Dass „Little Shop of Horrors“ einer der populärsten Späße der Musical-Geschichte ist, liegt auch an den Stars seiner Verfilmung von 1986: Niemand, der mitgelitten hat, wie Steve Martin als sadistischer Lederjacken-Zahnarzt den Masochisten-Patienten Bill Murray traktiert, wird je wieder ohne Lächeln zum Zähnebohren gehen. Kurz erwähnt: Im allem zugrunde liegenden Schwarz-weiß-B-Movie „Kleiner Laden voller Schrecken“ von 1960 spielte Jack Nicholson den Patienten; und eine Neuverfilmung mit Scarlett Johansson und Taron Egerton ist in der Mache. Populärster Stoff jedenfalls.
Dass die Grusel-Persiflage nicht allzu viele Ableger auf Tourneebühnen hat, liegt ebenfalls an einem der Stars: Audrey II. Das ist die fleischfressende Pflanze, die hier alles verschlingt. Sie wuchert von Szene zu Szene, bis sie den ganzen Blumenladen, in den sie der herumgeschubste Waisenknabe Seymour Krelbourn geschafft hat, ausfüllt. So ein als Schauspieler agierendes (und Schauspieler schnabulierendes) Monstrum auf die Bühne zu bringen, ist die große, kostspielige Herausforderung, die sich eher für langlaufende Theaterproduktionen rentiert. In der Off-Broadway-Fassung von 1982 bis 1987 waren Puppendesigner von der Muppet-Show und der Sesamstraße involviert.

Das Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen hat sich an das abseitige Riesenwerk gewagt und nun deutschsprachig als „Der kleine Horrorladen“ zu den Partnern vom Deutschen Theater geschafft. Da sieht es schon mal gut aus, das West-Side-Story-artige „Pennerviertel“ um Mr. Mushniks bankrotten Blumenladen, die Sixties-College-Film-Kostüme, der Kontrast durch den Glamour der wie ein Rundfunkballett wirbelnden Tänzerinnen.
Die Regisseure Dirk Schattner und Benjamin Sahler haben viele Ideen bis hin zu einem lebendigen Gartenzwerg hineingepackt, manchmal fehlt es noch an Dichte, Timing und Fokus. Und den Schmiss der Rock’n’Roll- und Doo-Wop-Songs von Alan Menken (der später mit etlichen Disneyfilmen wie „Arielle“ oder „Die Schöne und das Biest“ Oscars, Grammys, Tonys und Emmys gewann) aus der Hollywood-Produktion kann man freilich selbst mit einer tüchtigen Fünf-Mann-Band und feinem Sängerinnen-Trio nicht erreichen.

Aber die Darsteller schmeißen sich rein: Michael Kocinek wird zum knuffigen Loser Seymour, der durch den faustischen Pack mit dem Satansspross zum Botanik-Star aufsteigt. Alexander Kerbst gibt einen wahren Zahnarzt-Widerling ab und spielt dessen Lachgas-Tod comichaft (eine Warnung an alle, die die „Partydroge“ für harmlos halten), seine weiteren Einsätze als Tante, Tunte, Ami und Ossi sind der Klischees aber zu viel. Das sexy Fräulein Audrey ist freilich eh Klischee durch und durch, Stefanie Gröning verleiht Seymours Liebchen bei aller Doofinchen-Komik und naivem Sehnen nach einem Reihenhaus mit Das Goldene Blatt-Abo auch Opfer-Tragik – die sich am Ende erfüllt, wenn sie sich von Audrey II verschlingen lässt, um endlich „irgendwo im Grünen“ zu sein. Jeder verspricht sich was von der neuen faszinierenden Wucherung, ob Geld, Ruhm oder Erlösung – klar, kann man da an KI denken. Jedenfalls gehen hier am Ende alle den Weg der Verdauung, man trauert um keinen ...
Gut für die blutdurstige Audrey II. Die sieht prima fies aus, wie im Original vorgesehen als Mix aus Venusfalle, Avocado und Haigebiss mit Kusslippen. „Gib’s mir!“, herrscht sie Seymour immer mehr an. Chris Murray, der Musical-Haudegen, verleiht ihr mit seiner Stimme weniger Rock-Druck, aber mehr Drama, lässt sie grunzen, schlabbern, grollen und quietschen. Manchmal quietscht auch die Mechanik der Drei-Meter-Pflanzenpuppe, etwas Öl täte gut. Aber als dann im Schlussbild der ganze Saal bis ins Publikum voller Lianen hängt, in die alle Darsteller eingebunden sind, und auch dem Letzten klar geworden ist, dass diese Alienbrut die Weltherrschaft anstrebt, ist man fast froh um jedes warnende Geräusch von Audrey II oder ihrer Ableger.
Der kleine Horrorladen – das Musical, bis 10. August, München, Deutsches Theater

