Kritik:Natur in Potenz

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Das Ensemble "der/gelbe/klang" widmet sich dem Werk des Italieners Pierluigi Billone. Ein Konzert, so besonders wie fordernd.

Von Klaus Kalchschmid, München

Es war ein Komponistenporträt der besonderen, aber auch der besonders fordernden Art: Kammermusik von Pierluigi Billone im Schwere Reiter. Schon der Begriff "Musik" gibt zu denken, denn bis zuletzt hörte man im weitesten Sinne Geräuschhaftes jenseits eines wahrnehmbaren Tons, wobei stets die ganz tiefen Register im Vordergrund standen. Wunderbar musiziert vom Ensemble "der/gelbe/klang", begann das in "Kosmoi.Fragmente" (2008) für Stimme und sieben Instrumente und fand seinen Widerhall in "Quattro Alberi" (2011) für Stimme, Fagott, Akkordeon und Schlagzeug. Faszinierend fremdartig, als würde man den vielfältigen, gleichzeitig erklingenden Lauten aus einem Urwald zuhören, dann "Dike Wall" für Bassklarinette, Bassflöte, drei Streicher, Klavier und einem Schlagwerker im Zentrum.

Wie ein Schamane auf einem umgehängten Gong und mit einem liegenden Bronze-"Becken" mit zwei kleinen Klangschalen Rituale zelebrierend, strahlte er vielfältig auf seine Mitspieler aus, die auf dem Korpus klopften oder mit Gläsern die Saiten strichen: das musste man sehen und nicht nur hören!

In "Ebe und Anders", gewidmet Andreas Eberle und Anders Nyqvist, Posaunist und Trompeter der Uraufführung im Jahr 2014, sind diese beiden Blechblasinstrumente "Hauptsolisten und bilden zusammen ein einziges Instrument, wie es oft in meinen Ensemblewerken mit Solisten geschieht. Daraufhin entwickelt sich das Stück wie eine ritualisierte Klangreise durch die expressiven Möglichkeiten der beiden Instrumente - wobei neben experimentellen Techniken auch gefrorene Spuren von Jazz erscheinen." Besser als der Komponist kann man das nicht beschreiben: Nun standen zwei Schlagwerker im Zentrum, die diesmal auch tiefe Marimbaphone bedienten; dazu Cello, Klavier und E-Gitarre. Wer bis dahin nicht komplett hörend "im Wald" war und die Orientierung verlor, verließ das Schwere Reiter mit Klängen, die eine Art Natur in Potenz darstellten.

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