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Design im Untergrund:U-Bahn-Stationen wie Kunstwerke

Zu Beginn sahen die U-Bahnhöfe im Münchner Netz alle recht ähnlich aus - doch das hat sich geändert. An manchen Stationen lohnt sich das Aussteigen.

Von Thomas Jordan

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Quelle: Robert Haas

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Futuristische Riesenlampen, antike Porträtbüsten und ein "Glasauge", durch das Tageslicht in den Untergrund strömt: Wer sich bei der Fahrt mit der U-Bahn die Zeit dafür nimmt, entdeckt Designhighlights im öffentlichen Raum. An vielen der insgesamt 100 Haltestellen kann man Licht- und Farbkunstwerke von weltbekannten Künstlern erleben, Mini-Kunstausstellungen besichtigen und beobachten, wie sich Architektur und Design mit den Besonderheiten des jeweiligen Ortes auseinandersetzen. Seit den Neunzigerjahren Jahren haben Stadt und Verkehrsgesellschaft MVG den Anspruch, dass jeder Bahnhof seinen eigenen, unverwechselbaren Charakter hat.

Das war in den Anfangsjahren der Münchner U-Bahn noch ganz anders: Als 1971 die erste Linie zwischen Kieferngarten und Goetheplatz fertiggestellt war, die heutige U6, sahen die Bahnhöfe mehr oder weniger gleich aus. Die Stationen waren nach dem Baukasten-Prinzip des Architekten Paolo Nestler gestaltet: Farbige, gekachelte Stützpfeiler, weiße Decke und eine in Pastelltönen gehaltene Wand hinter den Gleisen - fertig war das Stationsdesign.

Im Bild: Die in Schlitzwand-Deckelbauweise errichtete, säulenlose Bahnsteighalle an der Haltestelle Olympiaeinkaufszentrum hat mit einer Spannweite von mehr als 17 Metern eine der größten freitragenden Stahlbetondecken im Bereich der Münchner U-Bahn.

U-Bahn-Station Wettersteinplatz in München, 2010

Quelle: Alessandra Schellnegger

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Unterschiede gab es nur in der farblichen Markierung der jeweiligen Linie: blau für die U 6, orange für die U 3, die 1972 als zweite Linie fertiggestellt wurde. Heute kann man die erste Design-Phase der Münchner U-Bahn zum Beispiel noch am Sendlinger Tor erleben, allerdings nicht mehr lange. Von Frühjahr an wird die Station für 150 Millionen Euro umgebaut - und auch komplett neu gestaltet.

Aufgebrochen wurde das Konzept der ähnlichen U-Bahnhöfe in den Achtzigerjahren. Die architektonische Individualisierung begann, Gemälde und Skulpturen zierten die Wände. Die Stationen Königsplatz und Lehel sind typische Beispiele dafür. In den Neunzigerjahren folgte dann das Konzept der Designbahnhöfe: Um Fahrgäste zu locken, will die Münchner U-Bahn mehr und mehr auch ästhetisch gefallen. Transparent und übersichtlich sollen die Bahnhöfe gestaltet sein, um für Sicherheit und reibungslose Abläufe an den Gleisen zu sorgen und mit ihrem ansprechenden Äußeren gleichzeitig die Hemmschwelle für Vandalismus zu erhöhen. Unter dieser Vorgabe gestalten nun weltbekannte Künstler wie Ingo Maurer die Farbgebung und die Lichtführung in den Stationen - demnächst auch am Sendlinger Tor.

Im Bild: Die U-Bahn-Station Wettersteinplatz mit einem Farbkonzept von Alfons Lachauer. Der Bahnsteig am Wettersteinplatz liegt vergleichsweise tief, da die U-Bahn vom Candidplatz her kommend die Geländestufe den Giesinger Berg hoch überwinden muss, dies aber nur mit maximal 4 Prozent Steigung möglich ist. Am Wettersteinplatz liegt der U-Bahnhof deswegen noch 18,5 Meter unter dem Geländeniveau. (Info von www.u-bahn-muenchen.de)

U-Bahn Haltestelle Marienplatz

Quelle: Florian Peljak

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Leuchtende Ausnahme

Die Station Marienplatz war 1971 der einzige U-Bahnhof, der aus dem Baukasten-Schema des architektonischen Gründervaters des Münchner Netzes, Paolo Nestler, ausbrechen durfte. Hier setzte der Münchner Architekt Alexander von Branca ein architektonisches Zeichen: In U 3-Orange, statt wie zu dieser Zeit üblich in gedeckten Pastelltönen, leuchten daher die Bahnsteigwände, die gekachelten Aufgänge bilden dazu in Ultramarinblau und Blaugrün einen kräftigen Kontrast. Seit der Erweiterung der Station im Jahr 2006 winden sich nun vier Röhren unter dem Münchner Marienplatz hindurch und lenken zu Stoßzeiten stündlich mehr als 30 000 Passagiere durch den Bahnhof. Die voneinander getrennten südlichen und nördlichen Bahnsteigröhren von U 3 und U 6 entsprechen oberirdisch übrigens in etwa der Lage von Diener- und Weinstraße, den beiden Parallelstraßen an der West- und Ostseite des Rathauses.

