Der Fall Günther Kaufmann Die Last des eigenen Lügengebirges

Der Schauspieler Günther Kaufmann hat ein Verbrechen gestanden, das er nie begangen hat - doch was ist die Wahrheit?

Von Von Stephan Handel

(SZ vom 03.09.2003) - Vielleicht hätte die Wahrheit eine Chance gehabt, vielleicht war es dieser eine kleine Moment, als die Zuhörer im Gerichtssaal plötzlich ganz still wurden und ganz gespannt. Es war der dritte oder vierte Verhandlungstag, vergangenes Jahr im November.

Ein Muskelberg, 117 Kilogramm schwer: Günther Kaufmann

(Foto: Foto: dpa)

"Herr Vorsitzender", sagte Günther Kaufmann, "ich habe Sie belogen." Doch da fuhr der Richter dem Angeklagten schon über den Mund, er solle dann eben herausrücken mit der wahren Geschichte - und der Moment war vorüber.

Denn nun erzählte Günther Kaufmann wieder die bekannte Version, mit großer Geste, geschulter Stimme und vielen Tränen. Jeder im Saal spürte: Das kann nicht alles sein. Doch niemand konnte die Frage beantworten, warum der Angeklagte lieber ins Gefängnis ging, als zu sagen, was geschehen ist.

Die Freundin ging zur Polizei

Hatte sich Günther Kaufmann in diesem Augenblick wirklich entschlossen, reinen Tisch zu machen? Wollte der Schauspieler das Lügengebirge zum Einsturz bringen, das er selbst errichtet hatte? Er hat's nicht getan, und am Ende wurde er verurteilt zu 15 Jahren Haft wegen schwerer räuberischer Erpressung mit Todesfolge - ein Verbrechen, das er nicht begangen hat, so viel ist mittlerweile klar.

Klar ist, dass Kaufmanns Steuerberater Hartmut Hagen am 1. Februar 2001 in seiner Milbertshofener Villa zu Tode kam durch "Behinderung der Durchgängigkeit der Atemöffnungen durch Aufdrücken des Gesichts auf eine weiche Bedeckung", wie es in der Anklageschrift heißt, durch Ersticken also.

Drei Männer sind vermutlich schuldig, drei Berliner, von denen es, so der Münchner Oberstaatsanwalt Peter Boie, mittlerweile "zweieinhalb Geständnisse" gibt, die Freundin eines der Männer hat sie verpfiffen.

Statt derer ging aber Günther Kaufmann ins Gefängnis und sitzt seit dem Urteil in Berlin-Tegel, wo er eine Zelle mit Teppichboden bewohnt, in der Gefängnisbücherei arbeitet und mit der Theatergruppe der Gefangenen Stücke einstudiert und aufführt.

Geadelt und Bestandteil von Kunstwerken

Auch jetzt, nach der Festnahme der mutmaßlich wahren Täter, macht er nicht den Eindruck, als habe er es sehr eilig, wieder in Freiheit zu kommen.

Günther Kaufmann war einmal ein Star, kein großer zwar, aber doch ein respektiertes Mitglied der deutschen Filmbranche. Dazu wurde jeder, der mit Rainer Werner Fassbinder drehte: Fassbinder-Schauspieler, das war etwas.

Wer die Tyrannei des Regisseurs aushielt, seine Hybris, seine Koks-Orgien, der war geadelt und am Ende Bestandteil von Kunstwerken, wie es sie im deutschen Film vorher und nachher nicht wieder gab.

Kaufmann spielte neben Hanna Schygulla, neben Udo Kier, neben Kurt Raab, in "Querelle", in "Götter der Pest", in "Die dritte Generation".

Von Fassbinder auserkoren

Teil von etwas Großem war Günther Kaufmann da, der "Neger vom Hasenbergl", wie er sich selber nannte, diskriminiert noch in der Diskriminierung: Das Hasenbergl ist Münchens verrufenstes Viertel, ein "sozialer Brennpunkt", wie gutmeinende Menschen sagen, ein Ort von Armut und Chancenlosigkeit.

Dort, am untersten Punkt der Münchner Hierarchie, auch noch aufzuwachsen mit dunkler Haut, als Sohn eines amerikanischen Armee-Angehörigen und einer deutschen Mutter - das ist tiefer als tief.

Deshalb muss es ihm wohl wie ein Traum erschienen sein, da herauszukommen, plötzlich Scheinwerfer auf sich gerichtet zu sehen und Kameras, die Aufmerksamkeit des berühmten Regisseurs zu spüren, auch beschimpft zu werden von ihm und gedemütigt, so wie der Exzentriker alle demütigte um sich herum: Als Fassbinder die Schauspielerin Ingrid Caven heiratete, soll er die Hochzeitsnacht dann doch lieber mit Kaufmann verbracht haben.

Überdurchschnittlich intelligent und beeinflussbar

Kaufmann, von dem der psychologische Gutachter im Prozess sagte, er sei überdurchschnittlich intelligent, aber auch über alle Maßen beeinflussbar - 56 Jahre mittlerweile, ein massiger Mann, der während des Prozesses meistens da saß wie ein scheues Reh in der Sackgasse, im braunen Cordanzug, die Hände knetend, weinend, flehend, man möge ihm doch glauben.

