Bahnausbau im Münchner Osten:Bahn-Nachbarn kämpfen um besseren Lärmschutz

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Bahnausbau im Münchner Osten: Die Bahntrasse durchschneidet Daglfing, Englschalking und Johanneskirchen. Würde sie in einen Tunnel verlegt, ließe sich eine städtebauliche Wunde schließen.

Die Bahntrasse durchschneidet Daglfing, Englschalking und Johanneskirchen. Würde sie in einen Tunnel verlegt, ließe sich eine städtebauliche Wunde schließen.

(Foto: Florian Peljak)

Trassenführung, Verkehrsanbindung, Zeitplan: Das Unternehmen informiert Anwohner über seine Ausbauprojekte zwischen Johanneskirchen und Trudering. Größter Streitpunkt bleibt die ungelöste Tunnel-Frage.

Von Ulrike Steinbacher

Die Deutsche Bahn knüpft den Verkehrsknoten München neu. Öffentlich wahrgenommen wird davon meist nur der Bau der zweiten Stammstrecke, diese ist aber in Wirklichkeit nur eines von 50 Bahn-Projekten in der Stadt. Dass auch das Drehkreuz Pasing ausgebaut, der Güterverkehr auf den Nordring verlagert und der Südring für Personenzüge frei gemacht werden sollen, tritt meist in den Hintergrund. Und dass das nur funktioniert, wenn im Osten der Stadt die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, wissen die wenigsten. Von Johanneskirchen bis Trudering gibt es aber eine Reihe von Anwohnern, die sich fragen, wie sich die Bahn-Pläne auf den Zuschnitt ihrer Grundstücke, die Standfestigkeit ihrer Häuser und die Tiefe ihres Schlafs auswirken werden. Um Antworten zu geben, sind die Projektbetreuer der Bahn noch bis Donnerstag, 2. Juni, mit einem Bauwagen auf Infotour.

Bahnausbau im Münchner Osten: Was wird vor meiner Haustür gemacht, wann geht es los? Am Infowagen erklären Mitarbeiter den Anwohnern, was die Bahn vorhat.

Was wird vor meiner Haustür gemacht, wann geht es los? Am Infowagen erklären Mitarbeiter den Anwohnern, was die Bahn vorhat.

(Foto: Florian Peljak)

Sie stellen zum einen den viergleisigen Ausbau zwischen Daglfing und Johanneskirchen vor. Auf der knapp fünf Kilometer langen, heute zweigleisigen Strecke sollen Personen- und Gütertrassen voneinander getrennt werden, was einerseits eine Verdichtung des Güterverkehrs und andererseits eine bessere Anbindung des Flughafens an die Stadt, aber auch an Fernzugstrecken ermöglichen soll. Das heißt: Es werden deutlich mehr Züge fahren - und wenn es nach der Bahn geht, weiterhin ebenerdig. Die Stadt München dagegen will die Gleise in einen Tunnel legen - aus Lärmschutzgründen, aber auch, weil östlich davon ein neuer Stadtteil für 30 000 Einwohner entstehen soll, der sonst vom Zentrum abgeschnitten wäre.

Der zweite Themenschwerpunkt im Infobus sind die Güterstrecken und -kurven, die in Trudering neu gebaut oder modernisiert werden müssen, um alle Fahrtrichtungen miteinander zu verknüpfen und Tempo 80 bis 100 zu ermöglichen. "DTK" lautet das Kürzel für diese Projekte, gemeint sind die Dagflinger Kurve, auf der Züge aus Mühldorf Richtung Norden abbiegen können, die Truderinger Kurve, die nach Süden und zum Brenner-Basistunnel führt, und die Truderinger Spange, die die Bahnhöfe Daglfing und Trudering direkt verbindet. Für Kurvenradien und Lärmschutzwände braucht die Bahn Platz, der im dicht besiedelten Gebiet um Xaver-Weismor- und Thomas-Hauser-Straße aber nur schwer zu finden ist. Die KFZ-Verwahrstelle westlich des Wohngebiets erschwert eine anwohnerfreundlichere Lösung.

Barrierefreiheit in den Bahnhöfen rückt in weite Ferne

Eine Bahn-Sprecherin wertet das Projekt Infobus in einer Zwischenbilanz als Erfolg. Bis Mitte Mai hätten sich bereits 280 Anwohner informiert, zu den wichtigsten Themen gehörten Planungsstand, Zeitplan sowie Schall- und Erschütterungsschutz. Vereinzelt gebe es auch "Anregungen für alternative Streckenführungen", außerdem "Hinweise zum baulichen Zustand und dem optischen Erscheinungsbild der S-Bahn-Stationen im Münchner Osten".