U-Bahnhöfe Architektur

Quelle: Florian Peljak

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Auf alt gemacht

Die Station Lehel erinnert am ehesten an das historische Vorbild aller europäischen U-Bahnhöfe: die Londoner Underground. Statt wie das englische Original mit Werbeplakaten ist die weiße Röhre in München aber dezent mit antikisierenden Wandreliefs und Porträt-Büsten ausgestattet. Neben griechischen Säulen sind in die weißen Aluminiumbleche, die die ganze Station verkleiden, auch mittelalterliche Heldendarstellungen und mythologische Tierfiguren eingelassen. Schließlich liegen die Archäologische Staatssammlung, die Gemälde-Galerie "Sammlung Schack" und das Bayerische Nationalmuseum in unmittelbarer Nähe. Die röhrenförmige Architektur hat übrigens einen geografischen Grund: Bei der Anlage des Bahnhofs 1988 mussten die Bauarbeiter tief in den Erduntergrund des alten Stadtviertels vordringen, um die nahe gelegene Isar zu unterqueren.

U-Bahnhof Münchner Freiheit in neuem Design, 2009

Quelle: Stephan Rumpf

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Bewusst knallig

Im Licht- und Farbdesign des Münchner Lampenkünstlers Ingo Maurer leuchtet der U-Bahnhof Münchner Freiheit. Die Station war einer der U-Bahnhöfe, die 1971 auf der ersten Linie zwischen Kieferngarten und Goetheplatz eröffnet wurden. Bei der Renovierung 2008/2009 hat Maurer Tausende LED-Leuchten in der Decke montiert und dadurch das ursprüngliche Stationsdesign des Architekten Paolo Nestler wirkungsvoll aktualisiert: Die blau gekachelten Stützpfeiler am Bahnsteig leuchten nun von innen heraus und bilden einen Kontrast zu der neuen, hellgelben Blechverkleidung an den Wänden. Mit der knalligen Farbgebung will Maurer die Fahrgäste anregen: "Ich hoffe, dass die Menschen sich von der Kraft und der Frische anstecken lassen und die Nutzung der U-Bahnstation als einen Moment erleben, vielleicht auch ganz unbewusst, der ihren 'Spirit' und ihre Stimmung hebt."

U-Bahnhöfe Architektur

Quelle: Florian Peljak

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Flämischer Regenbogen

Fahrgäste, die am Untergiesinger Candidplatz aussteigen, tauchen in die Farbpalette des flämischen Renaissance-Malers Peter Candid ein, der im 16. Jahrhundert für die Münchner Residenz und einige Kirchen Kunstwerke und Altarbilder schuf. Von violett über rot, gelb und grün bis dunkelblau reicht die regenbogenartige Gestaltung. Mithilfe der Chiron-Technik, bei der Farbe in den Luftstrom eines Spritzgeräts geträufelt und dann ähnlich wie beim Air-Brush-Verfahren an die Wand gesprüht wird, hat der Kirchenmaler Alfons Wagner 1997 innerhalb von vier Monaten die Wände, Decken und Stützpfeiler farblich miteinander verbunden. Dadurch ergeben sich feine Farbabstufungen im Bahnsteigbereich, die den leicht gebogenen Gleisverlauf betonen. Der so luftig wirkende Regenbogenbahnhof hat dabei eine schwere Last zu tragen: Unmittelbar darüber kreuzt die 750 Meter lange Candidbrücke die Station.

U-Bahnhöfe Architektur

Quelle: Florian Peljak

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Kunst unterm Königsplatz

Eine Mini-Ausstellung antiker Skulpturen empfängt die Fahrgäste direkt am Bahngleis der Station Königsplatz. Die Glasvitrinen sind in die Stützpfeiler der U-Bahn-Station eingelassen. Die Repliken aus der Glyptothek und der Staatlichen Antikensammlung am Königsplatz sind aber nicht die einzige künstlerische Besonderheit des Bahnhofs, der 1980 eröffnet wurde. Insgesamt 32 Faksimiles weltberühmter Gemälde wie Franz Marcs expressionistisches "Blaues Pferd" sind an den Wänden hinter den Gleisen angebracht. Sie alle verweisen auf eines der Museen im Münchner Kunstareal. Das Lenbachhaus, die Pinakotheken, das Museum Brandhorst oder das Staatliche Museum Ägyptische Kunst sind von hier aus fußläufig zu erreichen. Wer Lust auf mehr Kunst hat, braucht den U-Bahnhof nicht einmal zu verlassen: Im Zwischengeschoss bespielt das Lenbachhaus seit 1991 den Kunstbau.

