Außergewöhnliche Karriere "Ich hatte keine Ahnung vom Bobfahren, niemand hatte Ahnung davon"

Jochen Babock, hier in einer selbst gebauten Startbox für Snowboarder, hat Spitzensportler trainiert und Jugendtalente.

(Foto: Jan Staiger)

Jochen Babock wurde Bob-Olympiasieger in der DDR, dann aber aus politischen Gründen über Nacht aus dem Leistungssport geworfen. Später wurde er Athletik-Coach in München - und formte aus Talenten Sieger.

Von Philipp Crone

Als er auf einmal wie eingefroren auf einem Bein steht, ist alles klar.

Bis dahin hat Jochen Babock, 65, in Stakkato-Sätzen von seiner Umschulung zum Bobfahrer erzählt, vom Olympiasieg, dem Leben in der DDR zwischen Volksheld und den späteren Schmähungen, als er einen Ausreiseantrag stellte. Er hat über das DDR-Doping, sein Training mit Usain Bolt, den Unterschied zwischen Mannschafts- und Einzelsportlern gesprochen, über seine 28 Jahre als Athletik-Trainer am Münchner Olympiastützpunkt (OSP), in denen er spätere Olympiasieger noch schneller, noch zielstrebiger machte.

Und dann, am Montagvormittag in der Halle gegenüber vom OSP am Olympiastadion, geht Babock noch ein paar Schritte. Das graue lange nach hinten gekämmte Haar wippt ein wenig, weil der Mann noch immer so läuft, als müsste er im nächsten Moment Anlauf nehmen zu einem Hochsprung. Und dann wird ansatzlos aus dem Gehen ein Stehen, auf einem Bein. Er spricht gerade über Ballett. Aus dem Mann mit der dunklen Brille wird von einer Sekunde auf die andere eine Statue. Das ist Körpergefühl. Babock hat aus Talenten Sieger gemacht, indem er ihnen beibrachte, ihren Körper zu kontrollieren.

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Babock, ein Name wie ein vertonter Trampolinsprung, ging in Erfurt zur Schule, spielte Hockey, machte 20 Jugendländerspiele, ehe das DDR-System ihm das erste Mal ein Bein stellte. Nach Olympia in Tokyo 1964 wurden Mannschaftssportarten rigoros beschnitten. Wasserball oder Einzelschwimmer? "Im gleichen Becken kannst du mit der Förderung zig Medaillen gewinnen statt nur eine beim Wasserball", sagt Babock. Auch Hockey wurde nicht mehr gefördert. Babock spielte weiter. 1973, er war 20 Jahre alt, gab es ein Trainingslager in Zinnowitz, auch die Rodler waren da, ein Trainer sagte zu Babock: "Du bist groß und kräftig, die suchen ein Bob-Team." Er wurde zu Tests eingeladen. "Ich hatte keine Ahnung vom Bobfahren, niemand hatte Ahnung davon." Aber es war eine medaillenträchtige Sportart.

Acht Sportler waren sie am Ende, die anfingen zu trainieren. Babock war nun bei der Armee, "wir haben da 14 Tage durchtrainiert mit drei Mal zwei Stunden Training pro Tag." Es gab keine Turnhalle am Anfang, das Starttraining übten sie mit einer Art umgebauter Schubkarre und Rollen. Wenn die Karre mal bei einem Sturz kaputt ging, brachten die Sportler sie zum Schweißer.

Die erste Lektion, die Babock damals lernte und später weitergab, auf seine trocken griffige Art: "Üben hilft manchmal doch." 21 Trainingseinheiten in der Woche. So ging das bis 1976, der Staatsplan der DDR wurde umgesetzt, auch mit Doping. "Der Mannschaftsarzt kam immer zum Frühstück und legte einem eine grüne, gelbe oder orangene Pille hin." Ein Oral- Steroid, das beim Muskelaufbau hilft. Babock wusste, was los war.

