Deutsch-französische Schule Lernen wie Gott in München

Weil die Nachfrage so groß war, wurden 2007/2008 Kindergarten und Grundschule verlegt, in der Berlepschstraße blieben nur College und Gymnasium.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Grundschule dauert fünf Jahre, in den Zeugnissen stehen Noten von A bis D und manche Mitschüler haben prominente Eltern - das Lycée Jean Renoir hat in München eine lange Tradition. Dennoch muss es in Zukunft um Schüler werben.

Von Oliver Hochkeppel

Wer morgens oder mittags am Harras oder am Giesinger Bahnhof unterwegs ist, kann sich schon mal fast wie in Paris vorkommen. Bunt gemischt ist das Straßenbild, von überall her dringen französische Wortfetzen ans Ohr. Nicht, dass alle fast 9500 in München lebenden Franzosen - rechnet man die frankophone Gemeinde dazu, sind es noch ein paar tausend mehr - sich in Sendling oder Giesing angesiedelt hätten. Aber ihre Kinder, die gehen vorzugsweise hier zur Schule: auf das Lycée Jean Renoir.

Münchens deutsch-französische Schule hat eine lange Tradition. 1953 wurde die nach dem berühmten Filmregisseur benannte Einrichtung als Ergebnis einer Elterninitiative am Institut français gegründet. Zunächst ging es vor allem darum, den Kindern hier stationierter oder beschäftigter Franzosen Unterricht in ihrer Sprache und ihrem System zu ermöglichen. Als man 1965 in eigene Räume in der Oettingenstraße umzog, zählte man 165 Schüler. Mit der deutsch-französischen Aussöhnung, die ja in dieser Zeit zur Freundschaft wurde, nahm die Idee Gestalt an, die Schule zu öffnen und "die deutsche Zivilisation, Kultur und Sprache zu integrieren", wie es noch heute auf der Homepage heißt.

Im ehrwürdigen Gymnasium an der Berlepschstraße dominiert dann eindeutig die französische Sprache.

(Foto: Stephan Rumpf)

1976 erhielt die Grundschule vom Freistaat Bayern die Genehmigung als "Ersatzschule", das heißt, mit dem Besuch wird der Schulpflicht genügt, Abschlüsse freilich werden nicht anerkannt. Wer sein Kind zum Beispiel nach der vierten Klasse auf ein deutsches Gymnasium wechseln lassen will, muss es Probeunterricht mit Prüfung machen lassen. Auch die Mittlere Reife wird hier nicht erworben. Aber natürlich bietet die Schule das AbiBac an, also den gymnasiale Doppel-Abschluss mit französischem Baccalaureat und deutschen Abitur, was auch von der Mehrheit der Schüler wahrgenommen wird. Bis dahin freilich ist so einiges anders als auf einer deutschen Schule.

Die Lehrer sind aus Frankreich abgeordnet

Was damit beginnt, dass das Lycée Jean Renoir fest in das französische Schulsystem eingebunden ist. Anders als im föderalistischen Deutschland lernt jedes französische Kind, ob in Paris, in Amman, in Montreal oder in Tokio, im Prinzip denselben Stoff und schreibt die exakt gleichen Bac-Prüfungen. Die Aefe (agence pour l'enseignement francais à l'étranger, auf deutsch: Agentur für französische Erziehung im Ausland) wacht darüber, als Träger von mehr als 490 Schulen in 135 Ländern der Welt mit 330 000 Schülern - kein anderes Land betreibt annähernd ähnlichen Aufwand. Ihren Abschluss an französischen Schulen machten beispielsweise Filmstar Jodie Foster, Ex-UNO-Generalsekretär Boutros Boutros Ghali oder der schwedische Regisseur Ingmar Bergman.

1440 Schüler besuchern derzeit die deutsch-französische Schule in München.

(Foto: Stephan Rumpf)

Und so ist auch am Lycée Jean Renoir das Schuljahr in Trimester eingeteilt, die Grundschule dauert fünf, nicht vier Jahre, der Kindergarten ist bereits Vorschule, und in den umfangreichen Zeugnisheften stehen Noten nicht von Eins bis sechs, sondern von A bis D. Auch die verbeamteten französischen Lehrer (gut die Hälfte des etwa 100-köpfigen Kollegiums, und meist auf Zeit aus dem Mutterland verpflichtet) dürfen wie ihre angestellten französischen und deutschen Kollegen streiken, was auch schon das eine oder andere Mal vorgekommen ist.

Konkurrenz belebt das System

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Das französische System gilt als strenger, pädagogisch konservativer, noch einen Tick leistungsorientierter. Dafür ist auch die Betreuung am Lycée Jean Renoir intensiver: Bis ins Gymnasium hinein korrespondieren die Lehrer über ein "Cahier de liaison" nahezu täglich mit den Eltern; beim kleinsten Problem wird um ein Gespräch gebeten. Die Klassen sind mit maximal 20 bis 25 Schülern klein, Nachmittagsbetreuung an der Grundschule und Nachhilfe ("Soutien") am Gymnasium ist selbstverständlich.