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Der Fall John Demjanjuk:Das Alibi

Das Alibi

Schild des ehemaligen Bahnhofs Sobibor in Polen.

Schild des ehemaligen Bahnhofs Sobibor in Polen.

(Foto: REUTERS)

Einen konkreten Tatvorwurf enthält die Anklage allerdings nicht. Auf Beihilfe zum Mord stehen bis zu 15 Jahre Gefängnis.

John Demjanjuk macht zu den Vorwürfen keinerlei Angaben, im Prozess schweigt er beharrlich. Lediglich schriftlich hat er sich bisher dreimal geäußert. In seinen Erklärungen bezeichnet er sich stets als Opfer der Deutschen, das nun für die Verbrechen der Nazis büßen solle. Das Gericht ist daher auf Angaben angewiesen, die Demjanjuk vor langer Zeit gemacht hat - freilich widersprechen sich diese Angaben.

Unbestritten ist, dass der gebürtige Ukrainer im Mai 1942 bei Gefechten der Wehrmacht mit der Roten Armee auf der Halbinsel Kertsch in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, er wurde zunächst ins Kriegsgefangenenlager Rowno (Ukraine) und später ins Lager Chelm im damaligen Generalgouvernement gebracht. Im Stalag 319 (Chelm) will Demjanjuk nach eigenen Angaben bis Oktober 1944 gewesen sein. Im Münchner Prozess erschütterten zwei Sachverständige dieses Alibi. So sei es unwahrscheinlich, dass sowjetische Kriegsgefangene mehrere Monate in diesen Lagern, in denen die Wehrmacht die Rotarmisten regelrecht verhungern ließ, hätten überleben können.

Außerdem sei das Stalag 319 im Mai 1944 verlegt und dann im Juli 1944 von der Roten Armee überrannt worden. Nach dem Krieg lebte der frühere Bauer Iwan Demjanjuk als Displaced Person in Regensburg, Landshut und zuletzt in Feldafing bei München. (Da Feldafing im Gerichtsbezirk des Landgerichts München II liegt, findet nach einem Beschluss des BGH der Prozess in München statt, das Landgericht hatte sich zuvor für nicht zuständig erachtet.)

In den DP-Dokumenten und bei seinen Anträgen für eine Auswanderung in die USA gab Demjanjuk einmal für die Kriegszeit als Wohnort Chelm an, viermal allerdings taucht in Dokumenten das kleine polnische Dorf Sobibor/Sobobor auf - ein winziger Ort, der eigentlich nur Eingeweihten bekanntgewesen sein dürfte. Hier will er als Bauer oder als Fahrer gearbeitet haben. Der Hintergrund solcher Manöver: Aus Angst vor einer Repatriierung und einer möglichen Bestrafung als Kollaborateur der Deutschen war es Auswanderungswilligen stets ein Anliegen, ihren Wohnort während der Kriegszeit außerhalb der Sowjetunion zu verlegen.

Kurz nach dem Krieg war über das Vernichtungslager Sobibor im Westen noch kaum etwas bekannt - und so emigrierte Demjanjuk 1952 unbehelligt in die USA, 1958 erhielt er die US-Staatsbürgerschaft. Seitdem nennt er sich John.

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