.

In der Stadt trainiere ich entweder in den Kletterhallen oder im Westpark. Ich habe mir mein eigenes, kleines Trainingsprogramm entwickelt und nehme Tischtennisplatten, Skulpturen, Bäume und Bänke zu Hilfe. An einer Steinmauer trainiere ich zum Beispiel meine Tritttechnik, an Schaukeln mache ich Rumpftraining. Eine Zeit lang gab es hinter dem Backstage auch mal eine Wand, an der Anfänger bouldern konnten. Die habe ich mit einem Freund oft genutzt, um neue Bewegungsabläufe zu trainieren, die fürs Klettern wichtig sind. Das war so eine Art "Yoga on the wall". Die gibt es aber jetzt leider nicht mehr. In solchen Bereichen könnte die Stadt noch viel tun. Sie sollte mehr Kletter- und Bouldermöglichkeiten errichten, die frei zugänglich sind. Ähnlich wie Skateparks. Objektiv hat die Stadt für Outdoorsportler viel zu bieten. Mir reicht es aber noch nicht. Ich hätte gern einen echten, kleinen Berg in der Stadt (lacht). Das ist meine Botschaft an die Stadtarchitekten: Mehr Fels statt Ziegel. Ich sehe häufig potenzielle Linien an Brücken und Häuserfassaden. Mein Wunsch wäre es, dass es auch Fassaden mit echten, dafür eingerichteten Klettermöglichkeiten gäbe. Dann wäre München perfekt."

Techniktraining auf der Treppe

Johanna Zimmermann fährt Trails.

(Foto: privat)

Johanna Zimmermann: "Mit dem Outdoorsport habe ich erst in München so richtig angefangen, jetzt wohne ich vier Jahre hier. Da ich eine Verletzung an der Sehne habe, kam Joggen nicht in Frage. Deswegen habe ich das Biken ausprobiert. Meine ersten Versuche im Bikepark waren abenteuerlich und sturzintensiv. Zwischendrin hat es aber richtig Spaß gemacht. Aber ohne Know-how wollte ich eine Fahrt nicht mehr riskieren. Deswegen habe ich an einem Einsteigerkurs des Alpenvereins im Neuperlacher Forst teilgenommen. Wir sind Treppenstufen hinab gefahren, haben den Trimm-Dich-Pfad genutzt, Brems- und Kurventraining gemacht.

Jetzt bin ich fit genug, auch auf den Isartrails zu fahren. Da ich in Unterhaching arbeite, fahre ich auch täglich durch den Neuperlacher Forst und nutze so manchen Feierabend, um noch Trails zu fahren. Unter der Woche kann ich mich so bestens in der Stadt auspowern. Am Wochenende fahre ich auch mal gern in die Berge und nutze den Zug zur An- und Abreise. Ich scheue mich auch nicht davor, Berge hochzufahren - dann macht die Abfahrt noch mehr Spaß. Aber man muss auch sagen, dass Biken keine ungefährliche Sportart ist. Schnell ist man irgendwo hängen geblieben und hingestürzt. Helm ist Pflicht. Meistens fahre ich auch mit Protektoren."

Langlaufen im Englischen Garten

Sabrina Stadler läuft im Park.

(Foto: privat)

Sabrina Stadler: "München ist eine sehr vielseitige Outdoorstadt. Als Landkind dachte ich erst, dass ich mich stark einschränken muss, als ich zum Sportstudium nach München gekommen bin. Aber so war es am Ende gar nicht. In den Parks ergeben sich so viele Möglichkeiten, sich draußen zu bewegen. Es gibt ja auch immer mehr Outdoorfitnesstreffs, wie Athletiktrainings, Lauftreffs und Yoga im Freien, die teilweise auch kostenlos angeboten werden. Auf Skitouren und Tiefschneefahren, meine liebsten Hobbys im Winter, kann ich mich so durch gezieltes Training in der Stadt vorbereiten. An Skitouren mag ich ganz besonders, dass ich auch bei Schnee und Eis Gipfel erklimmen kann. Meist sind die Berge sogar einsamer im Winter.

München ist ein toller Standort für Wintersportler. Schnelle Feierabendskitouren am Spitzing oder Sudelfeld gehen sich super aus. Man steigt am Abend mit einer Gruppe nach oben und kehrt zum Abschluss noch in einer Hütte ein. Für eine Tagestour gibt es ebenso tolle Gebiete wie zum Beispiel den Wendelstein. Im Winter, wenn es mal so richtig viel Schnee gibt, eignen sich sogar der Englische Garten oder der Olympiapark zum Skitouren und Langlaufen. Was Sport angeht, lebe ich aber lieber draußen auf dem Dorf. Mir ist auch das Stadtleben zu eng und zu hektisch, deshalb bin ich vor ein paar Monaten in ein Dorf am Schliersee gezogen. In der Natur habe ich persönlich eine höhere Lebensqualität. Aber wer die Balance sucht und auch ab und zu mal was in der Stadt erleben will, ohne komplett auf Natur verzichten zu müssen, ist in München richtig.

© SZ vom 14.09.2018
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