„Tut beni“ heißt das neue, dritte Album der Münchner Band Die Sauna. Der türkische Titel bedeutet auf Deutsch „Halt mich“ und ist aus dem Schlüsselsong der Platte „Skit“.
Was bisher geschah: Die sechs Freunde, die seit 2016 unter dem Namen „Die Sauna“ unterwegs sind, wurden 2017 mit ihrer EP „Elektra“ bekannt, dicker Sound und fein gewebte Texte. Bald darauf spielten sie als Vorband von Wanda und Tocotronic. Das erste Album „So schön wie jetzt war es noch nie“ erschien 2019, nach der Tour kam die Pandemie. Die für 2021 geplante Platte erschien nun Ende Februar.
„Skit“ beginnt mit schwebenden Klängen, dezentem Schlagzeug, hallenden, wabernden Sounds, die wie Fragezeichen klingen, wären sie Sprache. Sänger Mathias Berg singt: „Ein guter Freund verliert sich, und ich schau nur zu / Ich kann da überhaupt nichts machen und ich schau nur zu“. Plötzlich singt eine andere Stimme auf Türkisch. Es ist Anil Coskun, er macht Grafiken und Art Works für die Band. Er singt die Zeile „Tut beni“, halt mich, die zum Albumtitel geworden ist.
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Sänger Mathias Berg, wie alle in der Band Anfang 30, erzählt im Interview, wieso die Wahl auf diese Zeile fiel. „Zwei von uns haben innerhalb von anderthalb Jahren jeweils eine enge Angehörige verloren“, sagt Berg. Der erste Todesfall fiel in die Zeit, in der die Band sich für eine Kreativphase zurückgezogen hatte. In der Zeit entstand „Skit“.
Die gemeinsame Trauer veränderte die Band. „Über die Gefühlslage von jemandem nachzudenken, während man Musik macht, oder selbst wahrgenommen zu werden in einer Lebenslage, die unangenehm ist, das verändert was“, sagt Berg. Das hört man der Platte an: Die Sauna spielt besonders eng zusammen. „Wenn man sich verletzlich untereinander zeigt, spiegelt sich das nach außen wider“, sagt Berg. Das wirke sich wieder auf die Musik aus.
Die Stücke auf „Tut beni“ sind durchzogen von einer unaufgeregten Zuversicht. Sie scheint mal im Gesang von Berg durch, mal im Zusammenspiel von Gitarren, Synths, Keyboard, Bass und Schlagzeug. „Ein neuer Strand“ heißt das erste Lied der Platte, „Es gibt einen neuen Strand, an dem sich jeder sonnen kann“, singt Berg, die Bassline klingt dabei nicht nach Sonne und Urlaub, sondern nach New-Wave-Drahtseil, auf dem man über den Abgrund balanciert. Eher ungewöhnlich sind Zeilen wie „Ich liebe dich und du liebst mich auch“, die wie eine späte Antwort auf Trios „Da, da, da“ klingen. „Am Meer“ weckt erst Assoziationen zu Jacques Brels „Am Meer“, aber bricht diese ironisch mit beinah unheimlichen Klängen, die doch Ironie durchblicken lassen.
„Früher hätten wir uns tiefer in das düstere Gefühl reingespielt“, sagt Berg. Die musikalisch eingefangene Zuversicht sei nicht aus einer Idee entstanden, sondern einem Bedürfnis: „Wir dachten nicht, ach, lass uns das depressive Gejaule mit schönen Akkordfolgen auflockern.“ Er habe Musik in dieser Zeit als Selbsttherapie begriffen.
Wie die Vorgängerplatte wurde „Tut beni“ vom deutschen Produzenten Olaf Opal produziert, der zuletzt etwa „Am Anfang“ von Tristan Brusch produziert hat. Für die Aufnahme von „Tut beni“ fuhr die Band mit Olaf Opal und befreundeten Künstlern nach Bayerisch Zell und lebte für zehn Tage auf einem Hof. Anil Coksun war dabei, Lukas Niedermeier, der an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert, Tonmann Willy Loester und Künstlerin Lilian Polosek. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit habe die Songs weitergebracht, sagt Gitarrist Thomas Volk: „Lillian und Lukas hatten Skulpturen dabei und haben die im Garten aufgestellt. Wir als Band durften nicht mehr miteinander reden, nur einen Satz oder eine Zeile aus dem Song sagen“. Währenddessen habe sich die Energie des Songs gewandelt.
„Wir haben den erst aufgenommen, wie wir es vorhatten, am Schluss kam der Olaf wieder ins Spiel mit seiner Magie“, sagt Volk. Der Produzent bestärkte sie darin, die Gitarre halliger zu machen, statt einer schnellen Indierock-Nummer wurde „Sorry“ zu einem langsamen, verträumten Stück. Berg, der die Garten-Performance an dem Tag verpasst hatte und erst nachmittags zur Aufnahme dazukam, war erst skeptisch. „Ich dachte, dass Olaf gerade an was anderem arbeitet als wir“, sagt er, bis er den Moment beschreibt, in dem er vom Gefühl des Songs erfasst wurde „und da war eine Motte, und da war ein Licht, das musste in den Songtext“.
Die Regel der Band ist: Alle sechs Musiker sind gleichberechtigt. Ist einer nicht begeistert, kommt das Stück nicht auf die Platte. Das hat den Nachteil, dass Prozesse sehr lange dauern. Und den Vorteil, dass die Band musikalisch keine halben Sachen macht. Das kann sie sich leisten, weil die sechs hauptberuflich alle etwas anderes arbeiten und ihre Songs nicht auf Streamingdienste optimieren oder ausgefeilte Social-Media-Kampagnen liefern müssen. Das tut „Tut beni“ gut. Es ist ein Album, dem man die tiefe Trauer anhört, die die Band erlebt hat, und dem man anhört, dass Trauer und Freundschaft, Liebe, Zuversicht und Humor sich nicht ausschließen. Im April geht die Band damit auf Tour.
Die Sauna, Samstag, 28. März, 19.30 Uhr, Soho Stage, Augsburg, Freitag, 10. April, 20 Uhr, Strom, München


