Süddeutsche Zeitung

Everding-Akademie am Deutschen Theater:Mit Ludwig II. zurück in die Zukunft

Lesezeit: 3 min

Die Master-Studenten Laura Oswald und Raphael Binde bringen "Elise und Paul" auf die Bühne, eine intrigenreiche "Jukebox-Dramedy" über eine Schauspielerin und den Geliebten des Kronprinzen.

Von Michael Zirnstein

Das Stück heißt "Elise und Paul", darunter kann man sich nicht viel vorstellen. Nur wenig helfen die Nachnamen: Elise Kreuzer, Sängerin und Volksschauspielerin, und Paul von Fels. Eher vielleicht noch der echte Adelstitel, bevor ihn seine Familie verstieß, wegen Elise: Paul Maximilian Lamoral Fürst respektive Prinz von Thurn und Taxis. Nun könnte diese Geschichte auch "Ludwig und Paul" heißen, denn der Adelsspross war der Flügeladjutant, der engste Vertraute, manche vermuten der Geliebte des Kronprinzen und späteren Königs von Bayern. Heute würde man ihn vielleicht Wingman, Bro und Lover von Ludwig Zwo nennen.

Und heute soll diese 160 Jahre alte Geschichte ja erzählt werden, von jungen Leuten. Laura Oswald und Raphael Binde haben sie für sich selbst als "historische Jukebox-Dramedy" inszeniert, unterstützt hat sie der Nürnberger Regisseur, Schauspieler und Librettist Titus Hoffmann. Oswald und Binde studieren im Abschlussjahrgang "Musicaltheater" an der Everding-Akademie. Es ist nun schon seit 2015 der schöne "Win-win"-Brauch, dass die "Masterclass" ihre Abschlussarbeit am Deutschen Theater München auf die Bühne bringt. Auch dieses Jahr, obwohl die beiden zusammen mit der ganzen Klasse als Hauptprojekt "Jesus Christ Superstar" am Nürnberger Staatstheater spielen. Aber zumindest dieses eine Stück, für zwei Darsteller (plus den Pianisten Manfred Manhart) soll nun zwei Abende lang die kooperative Tradition wahren.

"Elise und Paul" spielt 1866 in München, es passt prima in den Silbersaal, den barocken Schmuckkasten im Deutschen Theater. Es ist eine Story, die eine ganze Netflix-Kostümserie à la "Bridgerton" füllen könnte. Nur ist sie eben nicht ausgedacht und dazu selbst in München keineswegs ein ausgelutschter Geschichts-Drops: Schon mit etwa 16 Jahren lernt der Regensburger Gymnasiast den etwa gleichaltrigen Kronprinzen Ludwig kennen. Als Offizier wird er später dessen wichtigster Berater, sein Sprachrohr und Seelsorger. "Ich liebe Dich bis zum Wahnsinn", schreibt er ihm in einem Brief, aus dem vorgelesen werden wird. "Paul gilt als einzige Person, die mit Ludwig auf Augenhöhe sprechen konnte: emotional und intellektuell", sagt Hoffmann. Legendär ist der 20. Geburtstag Ludwigs, als Paul zum Lohengrin verkleidet und singend in einem Schwanenboot auf dem Alpsee zu ihm hinglitt, im Gebüsch versteckt spielten 30 Militärmusiker, von Richard Wagner persönlich geleitet. "Sie begeisterten sich", erklärt Hoffmann, "sehr für die Kultur."

Paul begeisterte sich aber auch sehr für eine neue Schauspielerin und Sängerin am privaten Münchner Actien-Volkstheater (das Ludwig später heimlich kaufen und als Staatstheater am Gärtnerplatz retten wird): Er besucht Elise in der Garderobe, sie hält ihn für Ludwig, dem er zum Verwechseln geähnelt haben soll, aber am Ende liebt sie ihn doch als Paul. Sogar so sehr, dass sie heimlich schwanger wird von ihm. Davon schwant Ludwig zunächst nichts. Es wird ein Riesenskandal. Der Hochadel lässt Paul die Bürgerliche nur unter Verzicht auf Geld und Titel heiraten. Ludwig verstößt - den ahnungslosen - Paul aber vor allem wegen einer Intrige, die das von diesem ertappte, ebenfalls heimliche Liebespaar Richard Wagner und Cosima von Bülow samt Hetzkampagne gegen "die hässliche jüdische Schauspielerin" in der Presse angezettelt haben soll.

Was hat das mit der heutigen Jugend zu tun? Alles, findet Titus Hoffmann. Es geht um Antisemitismus, Mobbing, Intrigen, alles leider brisant wie eh und je. "Es ist ein moderner Blick auf Ludwigs Zeit." Gerade für die Musicalmacher der Zukunft ist das interessant, geht es doch um einen Privilegierten, der sich am Ende ins Theater flüchtet, wo er seine Frau unterstützt.

Die Geschichte brachte der Mentor mit, was die Studentin und der Student daraus machen, hat ihn "irre beeindruckt". Laura Oswald und Raphael Binde haben ihren Abend in nur vier Wochen in Form gebracht. Sie beherrschten nicht nur ihr darstellerisches Handwerk und singen passende Pop-Stücke (von Demi Lovato über Shawn Mendez bis Céline Dion und natürlich Queen dazu), schwärmt der Regisseur, sie hätten auch eigene Balladen komponiert. Beeindruckt ist er auch von ihrer Recherche und ihrem breiten Wissen über die Theatergeschichte, wodurch das Stück nun weit über sich hinausweise. Letztlich muss es nicht bei der musikalischen Lesung mit angespielten Szenen bleiben, "Elise und Paul" kann sich Hoffmann auch größer inszeniert und ausgeschmückt etwa am Festspielhaus Neuschwanstein vorstellen. Laura Oswald und Raphael Binde - diese Namen, so findet er, solle man sich merken.

Elise und Paul - Eine historische Jukebox-Dramedy, Do. und Fr., 23. und 24. Mai, 20 Uhr, Deutsches Theater, Silbersaal

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Beitrages haben wir beim Foto der "Masterclass" am Deutschen Theater in der Bildunterzeile versehentlich Titus Hoffmann und Manfred Manhart miteinander verwechselt. Wir haben die Bildunterzeile korrigiert. Darüberhinaus haben wir den Pianisten fälschlicherweise einmal Mannhart und einmal Hartmann geschrieben.

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