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Dick sein:"Egal, wie viel ich gewogen habe, ich fühlte mich immer dick"

Dann der Mai 1989, sie 18 Jahre alt, sie wollte wieder ins Training, Beginn neun Uhr. An der Wand im langen Gang die neuen Besetzungspläne, Candida Kraus suchte ihren Namen. Ein Ensemblestück war geplant, sie war zu der Zeit schon Studentin. Sie fand ihren Namen nicht. Sie dachte: Wo stehe ich? Sie las Zeile für Zeile, Candida Kraus, irgendwo muss dieser verdammte Name stehen. Sie existierte nicht mehr, auf diesem Plan. Dicke sind oft die Außenseiter, erst im Klassenzimmer, später im Büro, im Fußballverein. Im Ballett sowieso.

Sie drehte sich um, lief den Gang hinaus, meldete sich an einem Münchner Gymnasium an, noch am gleichen Tag. Sie suchte sich einen Job in einer Kneipe, eine Woche später die erste Schicht. Sie dachte: Jetzt kann ich essen, was ich will. Sie aß Kekse mit Gelee gefüllt, mit Schokolade überzogen, Müsliriegel, eine ganze Packung. Sie dachte: Mehr als 54 oder 60 Kilo werde ich nie wiegen. Ihr Körper dachte: endlich Essen. Vier Monate später waren es 78 Kilo. 18 Kilo mehr als sie dachte. BMI 27,3, Übergewicht. Die Gäste in der Kneipe sagten: Du bist aber ganz schön drall geworden. Sie dachte: Ich bin dick geworden.

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Wenn Jugendliche auf Instagram und anderen sozialen Netzwerken Food-Fotos posten, sind selten gesunde Lebensmittel dabei. Wie die Industrie davon profitiert.   Von Berit Uhlmann

Die Statistik sagt, übergewichtig ist jeder Zweite in diesem Land, stark übergewichtig sind 17 Prozent aller Männer, 14 Prozent aller Frauen. Die Minderheit. Das Ideal der Mehrheit, trotz allem: dünn sein, als Frau am besten noch mit Tigh Gap, mit Lücke zwischen den Oberschenkeln. In den USA wehren sich Dicke gegen das Diktat, im Fat Acceptance Movement, eine Bewegung, die sagt: Dick sein muss okay sein.

Deutschland hat nur ein paar Initiativen, die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung, den Verein für die Akzeptanz dicker Menschen, kurz Dicke e.V. - letzterer stellt seine Arbeit bald ein: "Unsere Idee, ein kritisches Angebot gegen den Schlankheitswahn zu schaffen, ist nicht ganz aufgegangen", steht auf der Webseite. Auf dem Blog von Candida Kraus steht: "Viel essen, viel zunehmen, hungern, alles wieder abnehmen. Egal wie viel ich gewogen habe, ich fühlte mich immer dick."