Dialekte Wienerisch im Bayerischen Wald

Die Vielfalt der Mundarten in Bayern ist fast unüberschaubar. Deshalb starten wir eine Serie, in der wir typische, ausgefallene und kuriose Varianten der bairischen, fränkischen und schwäbischen Dialekte - jeweils mit einer Audio-Datei zum Anhören - vorstellen wollen.

Von Hans Kratzer

Ein herausragender Repräsentant des Wiener Schmähs ist auf jeden Fall der Kriminal-Assistent Höllerer in der Fernseh-Serie "Kommissar Rex". Wenn dieser Höllerer also seinen Hund vor dem Verzehr eines Schweinsbratens mit Sauerkraut warnt, dann klingt das ungefähr so: "A Schwäänas mid Kraat is nix fia di, do kriagst läächt Baaweh!"

Hä-Glä aus Kindermund: Manuel, Philipp, Bastian, Franziska, Maxe, Sophia (hintere Reihe von links). Vordere Reihe v.l.: Kilian, Lea, Corinna, Magdalena, Stefan. (Zum Vergrößern bitte auf die Lupe klicken)

(Foto: Foto: Obermeier)

Das gefällt dem Fernseh-Publikum in Nord und Süd, die Einschaltquoten der Krimi-Serie sind nicht die schlechtesten. Jetzt aber kommt das Tollste: Dieses schöne Wienerisch ist nicht nur in Wien zu hören, sondern auch in einem Dorf im Bayerischen Wald. Die 900 Jahre alte Ortschaft Rattenberg (Kreis Straubing-Bogen) liegt im vermutlich einzigen Sprachgebiet in Deutschland, in dem Wienerisch gesprochen wird.

Entlang der tschechischen Grenze im mittleren Bayerischen Wald erstreckt sich das so genannte "Hä-Glä"-Gebiet, das nach der mundartlichen Aussprache von "Heu" und "gleich" benannt ist. Seit langem zerbrechen sich die Dialektologen den Kopf darüber, wie dieses Phänomen zu erklären ist.

Der Münchner Dialektologe Bernhard Stör sieht die Wurzeln dieser verblüffenden Ähnlichkeit im Althochdeutschen. Während aus den althochdeutschen Wörtern mit langem "i", wie zum Beispiel "wîs" und "wîb" (weiß und Weib) im 16.Jahrhundert "wääs" und "Wää" wurde, so entwickelten sich die Wörter mit langem "u" wie "hûs" und "mûs" (Haus und Maus) zu "Haas" und "Maas".

Als dritte gemeinsame rattenbergerisch-wienerische Überleitung wurde aus dem mittelhochdeutschen Zwielaut "iu" wie zum Beispiel in "liuchten" (leuchten) ein "ää", nämlich "läächdn". "Im Bayerischen Wald gab es dieses lautliche Phänomen bereits im 16.Jahrhundert", sagt Alfred Wildfeuer (Uni Regensburg).

Die Dialektforscher sind sich einig, dass es sich in Wien und in Rattenberg um eine völlig unabhängige Entwicklung handelt. In der österreichischen Hauptstadt hat sie laut Hermann Scheuringer (Universität Wien) jedoch erst vor 200 Jahren eingesetzt.

Der österreichische Dialektologie-Papst Eberhard Kranzmayer (1897-1975) stellte indes die These auf, dass der Einfluss der tschechischen Sprache durch Einwanderungsbewegungen nach Wien und die unmittelbare Grenzlage des Bayerwald-Sprachgebiets eine wichtige Rolle spielten.

Die Rattenberger haben es freilich nicht leicht mit ihrem Dialekt. Vielen geht es wie jener Frau, die im Nachbardorf als Kassiererin arbeitet. Wenn sie acht Euro "näänadrääßg" (8,39 Euro) verlangt, wird sie häufig dumm angeredet.

Das wiederum stinkt dem dortigen Vorsitzenden des Fördervereins Bairische Sprache, Sepp Obermeier, gewaltig. Für ihn ist die Sprache der Rattenberger ein kultureller Schatz, den man hegen und pflegen müsse.

Deshalb hat er sich auch die Mühe gemacht, eine Szene aus dem Hamlet (3.Akt) für die Sprechprobe der SZ in das Rattenbergerische zu übersetzen ("Lem, oder nimmer lem...).

Die Schauspielerin Ramona Lex (21), die in Rattenberg aufgewachsen ist und den Dialekt perfekt beherrscht, hat den Text aufs Band gesprochen.

Und auch eine Gruppe von Kindern aus dem Rattenberger Kindergarten haben für uns ein paar Proben ihres wahrhaft einzigartigen Dialekts gegeben.