Der Fall John Demjanjuk Viele Vermutungen, wenig Beweise

Ist John Demjanjuk ein Helfer der NS-Massenmörder? Vor den Plädoyers im Prozess gegen den mutmaßlichen Wachmann im Vernichtungslager Sobibor sind längst nicht alle Zweifel ausgeräumt. Ein Überblick.

Von Robert Probst

Christiaan F. Rüter hatte sein Urteil bereits zu Prozessbeginn parat. Der niederländische Strafrechtler und Experte für NS-Prozesse sagte im November 2009, ihm sei "schleierhaft, wie irgendjemand, der die deutsche Justiz kennt, meinen kann, dass man Demjanjuk bei dieser Beweislage verurteilen kann."

Steht im Verdacht, Menschen in die Gaskammern getrieben zu haben: John Demjanjuk.

(Foto: APN)

Das Verfahren gegen den mutmaßlichen Wachmann im Vernichtungslager Sobibor, John Demjanjuk, 90, nähert sich nun nach beinahe 90 Verhandlungstagen dem Ende, am Donnerstag schloss das Gericht die Beweisaufnahme.

Es ist kein einfacher Prozess für das Landgericht München II: Es muss unter den kritischen Blicken der Weltöffentlichkeit eines der letzten großen Verfahren gegen einen mutmaßlichen Holocaust-Verbrecher führen - 68 Jahre nach den Ereignissen, gegen einen 90 Jahre alten und kranken staatenlosen Mann.

Gegen einen Mann, der beharrlich schweigt, der schon einmal wegen eines ähnlichen Vorwurfs verurteilt und wieder freigesprochen wurde, der sich für ein Opfer der Deutschen hält, über einen "politischen Schauprozess" schimpft und den keine lebenden Zeugen in Sobibor gesehen haben.

Für ein Urteil, so viel steht fest, muss das Gericht zahlreiche Hürden überwinden, bei weitem sind nicht alle Zweifel ausgeräumt.

Die Anklage

Die Staatsanwaltschaft München wirft dem Angeklagten "bereitwillige" Beihilfe zum Mord an mindestens 28.060 Juden im Vernichtungslager Sobibor vor. Der sowjetische Kriegsgefangene Iwan Demjanjuk, damals 22 Jahre alt, soll zunächst von der SS im polnischen Lager Trawniki als "fremdvölkischer Hilfswilliger" ausgebildet worden sein und dann als Wachmann vom 28. März bis Mitte September 1943 bei der fabrikmäßigen Ermordung vor allem polnischer und niederländischer Juden "in gefühlloser und unbarmherziger Gesinnung" geholfen haben.

Seinen Vorwurf stützt Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz vorwiegend auf den erhaltenen Dienstausweis Demjanjuks mit der Nummer 1393, in dem vermerkt ist, er sei am 27. März 1943 nach Sobibor - einem der drei Vernichtungslager der "Aktion Reinhardt" - abkommandiert worden. Aus ebenfalls erhaltenen Transferlisten geht hervor, dass der Wachmann Demjanjuk später im KZ Flossenbürg Dienst tat. Die fiktive Zahl der Opfer setzt sich zusammen aus erhaltenen Listen von 15 Deportationszügen, die zwischen April und Juli 1943 vom niederländischen Lager Westerbork nach Sobibor fuhren. Unter ihnen sollen auch mehr als 1900 deutsche Juden gewesen sein.

Wie viele polnische Juden in dieser Zeit in Sobibor ermordet wurden, lässt sich nicht mehr ermitteln. Insgesamt wurden in Sobibor 1942/43 etwa 250.000 Juden in Gaskammern getötet. Die Staatsanwaltschaft wirft Demjanjuk vor, dass er trotz der Kenntnis der Verbrechen in Sobibor "nicht aus dem Lager floh, obwohl er hierzu die Möglichkeit in der dienstfreien Zeit und bei Außeneinsätzen hatte."

Holocaust-Organisator Adolf Eichmann

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