Am Ende sagte er, er habe seine schlechteste Rolle gespielt. Dennoch sei er froh über das Urteil - es hätte schlimmer kommen können, sagte er, und meinte damit: Wenn ich noch ein bisschen schlechter gespielt hätte, dann hätte ich lebenslang ins Gefängnis gemusst, wegen Mordes.

"Ich will doch nur, dass ihr mich liebt", heißt ein Fassbinder-Film aus dem Jahr 1976: Ein junger Mann erkauft sich die Zuneigung seiner Umwelt durch Geschenke, nimmt immer größere Darlehen auf, bis ihm die Schulden, die Probleme und die falschen Freunde über den Kopf wachsen.

Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit

Auch Günther Kaufmanns Leben sieht aus wie eine einzige große Suche nach Liebe, nach Anerkennung. Als er seine zweite Frau Alexandra kennen lernt, scheint er das gefunden zu haben. "Er hat sie abgöttisch geliebt", sagen die Kinder aus seiner ersten Ehe, und weil das so gut zum Kriminalfall passt, macht der Boulevard daraus schnell die Ballade von der sexuellen Hörigkeit.

Richtig zu sein scheint, dass Alexandra Kaufmann ein Verhältnis hatte mit Hans-Joachim U., der nun in Untersuchungshaft sitzt: Er soll es gewesen sein, der mit zwei anderen Männern Hartmut Hagen überfallen hat, beauftragt oder zumindest angestiftet von Alexandra Kaufmann.

Wie viel wusste Günther Kaufmann? Er wusste zumindest, dass seine Frau den Steuerberater um mehr als 500.000 Euro betrogen hatte mit einer obskuren Geschichte: Ein großer Schadensersatz-Prozess laufe in den USA gegen den Sänger Billy Idol, 25 Millionen Mark seien zu erwarten.

Als der Prozess begann, war Alexandra tot

Wenn Hagen helfe, das Verfahren zu finanzieren, werde er beteiligt am Erlös. Mag sein, dass Kaufmanns erstes Geständnis bei der Kriminalpolizei zustande kam, weil er seine Frau schützen wollte, weil er wusste, dass sie hinter dem Überfall steckte, weil lieber er die Strafe auf sich nahm, als sie ins Gefängnis zu schicken.

Als der Prozess dann begann, war Alexandra tot, gestorben an Krebs, den auch die Wundermittel nicht heilen konnten, für die sie Hartmut Hagens Geld ausgegeben hatte. Ihr Mann konnte nun kaum mehr zurück - denn hätte er alles auf die Tote geschoben, niemand hätte ihm geglaubt, alle hätten das schäbig gefunden.

Kaufmann präsentiert dem Gericht zwei angebliche Mittäter. Als einer von ihnen im Gericht erscheint, wird zumindest klar, mit welchen Leuten sich Kaufmann in den letzten Jahren umgeben hat, den Jahren der Erfolglosigkeit, als er nur noch kleine Rollen in kleinen Fernsehserien hatte.

Getötet mit 117 Kilo Körpergewicht?

Der Mann ist an die zwei Meter groß und breit wie ein Einbauschrank, ist im Rocker-Milieu zuhause und verbreitet durch seine bloße Anwesenheit Eiseskälte, eine Atmosphäre von Brutalität und Gnadenlosigkeit. Doch ihm ist ebenso wenig wie dem anderen Mann etwas nachzuweisen; nach ein paar Tagen in Untersuchungshaft werden sie wieder freigelassen.

Von nun an wird Kaufmann dabei bleiben: Er alleine war es, er hat Hartmut Hagen aufgesucht, und als es Streit gab, sei er auf ihn gefallen und liegen geblieben mit seinen 117 Kilo Körpergewicht, auf Hagen sei er liegen geblieben, bis der sich nicht mehr gerührt habe.

So war es nicht, so kann es nicht gewesen sein, und als das Gericht sein Urteil sprach, kündigte der Richter schon an, dass der Fall damit nicht erledigt sei: "Die Ermittlungen werden weitergehen, die Mittäter werden gefunden werden." Jetzt scheint es so, als sei das geschehen.

Dieter Wedel sieht Ansätze einer Shakespeare`schen Tragödie

Von Kaufmann war seit der Verhaftung der drei Männer nichts zu hören. Nur seine beiden Münchner Anwälte hat er dazu gebracht, das Mandat niederzulegen, sie ersetzt durch einen Zivilrechtler und einen Strafverteidiger aus Berlin. Der eine liest die Akten und betreibt das Wiederaufnahme-Verfahren.

Der andere kümmert sich um die Vermarktung der Geschichte, einer Geschichte, in der zum Beispiel der Regisseur Dieter Wedel schon jetzt Ansätze einer Shakespeare`schen Tragödie entdeckt hat. Ihrem Mandanten gefällt das vermutlich: Die Scheinwerfer sind wieder auf ihn gerichtet, wenn auch vielleicht nur für einen Moment. Der Moment der Wahrheit muss das ja nicht sein.

(sueddeutsche.de)