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Debatte um Fahrverbot:Ich und mein Diesel

Als sie sich ihr Auto kauften, wollten viele Münchner der Umwelt etwas Gutes tun. Oder Geld sparen. Nun kommen sie sich vor wie Ausgestoßene.

Jahrelang hieß es, Diesel seien eine gute und umweltverträgliche Alternative zum Benziner, insbesondere wenn man viel fährt. Nun gelten Diesel-Fahrzeuge als Dreckschleudern, werden verantwortlich gemacht für massenhaften Stickoxidausstoß jenseits aller Grenzwerte. Wie geht es Menschen, die plötzlich ein "Problemauto" haben? Wir haben uns auf Münchner Straßen umgehört.

"Wir müssen alle umdenken"

Jutta Neumeister fährt beruflich mehr als 50000 Kilometer im Jahr, da galt der Diesel immer als beste Wahl. Privat setzt sie sich lieber aufs Radl.

(Foto: Stephan Rumpf)

Jutta Neumeister, Vertriebsexpertin, schwarzer BMW 318d, Euro 6, Baujahr 2016, 20 000 Kilometer auf dem Tacho

Jutta Neumeister ist beruflich in ganz Deutschland unterwegs, sie fährt mindestens 50 000 Kilometer im Jahr. Klar, dass sie immer Diesel fuhr, immer von BMW. Ihren neuesten Wagen konnte sie im Dezember 2016 zu besonders günstigen Konditionen leasen. Ihrem Kundenberater traut sie jetzt trotzdem nicht mehr so recht und fragt sich, wen sie beim nächsten Autokauf um Rat fragen soll. Denn ein Leben ohne Auto kann sie sich erst im Ruhestand vorstellen. Sie ist zwar beruflich auch oft mit der Bahn unterwegs, doch wenn sie in kleinere Orte geschickt wird, geht es nicht ohne Auto. Im Radio hat sie gehört, dass ein Auto bereits in der Herstellung die Umwelt gewaltig verpestet. "Das Auto an sich ist das Problem, nicht das, was wir reinschütten." Von der Politik fühlt sich Neumeister allein gelassen, nie hätte sie gedacht, dass ein Diesel schlimmer als ein Benziner sein soll. Sie sieht die Politiker in der Pflicht, alternative Verkehrskonzepte zu erarbeiten. Begrüßen würde sie es auch, wenn der Liter Kraftstoff fünf Euro kosten würde. "Wir müssen alle umdenken." Privat lässt sie das Auto am liebsten stehen und steigt aufs Radl - "mit Körbchen hinten und Körbchen vorn", damit alle Einkäufe Platz finden.

"Mir ist unklar, was genau den Dreck macht"

Immerhin kann er noch lachen: Der Künstler Horst Johann kaufte sich bewusst einen Diesel, weil der als besonders sauber galt. Nun würde er auch eine Umrüstung auf Euro 6 zahlen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Horst Johann, Maler, grauer Audi A6 allroad quattro TDI, Euro 5, Baujahr 2011, 70 000 Kilometer

Horst Johann ist ein umweltbewusster Mensch. Auf seinem sechs Jahre alten Audi wirbt ein Aufkleber für den biologischen Aperol, den sein Sohn herstellt. Johann nutzt sein Auto, um Gemälde zu transportieren und um aufs Land zu fahren. Sein Auto hat er gekauft, weil er ein "schadstoffarmes und umweltbewusstes" Auto haben wollte. Als solches sei sein Diesel damals angepriesen worden, die Benziner galten als Dreckschleuder. Es wundert ihn, dass auf einmal der Diesel verteufelt wird. "Mir ist unklar, was genau den Dreck erzeugt", sagt er. Um sich alles genau erklären zu lassen, auch wie das mit dem Einbau eines neuen Filters nach Euro-6-Norm funktioniert, hat er am nächsten Tag einen Termin in der Werkstatt vereinbart. Er ist selbstkritisch, glaubt, er hätte sich früher besser informieren müssen. Wie um es wiedergutzumachen, sagt er: "Ich zahle die Umrüstung gerne selber. Ich will keinen unnötigen Dreck machen."

"Der Benziner stößt doch auch Schadstoffe aus"

"Wenn man etwas verbrennt, bleibt immer ein Rückstand." Kfz-Meister Daniel Bauer versteht nicht, warum der Diesel zum Sündenbock erklärt wird.

(Foto: Stephan Rumpf)

Daniel Bauer, Kfz-Meister, hellblauer Volvo V50 D, Euro 4, Baujahr 2008, 130 000 Kilometer

Daniel Bauer ist Werkstattleiter bei Ecke Automobile in der Ickstattstraße. Seit etwa einem halben Jahrhundert werden in dem Hinterhof schon Autos repariert. Käme das Dieselfahrverbot, wäre das vermutlich auch das Aus für die Kfz-Werkstätten in der Innenstadt. Denn ein großer Teil der Kunden fährt Diesel. Die kommen in letzter Zeit verstärkt in die Werkstatt und fragen um Rat - dabei wissen Bauer und seine Kollegen auch nicht, was kommen wird. Bauer rät seinen Kunden dann immer, erst einmal abzuwarten: weder den alten Diesel sofort zu verkaufen noch sich vom Preisverfall dazu verlocken zu lassen, einen neuen Diesel anzuschaffen. Wovon Bauer allerdings etwas mehr Ahnung hat als der Durchschnittsautofahrer, das ist die Sache mit den Schadstoffen. "Ich verstehe nicht, warum der Diesel zum Sündenbock erklärt wird. Der Benziner stößt doch auch Schadstoffe aus", sagt Bauer und holt aus, um das Prinzip Verbrennungsmotor noch einmal von der Pike auf zu erläutern: Rückstandslose Verbrennung ist nie möglich. Zwar können Filter die verbrannten Partikel immer weiter zerkleinern, doch ganz zum Verschwinden bringen kann sie kein Filter der Welt. "Es ist so, als würde ich die Werkstatt kehren und wenn die Mülltonne voll ist, ihren Inhalt zerkleinern und dann wieder auf dem Boden verteilen." Den Einbau von immer neuen Filtern hält Bauer zum Teil für Geschäftemacherei. Privat fährt er weiter seinen neun Jahre alten Volvo, der Diesel ist nur Euro 4. Nachrüsten würde Bauer ihn nicht, sondern sich stattdessen gleich einen neuen Wagen kaufen. Er wohnt in Mühldorf am Inn, sein Arbeitsweg ist einfach 90 Kilometer lang. Öffentliche Verkehrsmittel sind für ihn keine Option, da er viele Sachen transportieren muss. Ab und an übernachtet er bei Freunden in München, um sich den weiten Fahrtweg zu sparen.