U-Bahnhöfe Architektur

Quelle: Florian Peljak

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Verwirrspiel an der Wand

Dass einem selbst im beschaulichen München das U-Bahnnetz wie ein Irrgarten erscheinen kann, veranschaulicht kunstvoll der Bahnhof Oberwiesenfeld. "Ornament" hat der Bildhauer Rudolf Herz seine Gestaltung der Südwand hinter den Gleisen genannt. Wer von vorne darauf blickt, sieht darin nichts anderes als scheinbar ungeordnete schwarze und weiße Quer-und Längsbalken. Erst beim Blick aus seitlicher Perspektive - etwa von der Rolltreppe aus - ergeben die Balken ein schwarz-weißes Labyrinth. In grellem Orange bietet die gegenüberliegende Nordwand einen kräftigen Kontrast dazu. Optische Entspannung bietet der freie Blick in den Himmel durch einen der 16 pyramidenförmigen Lichtschächte. "Oberwiesenfeld" hätte diese Station ursprünglich übrigens gar nicht heißen sollen: Geplant war, den im Münchner Norden 2007 neu gebauten Bahnhof "Olympiapark Nord" zu nennen.

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Quelle: Stephan Rumpf

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Moosacher Fotoalbum

Einer der hellsten U-Bahnhöfe Münchens ist der Moosacher St.-Martins-Platz, der 2010 fertiggestellt wurde und mit der Station Moosach der jüngste Neuzugang im U-Bahnnetz ist. Durch einen 19 Meter langen Deckenschlitz dringt Tageslicht auf den Bahnsteig, an der Decke sind zusätzlich elegante, durchsichtige Pendelleuchten aus Glas angebracht, die ihr Licht punktgenau abstrahlen. Um eines der Motive auf den 76 000 Fotos hinter den beiden Gleiswänden zu erkennen, wird das Licht für die Fahrgäste wohl trotzdem nicht reichen - denn jedes Einzelfoto hat gerade mal ein Format von 11 mal 15 Zentimetern. Ein Jahr lang hat der Künstler Masayuki Akiyoshi die Umgebung von Moosach fotografiert und Motive aus Architektur, Infrastruktur und Pflanzenwelt in ein 120 Meter langes Wand-Fotoalbum einsortiert. Moosacher "Forst" nennt Akiyoshi seine Rauminstallation: ein Wald aus Bildern.

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Quelle: Robert Haas

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Gut beschirmt

Für viele Münchner ist es der schönste U-Bahnhof im Netz: Elf Riesenlampen mit einem Durchmesser von 3,80 Meter hängen in der 1998 eröffneten Station Westfriedhof von der Decke und tauchen den Bahnsteig in gelbes, rotes und blaues Licht. Zusammen mit den blau angestrahlten, roh belassenen Gleiswänden erzeugen sie im Bahnhof eine fast schon mystische Höhlenatmosphäre. Die natürlichen, schroffen Ausbuchtungen zu beiden Seiten erinnern dabei an Felswände in den Alpen. Mit dem Lichtkonzept von Ingo Maurer wird jeder Bahnsteigteil gleichmäßig hell ausgeleuchtet: Während die dunklen blauen Lampen in der Nähe der Treppe angebracht sind, wo durch eine Öffnung Tageslicht auf den Bahnsteig strömt, wurden die hellen gelben Lampenschirme in den dunklen, zentralen Bahnsteigbereichen aufgehängt.

Neue U-Bahn-Station Georg-Brauchle-Ring, 2003

Quelle: RUMPF, STEPHAN

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Große Reise

Wer an der Station Georg-Brauchle-Ring ankommt, steht mitten in Franz Ackermanns Installation "Die große Reise". Die 2003 eröffnete Station holt Gegenwartskunst in die Münchner U-Bahn. Auf 400 Metalltafeln hat der Altöttinger Künstler Zeichnungen und Fotografien in ein rechteckiges Farbenspiel an der Wand hinter den Gleisen eingebaut. Antike Säulenhallen treten hier auf 17 verschiedenen Farbtafeln mit großstädtischen Wolkenkratzern in Verbindung, frühneuzeitliche Segelschiffe fahren auf die modernen Metropolen Paris und Berlin zu. "Die große Reise" kann sich dabei in luftigen Höhen entfalten, denn mit mehr als sieben Metern Deckenabstand vom Boden ist die Haltestelle eine der höchsten Stationen im U-Bahn-Netz. Durch die spiegelnde Decke aus poliertem Edelstahl wirkt die Wandkomposition sogar noch höher. Die geschwungene Dachkonstruktion am Eingang erinnert an chinesische Pagodenarchitektur.

© SZ.de/infu
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