Pillen für den Hühnerbesitzer

Er sagt: "Zum Glück war das noch eine Zeit, in der man die Möglichkeit hatte, es einfach zu entsorgen." Er habe nie etwas genommen, sagt Babock, genauso schnell wie er auch sonst spricht. "Einer der Sportler hatte Hühner, dem haben wir die Pillenschachtel für die Woche immer mitgegeben." Babock grinst immer schon Sekunden vorher sehr breit, bevor seine Pointe kommt. "Der hatte irgendwann riesige Hühner."

Bei Olympia in Innsbruck ging es dann gegen die Konkurrenz der BRD, der Schweiz und den Gastgeber. "Ich war nie ein Top-Athlet, aber immer motorisch begabt", sagt Babock. Andere konnten vielleicht noch eine Spur kräftiger anschieben, farbige Pillen hin oder her, doch Babock konnte exakt synchron schieben, "sauber einsteigen in den Bob und nicht daneben treten".

Der Start war schon immer das Entscheidende in diesem Sport, "den Rest macht der Pilot". Was Babock als Anschieber in der DDR machte, gab er dann später in München fast drei Jahrzehnte weiter: explosiv starten. Ob es der Start beim Snowboard oder der Antritt beim Hockey ist, ob beim Fußball oder beim Rudern, wo er etwa Weltmeister Marcel Hacker betreute. Babock lernte und lehrte die Kunst, eine Bewegung motorisch perfekt in maximaler Intensität abzurufen, und das immer wieder, wie eben beim Bob.

Nach dem Olympiasieg war Babock ein Volksheld in seinem Wohnort Oberhof, bis 1979. Er studierte nebenbei auf Sportlehramt. Bei der Bob-Europameisterschaft hatte er eines Abends im Hotel seinen Schwager getroffen, der in den Westen ausgereist war. Die Stasi wurde informiert, Babock wurde über Nacht aus dem Leistungssport geworfen. Von einem Tag auf den anderen war er ein Ausgestoßener, "die Leute wechselten die Straßenseite, wenn sie mich gesehen haben". Eine Zeit lang versuchte er es als Lehrer, arbeitete als Kellner in der Dorfgaststätte für 2,50 Mark pro Tag, dann versuchte er es mit Blumen. Er beantragte, einen Blumenladen im Ort zu eröffnen, fuhr im Umkreis von 150 Kilometern die Orte ab, wo Blumen angepflanzt wurden, "da kamen die ja nicht einfach aus Holland, es gab eigentlich kaum welche in der DDR".

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Als er alle Verträge zusammen hatte, beantragte er die Zulassung für das Geschäft und bekam als Antwort, dass ein Olympiasieger keinen kapitalistischen Kleinbetrieb führen solle. Seine Frau, die er 1973 kennengelernt hatte, und er beschlossen, dass sie ausreisen würden.

"Aber den Antrag konnten wir in Oberhof nicht stellen, da wäre unser Sohn in der Schule angefeindet worden und meine Frau hätte ihren Job verloren." Sie zogen nach Berlin und stellten den Antrag dort. Babock arbeitete als Kellner, fuhr schwarz nachts Taxi mit einem auffälligen blauen VW Käfer, den er von seinem Schwager aus dem Westen bekommen und in der DDR zugelassen hatte.

Babock hatte ein Ziel, darauf arbeitete er hin, so konsequent wie im Training. Das war: die BRD, und ein Job als Trainer. Er ließ sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Schon damals nicht. Er arbeitete 1984 in Berlin in einem privaten Restaurant, "das einzige in ganz Ostberlin, das jeden Tag ein siebengängiges China-Menü anbot". Ostberliner mussten ein Jahr vorher reservieren, Westberliner konnten so vorbeikommen. Und Babock verdiente so viel Geld, "dass ich die Geldscheine in Rollen im Küchenschrank gelagert habe". Doch bei der Ausreise tat sich nichts.