Außergewöhnliche Karriere:"Die Egozentrik hat zugenommen"

Am 11. Februar 1989 fragte ihn ein Freund: "Gehst morgen mit?" Gemeint war: Ob er in die ständige Vertretung der Bundesrepublik mitgehen würde und dort bleiben. Babock ging mit. Seine Frau und der gerade geborene zweite Sohn blieben daheim, falls es schiefginge. Mit dem älteren Sohn und dem Freund ging Babock in die Vertretung, am Abend weigerten sie sich zu gehen, bis sie schließlich in die obere Etage geführt wurden, "ein Matratzenlager und Essen gab es dort". Die Diplomaten verhandelten, und auf einmal ging alles ganz schnell. Am nächsten Tag hatte Babocks Familie die Ausreisegenehmigung.

Babock wird still an diesem Montagvormittag in der Werner-von-Linde-Halle, schaut einer Stabhochspringerin beim Training zu. Dann sagt er: "Alles, was vor der Ausreise war, habe ich hinter mir gelassen." Im Sommer 1989 begann das neue Leben der Babocks. Über seine alten Kontakte bekam er zunächst beim Bobverband einen Job in München, 1991 begann er als Trainer beim Olympiastützpunkt.

"Ob Einzel- oder Mannschaftssportler, die richtig guten waren immer die, die bei den entscheidenden Fragen ,Ich will!' gesagt haben." Zum Beispiel: Ich will um sieben aufstehen. Ich will extra trainieren. Jeder kann sagen: Ich will eine Medaille. Wer das aber wirklich will, sagt auch die anderen Ich-will-Sätze. Babock betreute Snowboarder wie Kicker, weil er sie durch sein Training explosiver machte. Und er brachte ihnen bei, wie man professionell denkt und lebt. Schlicht, indem er es vorlebte. Babock ist pünktlich, Babock ist unnachgiebig. Er liebt Sätze wie "leer ist leer", wenn es darum geht, sich völlig auszupowern. Und die Athleten hören auf ihn.

"Er hat eine Akzeptanz, eine natürliche Autorität", sagt OSP-Chef Klaus Pohlen. Und er habe die Gabe, sich in verschiedenste Sportarten schnell reinzudenken. "Hinschauen, Problem sehen und abstellen." Babock lehrt seine Athleten, sich selbst und die eigenen Bewegungsabläufe in ihrem Sport zu erspüren und sie dann auch selbst zu verbessern. Er bringt ihnen bei, sich für ihre Entwicklung verantwortlich zu fühlen.

Babock schaut kurz in sein Büro, das mit einer Glaswand von der Halle getrennt ist. Da liegt sein Hund, der nur kurz den Kopf hebt. So wie das Tier träge in der Ecke liegt, passt es zu seinem Herrchen. Draußen der 65-jährige Modellathlet, drinnen das hingefläzte faule Tier. Labil und stabil. Die beiden ergänzen sich. Der 65-Jährige hat viele Moden erlebt. Powerplates, diese vibrierenden Wunderdinger, "oder Faszientraining, das mal als neu galt, dabei gibt es das seit 100 Jahren", oder das, was heute angeboten wird in den Schaufenstern der Fitness-Studios - "Elektrostimulation ist der totale Schwachsinn und am ehesten noch gefährlich". Individueller sei das Training heute. Auch die Zusatzernährung sei besser, und damit meint er nicht farbige Pillen.

Der Sport 2018 und der von 1991, wie hat der sich verändert? "Die Egozentrik hat zugenommen." Sich in den sozialen Netzwerken zu vermarkten, dagegen hat Babock nichts. Aber er sagt auch, dass das Handy nicht in den Kraftraum gehöre. "Zu viel Drumherum geht zu Lasten des Erfolgs." Wenn ein Gewichtheber im Kraftraum übe, dann sitze der nach einem Durchgang Langhantel-Stemmen ganz ruhig da, "wie ein Buddha", kein Handy, nichts. "Der Satz dazu lautet: Der Muskel wächst im Schlaf." Und in der Pause.

"Manche können sich selbst führen, andere, die schlampigeren Talente, müssen so reflektiert sein, dass sie sich führen lassen", sagt Babock. Wobei sich die Sportler-Persönlichkeiten geändert haben im Laufe der Zeit. Sie vermarkten sich, weil sie müssen, gerade in den Randsportarten. Und sie sind weniger geworden. "Es gibt viel weniger Talente." Warum? Liegt am gesellschaftlichen Wandel. Wenn das Kind zwei Mal eine Fünf in Französisch mitbringt, darf es nicht mehr zum Sport."

Babock hat mit Spitzensportlern trainiert und mit Jugendtalenten. Interessiert haben ihn nur Bewegungen und die Laufzeiten. "Usain Bolt hat bei uns vor der WM 2017 trainiert, da haben wir schon gesehen, dass er nicht gewinnen kann." Seine Beschleunigung beim Start war nicht mehr gut genug.

An eines erinnert sich Babock bei Bolts Besuch besonders. Nicht an dessen motorische Abläufe, wie man es von einem Trainer erwarten könnte. Sondern daran, wie der achtfache Olympiasieger einmal seine Einlaufschuhe vergessen habe und nur mit Spikes ankam. Ein Detail. Könnte man meinen. Nicht für Babock. Der ist zu sehr penibler Perfektionist, als dass ihn das nicht gestört hätte.

© SZ vom 12.12.2018/less
Zur SZ-Startseite
16th IAAF World Athletics Championships London 2017 - Day Two

Usain Bolt
:Ein Phänomen tritt ab

Usain Bolt macht etwas mit den Menschen, wenn er auftaucht - nun hört er auf. Eine Annäherung an einen Athleten, der seinen Sport gewaltig geprägt hat, auch wenn Zweifel an seinen Leistungen bleiben.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB