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Die Seen der Münchner (4):Und ewig rauscht die Autobahn

Langwieder-, Luss- und Birkensee liegen zwar nicht gerade günstig, sind aber dennoch ein Idyll.

Der See lädt nicht nur zum Bade, er ist, gerade für den erholungsbedürftigen Großstädter, auch ein Gesamtkunstwerk. Man sitzt am Ufer und schaut hinaus in die Weite des Wassers, vielleicht scheint sogar die Sonne; man sitzt am Ufer im Biergarten und schaut ins Glas; man sitzt am Ufer, nachdem man den See umwandert hat. Jeder See um München hat seine eigene Geschichte, seinen eigenen Charakter.

Türkis schimmert der Lusssee. Das lässt den Münchner von den Fidschi-Inseln träumen. Doch die Langwieder Seenplatte zählt im Gegensatz zu den tausend der Mecklenburger nur drei Seen.

(Foto: Foto: SZ/Hess)

Die Immobilienanzeige würde lauten: verkehrsgünstig gelegen. Da wüsste der Interessent sofort: Mit Verkehrslärm ist zu rechnen. Wer an den Ufern der Langwieder Seenplatte faulenzt, radelt oder spazieren geht, an dessen Ohr schwappt immerzu das Rauschen der angrenzenden Autobahnen. Doch während der wählerische Wohnungssuchende weiterblättern würde, kann der Münchner an dieser Bleibe durchaus Vorzüge finden.

Das Mädchen mit dem pinkfarbenen Rüschenhöschen belädt wieder und wieder ihr Mini-Schlauchboot mit dem Rest des Fuhrparks: einem Bagger und einem Polizeiauto. Die Autos rutschen immer wieder herunter, wenn sie das Boot über den Kies zum Wasser zieht. Bis die Oma kommt und die Gefährte quer auf das Plastik sortiert.

Ein paar Meter weiter werfen Halbwüchsige Kies ins Wasser. Drüben fläzen sich mittelältere Frauen auf ihren Strandmatten zur letzten Vervollkommnung ihrer München-Bräune. Ein Vater mit seinem Sohn im Fahrradsitz macht kurze Rast, um mit den Füßen die Wassertemperatur zu testen. Zuvor wird der Kies unter seinen Füßen die Reflexzonen massieren. Rentner stellen auf den Wiesen ihre Liegen auf.

Drüben auf der Halbinsel haben sich Individualisten zwischen Büschen heimelige Plätzchen zum Lesen gesucht. Auf der Wiese neben dem Wirtshaus spielen drei junge Männer Fußball. Harmloses Sommer-Vergnügen - die Landschaft um die Langwieder Seenplatte streckt sich über so großen Raum und so viele Verwinkelungen, dass hier jeder seine Nische finden kann. Das Publikum ist null bis hundert Jahre alt, unaufgeregt wie eine Semmel - und bisweilen lohnen sich ethnographische Alltags-Studien.

Größenwahnsinnige Reminiszenz

Im August 2000 wurde das Naherholungsgebiet "Langwieder Seenplatte" eröffnet. Die Reminiszenz an die Mecklenburger Seenplatte ist gewagt bis größenwahnsinnig, mit Hang zum Theatralischen. Während das größte zusammenhängende Seengebiet im Nordosten Deutschlands tausend Seen zählt, kommt die Gruppe im Münchner Westen auf nur drei.

Der Langwieder See, einst entstanden beim Autobahnbau in den dreißiger Jahren, ist Münchens zweitgrößtes stehendes Gewässer und mit alten Bäumen und Gebüsch idyllisch eingewachsen. Es umschlingt eine Halbinsel mit Wirtshaus, Hotel und Biergarten. Hier finden sich auch ruhigere Streifen, die von den Autobahnen etwas abgeschirmt sind, beispielsweise im Süden, wo Beachvolleyball gespielt und gebolzt werden kann.

Der Lusssee hat noch den Charme des Geschichtslosen. Er entstand erst beim Bau der Eschenrieder Spange. Die Bäumchen am beliebten und sommers schnell mal überfüllten Kiesstrand im Westen scheinen mit dem Schattenwerfen überfordert. Hier wirkt die Landschaft - obwohl auf der einen Seite als Naturschutzgebiet angelegt - noch überschaubar jung. Dafür schimmert das Wasser manchmal türkis.

Am Birkensee im Norden des Lusssees fühlen sich Nacktbadende wohl. Das ganze Ensemble ist eingebettet nicht nur ins Dreieck der Stuttgarter Autobahn und den Zuführungen der Nordumfahrung, sondern auch in leichte Radelstrecken.

120 Hektar misst die Seenplatte. Eine stattliche Größe für eine Bleibe. Das wäre für die Annonce ein echter Pluspunkt. Auch die Zimmeraufteilung, ziemlich perfekt und alles vorhanden: Kinderzimmer, Ruheraum, Spielplatz, Küche, Esszimmer. Ja, letzteres: Das Wirtshaus mit Biergarten hat eine entzückende Seeterrasse. Auf ihr kann man direkt am Ufer in den Sonnenuntergang blinzeln, in Strandkörben sitzen und bayerisch-italienisch speisen. Falls es kühl wird, gibt es drinnen Kamin, Seeblick inklusive.

Und natürlich besticht die Verkehrsanbindung: Vom Pasinger Bahnhof dauert die Autofahrt 15 Minuten - vorausgesetzt, man gerät nicht in den Autobahnabfahrtsstau, der sich an Sommer-Wochenenden bildet. 1100 Parkplätze auf der West-Seite, 700 im Süden sind für die Massen gedacht. Sogar der MVV fährt hin: mit dem Badebus ab Pasing. Allerdings nur bei 22 Grad und Sonnenschein.

© SZ vom 23.8.2006
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