Dialekte in Bayern "Rotzbua, dreckata"

Vor knapp hundert Jahren musste sich Georg Queri dafür noch vor Gericht verantworten: "Kraftbayrisch", sein "Wörterbuch der erotischen und skatologischen Redensarten der Altbayern", verfolgte die Obrigkeit als unzüchtig. Heute ist es ein unschätzbares Kompendium teils längst vergangener bayerischer Kraftausdrücke. Bernhard Butz hat für uns daraus gelesen.

Von Hans Kratzer

In seiner Ethnographie "Tief in Bayern" schildert der Kulturkritiker R.W.B. McCormack eine lustige Randnotiz von Goethes Italienreise. Als der Titan anno 1786 im oberbayerischen Ebenhausen auf eine schnelle Reparatur seiner Kutsche drängte, machte der Postillion Simmerl kurzen Prozess mit ihm: "Geh leck mi do grad du am Arsch, Depp damischer!"

Wie der gute Goethe da wohl geschaut hat? Gewiss ähnlich blöd wie ein gewisser Dr.Goebbels, dem der Bauernbundführer Georg Eisenberger laut Mc Cormack folgendermaßen heimleuchtete: "Rotzbua, dreckata, wennst net glei schaugst, dassd verschwindst, kriagst a Trumm Fotzn, dass di draahst."

Solche Episoden belegen vorbildlich, dass der Dialekt zu Unrecht als Depperlidiom abgestempelt wird. Auch, weil die Mundart gerade dort, wo der Ober den Unter sticht, eine wirksame Waffe des Unters ist.

Die Kraft des Wortschatzes, der Aufbau der Sätze und der landesgerechte Gebrauch des rechten Wortes am rechten Platz verfehlen nur selten ihre Wirkung. Die in Bayern gebräuchlichen Dialekte sind überreich an Sprachbildern.

Das bedingt unter anderem, dass sie vor Kraftausdrücken nur so strotzen, was ihnen häufig den Vorwurf der Derb- und Grobheit einträgt.

Allerdings wird er vor allem von jenen erhoben, denen sich die Gesetzlichkeiten und Nuancen dieser Sprache nicht erschließen. Diese Kritiker werden auch das Werk des Schriftstellers Georg Queri nicht gutheißen, der dennoch zu den Großen der bayerischen Literatur zählt.

Der in Starnberg aufgewachsene Queri (1879-1919) sammelte mit Eifer Wörter und Redensarten, so dass Ludwig Thoma resümierte: "Wo Queri war, saß Altbayern mit seinem breiten Lachen und seinen schlagfertigen Witzen am Tische."

Das verhinderte aber nicht, dass Queri wegen seiner Bücher "Bauernerotik und Bauernfehme in Oberbayern" (1911) und "Kraftbayrisch - Wörterbuch der erotischen und skatologischen Redensarten der Altbayern" (1912) ein Sittlichkeitsprozess angehängt wurde.

"Kraftbayrisch" wurde wegen "Verbreitung unzüchtiger Schriften" beschlagnahmt. Thoma und Ganghofer setzten sich leidenschaftlich für Queri ein: "Eine Sammlung alter und neuer Kraftworte, die immer wieder im Volke entstehen, unterdrücken, heißt wirkliche Volkskunde verbieten." "Kraftbayrisch" wurde schließlich wieder freigegeben.

Michael Stephan, Archivdirektor in München, hat Queris Werk vor drei Jahren in einer Ausstellung wieder ins Gedächtnis gerufen. Zusammen mit dem Schauspieler Bernhard Butz (Iberl-Bühne, Gerhard-Loew-Bühne) organisiert Stephan seither mit großem Zuspruch Queri-Lesungen in und um München.

Bernhard Butz hat für uns Passagen aus "Kraftbayrisch" und Gedichte aus "Die weltlichen Gesänge des Egidius Pfanzelter von Polykarpszell" aufs Band gesprochen.