bedeckt München

Demonstration:Weniger ist leer

Umgebaute Sitzreihen zur Einhaltung der Abstandsregeln im Berliner Ensemble, aufgenommen in Berlin, 28.05.2020. Aufgrund

Viel Platz kann ja ganz schön sein, zu viel Platz wird dann schon schwierig: Das Publikum darf seit Längerem wieder zu Konzerten, Lesungen und in die Theatersäle - allerdings in deutlich kleinerer Anzahl als zuvor.

(Foto: Imago)

Nach Monaten der Vertröstungen gehen Künstler und Veranstalter auf die Straße. Bei "Aufstehen für Kultur" auf dem Königsplatz wenden sie sich mit klaren Forderungen an die Politik. Ehemalige Kulturminister unterstützen sie dabei

Von Christiane Lutz

Der Zeitpunkt könnte nicht besser sein, findet Veronika Stross. Gerade, weil die Infektionszahlen wieder steigen und die Menschen sich Sorgen machen und der Winter kommt, ist es Zeit, für die Kultur auf die Straße zu gehen. Weil der Winter eben auch für Kulturschaffende und Veranstalter richtig düster werden könnte, wenn sich nichts ändert. Die Bratschistin ist Hauptorganisatorin der Demonstration "Aufstehen für Kultur", die am kommenden Samstag, 24. Oktober, um 12 Uhr auf dem Königsplatz stattfindet.

Stross will nicht nur auf die Ungleichbehandlung der Kunst- und Veranstaltungsbranche im Verhältnis zu etwa Gastronomie und ÖPNV aufmerksam machen, sondern hat auch gleich Ziele formuliert, die sie umgesetzt haben will. Im Literaturhaus stellte sie diese Forderungen am Dienstag vor, gemeinsam mit ihren Mitstreitern: Cellist und Fotograf Tobias Melle, Andreas Schessl von "München Musik", Cellist Michael Rupprecht und Liedermacher und SPD-Stadtrat Roland Hefter.

Der Hauptvorwurf der Anwesenden geht eindeutig Richtung Staatsregierung. Die interessiere sich nicht genug für die Belange der Kulturwirtschaft, man halte sie schlicht nicht für wichtig genug. Kultur, das sei doch das, was man in der Freizeit mache. "Die Kultur hat keine Lobby", klagen alle. Viele Kontaktversuche seien unbeantwortet geblieben. Michael Rupprecht kann sogar beziffern, wie lang es gedauert habe, bis Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Kultur überhaupt einmal in seinen Pressekonferenzen zu Beginn der Pandemie erwähnt habe: einen ganzen Monat. Die dann angekündigten finanziellen Hilfen des Freistaats kamen spät und galten nur für wenige Künstler. Zudem auch noch ausschließlich für "Betriebsausgaben", die logischerweise niemand hatte, der nicht auftrat. Veranstaltungstechniker, Partybands, freie Schauspieler, freie Musiker, Kulturveranstalter - alle hatten plötzlich keine oder kaum Einnahmen. Inzwischen dürfen Konzerte und Theateraufführungen zwar wieder stattfinden, es sind aber - sofern sich der Abstand halten lässt - nur maximal 200 Zuschauer pro Vorstellung zugelassen. Der Staat, so eine Forderung, solle die Kosten für ausgefallene Veranstaltungen übernehmen und Geistertickets kaufen für zwangsläufig leer bleibende Plätze. Denn eine zu geringe Zuschauerzahl rechne sich wirtschaftlich auch nicht.

"Wir fordern, dass die Kultur ähnlich wie beim Kurzarbeitsprinzip unterstützt wird. Wir fordern auch, dass Berufe in der Kulturbranche in die Liste der systemrelevanten Berufen aufgenommen werden", sagt Rupprecht. Die Leistung der Kultur liege schließlich in der Erbauung der Menschen, sie bilde eine Kraftquelle, gerade in diesen Krisenzeiten. "Es ist außerdem nachgewiesen, dass von Kulturveranstaltungen kein erhöhtes Ansteckungsrisiko ausgeht", sagt Rupprecht. "Zugespitzt ausgedrückt", meint Andreas Schessl, "sind die Leute im Konzert sicherer als bei der Familienfeier."

Das im Sommer gestartete "Pilotprojekt", bei dem die Bayerische Staatsoper, die Philharmonie im Gasteig und die Meistersingerhalle in Nürnberg 500 statt nur 200 Zuschauer einlassen durften, läuft Ende Oktober aus. Die Staatsregierung hat sich noch nicht geäußert, was danach kommt. Veranstalter Schessl spricht gar vom "Standortnachteil Bayern", so dürfen doch in vielen anderen Bundesländern längst wieder 1000 Zuschauer in entsprechend große Säle. "Die Ergebnisse, die dieses Pilotprojekt gebracht haben, die soll die Regierung nun auch nutzen."

Schessl klagt außerdem über die Planungsunsicherheit. Künstler müssen gebucht werden, Werbung gemacht, Tickets verkauft werden. Aber eine Ahnung, wie die Lage im Dezember sein wird, ob da Konzerte stattfinden dürften und vor wie vielen Menschen, die hat er nicht. "Wenn wir noch drei, vier Wochen warten mit den Entscheidungen, ist es wahrscheinlich, dass um Weihnachten herum gar nichts stattfindet", sagt er.

"Man muss sich das mal vorstellen", sagt Tobias Melle, "beim Nockherberg sitzen 600 Menschen zusammen und essen und trinken. Kommt ein Kabarettist dazu, müssen 400 den Saal verlassen." So lautet die konkrete Forderung: 50 Prozent der Plätze sollten ausgelastet werden, unabhängig vom Infektionsgeschehen. Die Räume sollen im Schachbrettmuster bestuhlt werden, so, wie bei den Salzburger Festspielen.

Initiatorin Veronika Stross spielt normalerweise in der Hofkapelle München, auch sie musste lang pausieren. Als die Regierung aber immer weiter träge blieb, entschied sie, zu handeln, obwohl sie gar nicht der Typ für das Organisieren sei. Dass es so lang gedauert habe, bis sich die Kulturszene halbwegs geschlossen zum Protest formiere, habe damit zu tun, wie unterschiedlich die einzelnen Sparten funktionieren. Tobias Melle sagt: "Jeder Künstler ist da irgendwie auch für sich unterwegs."

Am Samstag wird dann unter Einhaltung der Abstandsregeln Platz für 1000 Menschen sein. Hochkarätige Politiker werden auftreten und sprechen, Wolfgang Heubisch (FDP), der ehemalige bayerische Kulturminister Hans Maier (CSU), der Tenor Julian Prégardien, Julian Nida-Rümelin (SPD), Barbara Schmidt-Gaden vom Tölzer Knabenchor. Markus Söder haben sie natürlich auch angeschrieben, aber der habe nicht geantwortet.

© SZ vom 21.10.2020
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