SZ-Serie: Heimliche Helden:Booster für die Wirklichkeit

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SZ-Serie: Heimliche Helden: Eine seiner jüngeren Arbeiten: Für den Science-Fiction-Thriller "Tides" hat Denis Behnke einen Schiffsfriedhof aus alten Frachtschiffen, Wracks und Tankern entworfen.

Eine seiner jüngeren Arbeiten: Für den Science-Fiction-Thriller "Tides" hat Denis Behnke einen Schiffsfriedhof aus alten Frachtschiffen, Wracks und Tankern entworfen.

(Foto: Berghaus Wöbke Filmproduktion)

Wenn die Realität Nachhilfe benötigt, kommen Computerkünstler wie Denis Behnke ins Spiel. Als Visual Effects Supervisor hat er Filme wie "Der Medicus" oder jüngst den Science-Fiction-Thriller "Tides" aufgepeppt. Grenzen gibt es kaum.

Von Anna Steinbauer, München

Er erschafft Welten, die es nicht gibt und haucht fantastischen Kreaturen Leben ein. Klingt wie Gott spielen, ist aber die Arbeit eines Visual Effects Supervisors wie Denis Behnke. Der gebürtige Hesse hat in den vergangenen 20 Jahren mit allen großen deutschen Filmproduktionen gearbeitet und mehr als 90 Projekte gemacht, im Oktober hat er den Deutschen Filmpreis für die besten visuellen Effekte für den Science-Fiction-Thriller "Tides" bekommen. "Wir Visual Effektler generieren Dinge, die es in der Wirklichkeit nicht, nicht mehr oder noch nicht gibt, die man als Motive nicht findet oder die man im Studio vielleicht gar nicht bauen kann", sagt Behnke über seinen Beruf. "Das betrifft Sets, die wir digital erweitern oder Welten, die wir herstellen, aber auch Kreaturen."

Gerade dreht der VFX-Experte auf Teneriffa die Fantasy-Serie "Der Greif", eine Wolfgang-Hohlbein-Adaption, die von Wiedemann & Berg Television für Amazon Studios produziert wird. Mehr als 90 Drehtage liegen schon hinter dem Team. Den Stress des teilweise sehr aufwändigen Fantasy-Drehs merkt man dem sympathischen Fachmann für Computereffekte nicht an, im Gegenteil: Behnke nimmt sich viel Zeit, um im Zoom-Gespräch seinen Beruf zu erläutern. An der Art und Weise, wie er über die Zusammenarbeit mit Regisseuren, Spezialeffekten und computeranimierte Bilder spricht, merkt man, dass er für das Kino brennt und seine Arbeit liebt.

"Es gibt eigentlich nichts mehr, was man nicht am Computer herstellen kann."

Als Supervisor trägt Behnke die Verantwortung für die gesamte Planung, Durchführung und Umsetzung der visuellen Effekte eines Projektes, bei dem er häufig bereits in der Drehbuchphase involviert ist. Er berät Regie, Kamera und Produktion hinsichtlich der Machbarkeit und des Aufwands und entwickelt in enger Zusammenarbeit mit dem Art-Departement das visuelle Gesicht des Films. Je nach Projekt dirigiert er ein mehr oder weniges großes Team an Experten, die unter anderem Concepts, 3D-Modelle, Lichtsetzung, Animation und simulierte Effekte entwerfen.

Während der Dreharbeiten bereitet Behnke die Szenen, in denen Effekte benötigt werden, so vor, dass sie in der Nachbearbeitung hergestellt werden können, zum Beispiel indem er Markierungen am Schauspieler oder am Kostüm setzt und Abläufe mit Blue-Green-Screen-Wänden am Set koordiniert. In der Postproduktion sucht Behnke Effektfirmen und Artists aus, die dann gemeinsam als Team das Projekt umsetzen. "Ich bin letztlich verantwortlich für das finale Bild und muss schauen, dass das im Sinne von Regie und Kamera umgesetzt wird", erklärt der Supervisor. Eine gute Menschenkenntnis sowie die Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Charaktere einzulassen, gehöre laut Behnke zu den nötigen Skills für diesen Job.

SZ-Serie: Heimliche Helden: Vom Werbekaufmann zum Weltenschöpfer: Als Visual Effects Supervisor erzeugt Denis Behnke Sturmfluten und wilde Kreaturen am Computer.

