Trotz des Streiks im Nahverkehr ist der Theatersaal Werk7 an diesem Mittwochabend nahezu voll. Das ist ausgerechnet der Deutschen Bahn (DB) zu verdanken, denn die S-Bahnen der DB Regio haben die meisten Besucher hergebracht. Trotzdem hängt im Saal eine Stimmung, als würde die Bahn das Publikum zu einer Leidensgemeinschaft einschwören. Sogar Moderatorin Laura Terberl, Leiterin des SZ-Video- und Audioteams und bekennender Bahnfan, sagt, sie komme langsam an ihre Grenzen.
Über bittere DB-Witze wird an diesem Abend häufig gelacht. Beim SZ Live-Event „Abenteuer Deutsche Bahn“ bestreitet niemand, dass die Bahn in einer Misere steckt: weder Berlin-Korrespondentin Vivien Timmler noch DB-Infrago-Chef Philipp Nagl noch Christian Kern, der ehemalige Vorstand der Österreichischen Bundesbahnen und Ex-Kanzler von Österreich. Bevor es um Probleme wie Finanzierung und Verspätungen geht, die die DB umtreiben, erzählt Vivien Timmler von ihrer Arbeit. Seit zwei Jahren berichtet sie für die SZ über die Deutsche Bahn.
Dass sie so ungefilterte Einblicke in den Konzern bekommen würde, habe sie sich nicht träumen lassen, sagt Timmler. „Ich glaube, meine Handynummer ist in der Bahnbranche das am schlechtesten gehütete Geheimnis.“ Entsprechend viele Hinweise erreichen sie. Doch nicht über alle Einzelfälle könne sie berichten. Es müsse sich schon um einen besonderen Schmerzpunkt handeln, oder um ein Schräubchen, das einiges besser machen könnte, wenn man es denn in die richtige Richtung dreht. „Und das ist eigentlich mein Ziel, nach diesen Schräubchen zu suchen.“

Ein Thema wird an diesem Abend mit besonderer Ernsthaftigkeit betrachtet: der Fall des getöteten Zugbegleiters Serkan C. Die Angriffe auf Zugbegleiter hätten zugenommen, sagt Vivien Timmler. Die geringe Personaldecke in den Zügen sei ein systemisches Problem – und dafür kann nicht nur die Deutsche Bahn etwas. Für den Regionalverkehr sind die Bundesländer zuständig, sie bestimmen über Ausschreibungen, wie viele Zugbegleiter und Sicherheitsleute mitfahren. „Da muss sich wirklich was am System ändern“, sagt Timmler. Es gebe aber Ansätze, etwa Apps, über die Bundespolizisten und Bahnmitarbeiter alarmiert werden können. „Ich bin sehr optimistisch, dass jetzt der Druck so hoch ist, dass sie sich gemeinsam zusammenraufen werden und Lösungen finden.“ Am Freitag trifft sich die DB zu einem Sicherheitsgipfel.
Zwei Experten sollen an diesem Abend Licht ins Dunkel des Infrastruktur-Chaos bringen, das für einen Großteil der Verspätungen der Deutschen Bahn verantwortlich ist. Als Chef der DB Infrago ist Philipp Nagl für die Infrastruktur der Bahn zuständig. Christian Kern leitet inzwischen die ELL Group, eine Leasinggesellschaft für Schienenfahrzeuge. An diesem Abend hat er die dankbare Rolle des externen Kritikers inne. Seine Worte bleiben nur selten ohne Beifall. Die Situation der DB beschreibt er so: „Du fährst in Österreich mit der Bahn über den Grenzübergang Kleinwalsertal und hast das Gefühl, du bist in der Prärie angekommen.“
Einen Hauptgrund für die Probleme sieht Kern in der politischen Grundeinstellung. In Österreich habe immer das Prinzip gegolten, dass eine gute Infrastruktur entscheidend sei, und zwar über alle Parteigrenzen hinweg. In Deutschland hingegen habe man völlig „zukunftsvergessen“ gehandelt. Es brauche eine Vision, hinter der alle stehen – und den Mut, die auch durchzusetzen, sagt Kern.
Entscheidend sei dabei, die größte Ressource zu pflegen, die ein Unternehmen habe, nämlich die Motivation der Mitarbeiter und den Glauben an den gemeinsamen Auftrag. Außerdem dürfe man nicht der Lüge aufsitzen, dass Infrastruktur Profit machen solle. Für die ganz Verzweifelten hat Kern eine Grundweisheit parat: „Never lose your sense of humor“. Besonders als Bahnvorstand. „Wenn du Bahnvorstand bist, dann musst du Schmerzen lieben.“
Ob Infrago-Vorstand Philipp Nagl Schmerzen liebt, lässt er an diesem Abend offen. Aus seiner Sicht besteht die große Herausforderung für den Schienenverkehr in Deutschland derzeit darin, die überalterte Infrastruktur und den stetigen Zuwachs an Verkehr zusammenzubringen. „Man darf nicht vergessen, dass wir da draußen jeden Tag über Anlagen fahren, die vor 100 Jahren gebaut worden sind.“ Die Infrastruktur sei über Jahrzehnte vernachlässigt worden, das könne man so schnell nicht aufholen.
Aber wäre es nicht eine Lösung, Verbindungen zu streichen, um die Pünktlichkeit zu erhöhen? Nun ja, sagt Nagl, theoretisch ginge das natürlich. Viele Menschen – nicht nur Bahnfahrer, sondern insbesondere auch Landräte – nähmen es allerdings als schlechten Deal wahr, für minimal pünktlichere Züge eine niedrigere Taktung in Kauf zu nehmen. Kurzum: Eine einfache Lösung ist nicht in Sicht. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sich wirklich etwas bessert.
Zum Ende der Veranstaltung wird dann noch Kerns Grundweisheit angewandt: Niemals den Humor verlieren. Comedienne Lara Ermer erzählt skurrile Geschichten aus der Bahn. Manche wurden von SZ-Leserinnen und -Lesern eingereicht. Es geht um Junggesellenabschiede, ein Bordrestaurant, das kiloweise Kuchen verschenkt, und ein altes Ehepaar, das seinen 65. Hochzeitstag in der Bahn feiert.
Was bleibt also? Dass man der Situation der Deutschen Bahn ohne Humor nicht mehr beikommt? Vielleicht ist die wahre Erkenntnis eine andere: Dass die allermeisten hier Bahnfans sind, trotz allem. Das merkt man spätestens daran, dass nicht die Zahlen zum Investitionsrückstau das lauteste Raunen ernten. Sondern ein Zuschauer, der sich meldet, um für den Ausbau des Straßennetzes zu plädieren.