Da werden die Bahn-Mitarbeiter auch zu hören bekommen haben, dass die Bahnhöfe Daglfing, Englschalking und Johanneskirchen weder Aufzüge noch Rolltreppen haben - obwohl sie an der Strecke zum Flughafen liegen und obwohl die Bürger seit Jahrzehnten Nachbesserungen fordern. Wenn es nach der Bahn geht, soll sich aber während des viergleisigen Ausbaus nichts ändern. Er dürfte in den 2030-er Jahren starten und in der ebenerdigen Variante sechs Jahre dauern, in der unterirdischen zwölf. Noch so lange Zeit ohne Barrierefreiheit auszukommen, hält wiederum das städtische Planungsreferat für "nicht zumutbar", dafür zahlen will die Stadt aber auch nicht. Vielmehr soll Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) bei Bund und Bahn Mittel einfordern. Auch beim Komplettumbau für die zweite Stammstrecke am Laimer Bahnhof hatte die Bahn für drei Jahre auf Barrierefreiheit verzichten wollen. Wegen des politischen Drucks setzte sie dann im Frühjahr 2021 einen Interimsaufzug ein, der zumindest bis diesen Spätsommer in Betrieb bleiben soll.

Der Tunnel kommt wohl dort an die Oberfläche, wo Tausende Menschen leben

Roland Krack vom Vorstand der Bürgerinitiative für Bahntunnel von Zamdorf bis Johanneskirchen findet das Informationsformat der Bahn sehr kleinteilig. Es gehe zu sehr um Detailfragen, kritisiert er, über die großen Linien sei auch angesichts des Andrangs schwer zu reden - zum Beispiel, wie der Lärmschutz für die Bewohner der bis zu 15-stöckigen Hochhäuser im nördlichen Johanneskirchen sichergestellt werden soll, an denen künftig mindestens dreimal so viele Güterzüge mit 740 Metern Länge vorbeirauschen werden wie heute. Selbst wenn der von Bürgern und Stadt gewünschte Tunnel gebaut werde, sagt Krack, wolle die Bahn ihn noch südlich der Stadtgrenze zu Unterföhring wieder an die Oberfläche führen - genau in Höhe der Hochhäuser, "dort, wo die meisten Leute wohnen". Betroffen wären nach seinen Angaben 4000 bis 5000 Menschen. Daher fordert die Initiative, den Tunnel um etwa 750 Meter zu verlängern.

Die KFZ-Verwahrstelle zieht womöglich nach Langwied um

Peter Brück von der anderen Bürgerinitiative, der Anwohner TDKS, sieht durch die Kampagne der Bahn eine Möglichkeit, das angespannte Verhältnis zu verbessern und "aus diesem Informationsvakuum rauszukommen". Dass nach den ausgehängten Plänen am Containerbahnhof in Riem Puffergleise eingeplant seien, wertet er als Zeichen, dass die Bahn sich doch auf größere Verkehrsmengen vorbereitet, nicht nur auf die Verdreifachung der Güterzug-Zahlen, die sie offiziell einräumt. Außerdem, so Brück, mehrten sich die Anzeichen, dass der Freistaat Bayern bereit sein könnte, seine KFZ-Verwahrstelle von Trudering in den Westen der Stadt zu verlegen, was wiederum die DTK-Planungen vereinfachen würde. Dem Vernehmen nach ist für die abgeschleppten Autos ein bahnnahes Grundstück in Langwied im Gespräch.

In einem Punkt sind sich die beiden BI-Vertreter einig: Wenn sie bei Streckenführung und Lärmschutz etwas erreichen wollen, dann jetzt. Vielleicht, so Brück, tue sich "für kurze Zeit ein Zeitfenster für eine gescheite Lösung auf". "In ein, zwei Jahren läuft das alles", ergänzt Roland Krack. "Dann kann man nur noch Kleinigkeiten ändern."

Der Infowagen der Bahn steht am Montag, 23. Mai, und am Montag, 30. Mai, von 10 bis 12 und 14 bis 16 Uhr am Nordausgang des Bahnhofs Trudering beim Park-&-Ride-Platz, am Donnerstag, 2. Juni, von 16 bis 19 Uhr bei der Grünanlage am Ausgang Süd. Die Bürgerinitiative Bahntunnel startet am Dienstag, 31. Mai, 17 Uhr, am Park-&-Ride-Platz östlich des Bahnhofs Daglfing zu einem 45-minütigen Spaziergang entlang der Strecke zum Bahnhof Johanneskirchen. Am Donnerstag, 2. Juni, 17 Uhr, ist eine Tour vom dortigen Park-&-Ride-Platz westlich der Gleise bis zur Stadtgrenze geplant.

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