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OB Reiter und Seehofer:Große Politik im Englischen Garten

Begegnungen, die man nicht vergisst: Bei Horst Seehofer (re.) und Dieter Reiter (M.) ist es inzwischen fast egal, wer eigentlich welcher Partei angehört. Ludwig Spaenle (li.) übernimmt die Rolle des mäßig begeisterten Dritten.

(Foto: Robert Haas)

Horst Seehofer besichtigt die Busroute, die zur Trambahntrasse werden soll. Wie gut, dass er Dieter Reiter dabei hat, der ihm alles erklärt. Nur einer hat nichts zu lachen.

Von Dominik Hutter und Wolfgang Wittl

Dieter Reiter hat Pralinen dabei. Und wartet nun mit dem kleinen weißen Tütchen auf den Mann, dem er für die gute Zusammenarbeit danken will. Die Asphalttrasse durch den Englischen Garten ist klatschnass, die Bäume tropfen, und als Horst Seehofer mit seinem blaulichtbewehrten Tross anrollt, zeigt sich der Ministerpräsident ob des essbaren Geschenks ziemlich ungerührt. "Mit zweijähriger Verspätung" komme diese Anerkennung, brummelt er - obwohl er zuvor eine solche Geste flapsig selbst eingefordert hatte. Aber natürlich nimmt er das Tütchen an. Um anschließend festzustellen: "Da also beginnt der Englische Garten."

Seehofer ist, das räumt er offen ein, zum ersten Mal an dieser Stelle: Ecke Königin-/Thiemestraße. Wo jetzt noch alle paar Minuten Busse durchfahren, soll in ein paar Jahren eine Trambahn rollen. Vom Elisabethplatz kommend über die Franz-Joseph- und Martiusstraße zum Chinesischen Turm und dann Richtung Tivoli. "Ich habe erst vom Oberbürgermeister erfahren, dass an dieser Stelle bereits eine Straße durch den Englischen Garten führt", beteuert der CSU-Chef. Damit sei das Argument der Durchschneidung ja wohl vom Tisch. Also: Ja zur Tram, am Dienstag soll das Kabinett beraten.

Es ist ein durchaus skurriler Termin, den die Herren da bei miserablem Wetter auf der Bus- und Radlerfurt absolvieren. Seehofer, der sich längst für die Tram ausgesprochen hat, macht eine Ortsbesichtigung, die der eigenen Meinungsbildung dienen soll. Reiter, der die Trasse ohnehin gut kennt, mimt den Fremdenführer und erklärt anhand einer Computersimulation das städtische Wunschprojekt, gegen das sich die Staatsregierung jahrzehntelang gewehrt hat. Mit dabei ist der Münchner CSU-Chef Ludwig Spaenle, der als einziger Ortsbesichtiger noch immer gegen das Projekt ist und sich tapfer von allen anderen abmeiern lässt. Wacker bringt er bei jeder Gelegenheit eine Lösung mit Elektrobussen auf verschmälerter Trasse ins Gespräch. Wieder und wieder. Spaenle weiß vermutlich längst, dass er verloren hat. Kein Mensch spricht mehr über Elektrobusse, und am wenigsten Reiter oder Seehofer.

Das freundliche Beisammensein fürs Foto wirkt also ein wenig gestellt. Die Große Koalition Seehofer/Reiter lächelt neben dem Kultusminister, der die einsame Tram-Opposition verkörpert. Im Hintergrund: zwei Polizistinnen auf Pferden und der 154er-Bus, der mit Warnblinkanlage warten muss, bis alle abgelichtet und die Straße wieder frei ist. Als der Bus dann endlich vorbei zuckelt, herrscht drinnen auf den Sitzen ein wenig Aufregung - Ministerpräsident plus Oberbürgermeister direkt vorm Busfenster, das sieht man nicht alle Tage. Ein paar Minuten später wird Seehofer bei einem Bus in Gegenrichtung ans Fenster der Fahrerkabine klopfen und nachfragen, wie denn Busse und Radfahrer auf der Parktrasse miteinander klarkommen. Nicht so gut? Das spricht für die Tram, weil dann auch noch ein separater Radweg möglich ist. Sagt Seehofer.

