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Neue Heimat:Mit Survival-Set zur Demo

Mitarbeiter im öffentlichen Dienst beim Warnstreik in München, 2019

Demos in München laufen meist bunt und friedlich ab - so wie der Warnstreik von rund 5000 Mitarbeitern im öffentlichen Dienst im Februar in München.

(Foto: Catherina Hess)

In seiner Heimat Syrien endeten Demonstrationen oft in Straßenschlachten. Als Mohamad Alkhalaf auf eine Kundgebung in München geht, hat er deshalb auch dort Verbandszeug dabei. Dann stellt er fest: Er braucht es gar nicht.

Die Menschen trugen Fahnen und Schilder. Mit lauten Rufen und Sprechchören kamen sie direkt auf mich zu. Da lief ich - mitten auf dem Marienplatz - weg wie ein Hase, der Angst vor dem Jäger hat. Ich floh und fühlte mich wieder so, als ob ich davonrannte, um zu überleben.

Demokratie eröffnet einen Blick, den ich lange nicht gekannt habe. Es begann mit dem Anruf eines Freundes, ein Oberbayer, der wie ich in Kirchseeon lebt. Er fragte mich, ob ich ihn zu einer Demonstration begleiten wolle. Das Wort "Demonstration" löste bei mir sofort Assoziationen mit Erlebnissen von einst aus. Ich wollte aber meine neu gewonnene Souveränität wahren. Nicht zugeben, dass ich Angst hatte. Also sagte ich zu.

In Syrien bedeuten Demonstrationen oft Gewalt

Am Tag der Demo wirkte mein Kumpan, als wäre es eine ganz normale Sache, für ein Anliegen auf die Straße zu gehen. Obwohl es um ein Aufbegehren gegen den Ministerpräsidenten und sein neues Gesetz mit zusätzlichen Befugnissen für die Polizei ging. Also eine Demo gegen den Staat und seine Schutzmacht. Ich stellte mich auf Schlägereien, ja sogar Mord und Totschlag ein und nahm zu diesem Zweck mein Straßenschlachten-Survival-Set mit: einen Schal, eine Flasche Cola, Sportschuhe, dazu Baumwolle, Desinfektionsmittel und eine Mullbinde. Mein Begleiter schaute mich an, als sei ich nicht ganz bei Trost. Ich erklärte ihm, dass die Sportschuhe der Beschleunigung dienen, wenn Geheimdienst und Polizei die Verfolgung aufnehmen. Der Schal dient der Verhüllung des Gesichts, die Cola brauche ich, um meine Augen von Tränengas zu reinigen. Mit Baumwolle und Desinfektionsspray behandelt man Wunden, ehe man sie mit Mull verbindet.

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Neue Heimat

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In seiner Heimat Syrien wäre es peinlich, mit einem Hund spazieren zu gehen. In München konnte unser Autor ganz neue Erkenntnisse gewinnen.   Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Auf dem Weg zur Demo schlich ich wie ein Fuchs. Oder wie man hier sagt: Ich passte auf wie ein Haftlmacher. Ich erinnerte mich gut an meine erste Freiheitsdemonstration gegen das Regime in Syrien. Als wir anfingen, die Fahnen zu schwenken, umringten uns Polizei und Geheimdienst. Dann eröffneten sie das Feuer und schossen in die Menge. Einige Leute lagen sofort verletzt am Boden, wir zogen sie aus der Menge, um Erste Hilfe zu leisten und zu verhindern, dass die Polizei sie mitnimmt. Zwei meiner Kumpane wurden verhaftet und weggebracht. Für einen meiner Freunde kam jede Hilfe zu spät, er wurde mehrfach getroffen und starb noch auf der Straße.

Am Marienplatz formieren sich Polizisten - und lächeln

Zurück am Münchner Marienplatz, wo mein Begleiter mich an der Schulter fasste und sagte: "Pack die Sachen in deine Tasche. Die Baumwolle, den Schal und die Mullbinde, das brauchst du hier nicht." Ich sah mich um, und stellte zu meinem Erstaunen fest, wie viele Frauen und Kinder mitmachten. Die Menschen lachten und musizierten. Ist das nun eine Demo oder eine große Party?

Doch dann passierte es. Hinter den Absperrgittern war plötzlich eine Gruppe bewaffneter Polizisten zu sehen. Die Frauen und Kinder riefen mit Parolen auf sie ein. Es war nicht zu fassen. "Versteckt euch schnell", rief ich den Kindern zu. Wo man doch in Syrien demonstrierenden Minderjährigen zur Strafe mit Zangen die Fingernägel entfernt. Erst jetzt sah ich, wie ruhig die Polizisten blieben, einige lächelten gar. So griff ich in meine Tasche, schraubte die Colaflasche auf, und nahm einen Schluck der Erfrischung.

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Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie er die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.