Vom Werbekaufmann zum Weltenschöpfer: Als Visual Effects Supervisor erzeugt Denis Behnke Sturmfluten und wilde Kreaturen am Computer.

(Foto: Florian Liedel)

Der gelernte Werbekaufmann hat den Beruf verwirklicht, vom dem er als kleiner Junge träumte, als er im Kino saß und sich von "Star Wars", "E.T." und "Indiana Jones" in andere Welten versetzen ließ. Den Beruf des Visual Effect Supervisors gab es in dieser Form wie Behnke ihn heute ausführt noch nicht, als er 1995 sein Studium der digitalen Postproduktion und Animation an der Filmakademie Ludwigsburg begann. Dort arbeiteten die Studenten zunächst noch mit klassischen Trickeffekten, bauten Miniaturmodelle und erstellten die ersten Computeranimationen, bei denen der Computer erstmal nächtelang rechnete. Mittlerweile hat sich da einiges getan: "Es gibt eigentlich nichts mehr, was man nicht am Computer herstellen kann. Und wir sind noch nicht am Ende der technischen Entwicklung. Die einzige Grenze ist die Zeit, die man dir gibt und das Budget", sagt Behnke, der den digitalen Boom live miterlebte.

"Sass" (2001) war Behnkes erster Film als selbstständiger Supervisor, "Bibi Blocksberg" (2002) brachte ihn nach München, wo er seither lebt. Am Anfang seiner Karriere drehte er viele historische Stoffe wie "Die Sturmflut", "Dresden", oder "Unsere Mütter, unsere Väter". "Diese Filme funktionieren nicht ohne visuelle Effekte", erklärt Behnke, der bei diesen Projekten vor allem damit beschäftigt war, historische Anpassungen zu machen. "Wenn es gelingt, die Effekte gut zu machen, fallen sie noch nicht mal auf", so der Supervisor, der für "Bornholmer Straße" die Mauer historisch wiederherstellte, oder für "Same Sky" den Checkpoint Charlie komplett computergenerierte.

Mit Roman Polanski hat er tagelang über eine Computersimulation diskutiert

Besonders in Erinnerung geblieben sind Behnke Megaprojekte wie der "Medicus", in dem er das Isfahan der damaligen Zeit vollständig kreierte oder "Mogadischu", wo es darum ging die Notlandung des entführten Flugzeugs in der Wüste herzustellen. "Das ist genauso spannend, wie irgendwelche digitalen Kreaturen durch die Landschaft laufen zu lassen", findet Behnke. Das wohl eindrücklichste Filmprojekt für ihn war jedoch die überraschend angenehme und inspirierende Zusammenarbeit mit Roman Polanski an "Ghostwriter". "Dieser Mann hat mich fasziniert, weil er ein Perfektionist ist", erzählt der Effektspezialist, der davon berichtet, wie er tagelang mit dem Regiealtmeister darüber diskutierte, wo genau die Strommasten eines von ihm am Computer generierten Strandhauses zu stehen hätten.

Die aktuell große Nachfrage an Content durch Streamingdienste führe zu einem Boom in der Filmbranche und auch im Visual Effects-Bereich, weil nun auch in Deutschland endlich Genrefilme gemacht würden, so Behnke. Ein gutes Beispiel hierfür ist Tim Fehlbaums gigantischer Science-Fiction Thriller "Tides", für den der Supervisor einen riesigen Schiffsfriedhof aus alten Frachtschiffen, Wracks und Tankern entwarf. Da der Film zum großen Teil im Studio gedreht wurde, fehlte es an weiten Aufnahmen, die die Größe dieses Areals erahnen ließen. "Solche komplett computergenerierten Bilder realistisch erscheinen zu lassen, ist schon eine Kunst und ohne ein großartiges Team an seiner Seite kaum möglich", sagt Behnke. Und aufwändig dazu: Diese eine große Totale herzustellen dauerte in der Postproduktion etwa drei Monate und mehr als 20 Leute arbeiteten daran. Am Ende sei es für ihn die große Kunst, aus Pixeln Bilder zu kreieren, die im besten Fall den Zuschauer beeindrucken oder mitnehmen, sagt Behnke. So wie damals den kleinen Jungen, der den Krieg der Sterne bestaunte.

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