Seehofers Basta-Politik mit Bodenhaftung

Die Szene mit dem Busfahrer ist bezeichnend für einen Politikstil, den Seehofer wie Reiter gleichermaßen verfolgen und der vermutlich verbindend wirkt. Einfach mal stichprobenartig vor Ort nachschauen, und die Erfahrungen dann unmittelbar in Politik umsetzen. Eine Art Basta-Politik mit Bodenhaftung. Vor Jahren, als Reiter persönlich an der Residenzstraße eine Auseinandersetzung zwischen einem Radfahrer und einem Fußgänger mitbekommen hat, entschied er sich, das Kuddelmuddel auf der Altstadtquerung zu entwirren. Durch eine "saubere Trennung" der Verkehrsströme, wie sie Seehofer nun auch für den Englischen Garten anmahnt. Reiter stimmt zu und erzählt dem Ministerpräsidenten, was ihm einst an der Residenzstraße widerfuhr. Auch der fährt gerne durchs Land und schaut sich Problemzonen persönlich an: Donauausbau, Windräder, Riedberger Horn.

Seit sich Seehofer und Reiter am Abend des Münchner Amoklaufs im Lagezentrum trafen, sind die beiden per Du. Als politische Abräumer betätigen sie sich schon seit geraumer Zeit - in trauter Kooperation. Das ungleiche Duo hat den Weg zum zweiten S-Bahn-Tunnel geebnet, zum Konzertsaal im Werksviertel und nun wohl auch zur Trambahn durch den Englischen Garten, die allerdings noch nicht beschlossen ist. Durch einen Pragmatismus, der so gnadenlos ist, dass oft gar nicht mehr ersichtlich ist, wer welcher Partei angehört. Und dass das rote München doch eigentlich ein Stachel im Fleisch des schwarzen Bayern ist.

Auch die beiden Ehefrauen verstehen sich gut

Seehofer geht so weit, dass er die Einigkeit mit Reiter auf Kosten der eigenen Münchner Parteifreunde zelebriert. Das ist für beide Protagonisten eine echte Win-Win-Situation: Seehofer zeigt dem Söder-orientierten Bezirksverband, wer der Chef ist. Den ungeliebten Finanzminister und Nachfolge-Anwärter düpiert er gleich mit - der hatte nur Tage vor Seehofers Gesinnungswechsel noch gegen die Tram gewettert. Reiter wiederum kriegt seine heiß geliebte Straßenbahn und dürfte sich nicht wirklich daran stören, wenn der unbequeme Bündnispartner von ganz oben eins auf die Mütze bekommt.

Seehofer schätzt an Reiter seine Ehrlichkeit, seine Verlässlichkeit, seine Fairness. Er sagt, der Reiter, "der kann was". Auch die beiden Ehefrauen verstehen sich gut, das muss ja in der Politik kein Schaden sein. Zum ersten Mal hellhörig wurde Seehofer, als FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß über Reiter sagte: Seehofer müsse zwar Ministerpräsident bleiben, aber OB solle der SPD-Mann Reiter werden. Reiter war damals noch Wirtschaftsreferent.

Auch Reiter schätzt an Seehofer dessen Verlässlichkeit bei Absprachen, die er nach eigener Auskunft bei seinen Rathauspartnern aus derselben Partei so vermisst. Eine gute Zusammenarbeit zwischen OB und Ministerpräsident, davon ist der SPD-Mann überzeugt, kann München nur nützen. Es war Reiter, der die jahrelange Weigerung Münchens zu einem Finanzbetrag für die S-Bahn beendet hat. Fairerweise muss man allerdings sagen: Auch sein Vorgänger Christian Ude unterhielt ein durchaus konstruktives Verhältnis zu Seehofer. Bis er schließlich bei der Landtagswahl 2013 gegen den CSU-Chef antrat. Das hält die beste Partnerschaft nicht aus.

© SZ vom 02.09.2017/jana
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