„Chamäleon“ ist die am häufigsten gebrauchte Bezeichnungen für David Bowie. Aber stimmt die Metapher? Ja, so ein schielendes Reptil hat die Fähigkeit, sich zu verwandeln. Insofern stimmt es, auch der Musiker „häutete“ sich und wechselte ständig seine Rollen und Kostüme. Dieser allgemeinen Annahme entgegnete Bowie allerdings oft, dass sich Chamäleons durch die Färbung tarnen, um Beute zu machen oder nicht gefressen zu werden – er tue meist das Gegenteil, nämlich auffallen.
Lassen wir einmal neuere Erkenntnisse über Chamäleons beiseite, nämlich dass diese sich eher auffällige Farben und Muster zulegen, um Rivalen abzuschrecken und Partner anzulocken – was dem berühmten Blitz in David Bowies Gesicht tatsächlich eher entspräche. Und auch ihr Erregungs-Level sollen Chamäleons durch die Färbung ausdrücken – so wie Bowie seine inneren Zustände in seinen Rollen auslebte, vom ätherischen Außerirdischen Ziggy Stardust bis zum psychotischen Ekel Thin White Duke.
Aber ein bisschen Tarnung ist beim Chamäleon, im entspannten Zustand, auch dabei. In dieser eher privaten Haut erlebte die Pop-Welt David Robert Jones allerdings sehr selten. Genau so zeigt den expressiven Multikünstler eine Ausstellung, die jetzt erstmals in Deutschland zu sehen ist. Nach großem Erfolg in Los Angeles, wo sie im Modern Art Museum von Santa Monica dreimal verlängert wurde, hängen nun im ehemaligen Hochhaus auf dem Paketpost-Areal – derzeit als „Pineapple Park“ kulturell genutzt – drei Dutzend großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien. Sie zeigen unter Berieselung mit seiner Musik Bowie beim Besuch der Nervenheilanstalt in Gugging bei Wien am 8. September 1994. Dieser eine Tag hatte nicht nur großen Einfluss auf Bowies Schaffen, er sagt auch viel aus über diese zerrissene, suchende Künstlerseele aus.
Es war Wiens Kunst-Poet André Heller, selbst ein Verwandlungskünstler, der die Landesnervenklinik Gugging und deren kreativ hochaktive Patienten schon lange kannte und schätzte und David Bowie dorthin einlud. Auch der kannte das vom Psychiater Leo Navratil als Kunsttherapie gestartete Projekt schon, einige der geförderten Insassen wie August Walla, Oswald Tschirtner oder Johann Hauser waren längst weltweit anerkannte Künstler der aus der „Art Brut“ entwickelten „Outsider Art“. Bowie schien das mehrfach zu interessieren.
Einerseits: Sein ganzes Leben lang, sein ganzes Schaffen über, suchte er nach Erklärungen für die Schizophrenie-Erkrankung und den Tod seines Halbbruders Terry, der 1985 aus der Cane Hill Klinik entkommen war und sich auf Bahngleisen das Leben genommen hatte. Auch drei Schwestern seiner Mutter waren psychisch krank, offenbar hatte Bowie Angst, selbst einem Wahn zu verfallen. Konnte Kunst heilen?
Und andererseits: Konnten diese Gugginger Genies ihn zu neuer Kunst inspirieren? Er brachte für den Besuch den Kollegen Brian Eno mit, mit dem er in den Siebzigern seine Berlin-Trilogie („Heroes“) aufgenommen hatte. Und Heller stellte den beiden beim Besuch eine alte Freundin vor: Christine de Grancy. Die empathische Wienerin genoss mit ihren Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Theaterwelt, von Reisen zu Dörfern an der Wolga oder über Tuareg-Frauen in der Sahara großes Renommee. Hier nahm Heller „die Geschichtenretterin“, wie er sie nannte, mit, damit sie aus der Hüfte heraus, unauffällig den Tag dokumentiert. Sie verschoss vier Filme, ohne weiter aufzufallen: „Bowie und Eno ließen mich einfach gewähren. Vielleicht weil ich so chamäleonhaft war, dass mich niemand wahrnahm.“

Diese Qualität der „Augnerin“ ist das Glück für die Schau „A Day With David Bowie“. Sie begleitete ihn leise, betrachtete ihn ganz uninszeniert beim Betrachten: Bowie von hinten, eine von August Walla bepinselte Hütte bestaunend. Bowie schön und versunken rauchend. Bowie sehend. Bowie zuhörend. Bowie lächelnd. Bowie sanft seine Hand dem zerbrechlichen Tschirtner auf die Schulter legend, Gespräche kamen keine zustande. Bowie in seinen Block skizzierend (was er zeichnete, sah de Grancy selbst nie).

Man sieht Heller und Eno auf einen von Waller gemalten Riesenengel mit urinierendem Penis deuten, Bowie raucht daneben ernst. Das Engelbild hat er später (wie weitere Bilder aus Gugging) gekauft. Es ist – wie Tier-Bilder von Johann Fischer, Tusche-Wimmelbilder von Johann Garber, Tschirtners Riesenzeichnungen und eine Nachbildung vom ausgemaltem „Walla-Raum“ – als Reproduktion in München zu sehen: Der Engel ist eines von Wallas „Gott“-Wesen aus seinem ganz eigenen Mysterienkosmos, die den Tod besiegen sollten, androgyn, mit wirren Symbolen überfrachtet – die Nähe zu Bowies Fantasiewelten ist offensichtlich. Dieser ausufernde, hemmungslose Ausdruck der Künstler, die ihre Welt um sich herum übertünchten, einfach machten, ohne Selbstkritik, faszinierte ihn. Im Video von einem Interview auf einem Röhrenfernseher erzählt Bowie kurz von dieser „unglaublichen Erfahrung“.

Was bleibt von diesen drei kontemplativen Stunden: Christine de Grancy verstaute die nicht zur Veröffentlichung gedachten Bilder im Archiv, sie zeigte sie gerade zu Bowies Tod 2016 absichtlich nicht. Jetzt sind sie im Essay-Buch „Sternenmenschen“ von Uwe Schütte über Bowies Gugging-Besuch zu studieren (vom Freistaat Bayern gab es dafür 2025 einen Preis) und in der Ausstellung. Für die hinterließ die Fotografin noch zahlreiche Anweisungen und handschriftliche Notizen, sie starb während des Aufbaus im März 2025.
Und Bowie entwickelte mit Eno aus der Begegnung mit den Psychiatrie-Künstlern das sehr komplexe Storytelling-Album „1. Outside“ (1995). Es wurde eine dem Untertitel nach non-lineare Grusel-Geschichte nach dem Tagebuch von Nathan Adler, der in der apokalyptischen Zukunft des Jahres 1999 urteilen muss, ob begangene Happening-Morde von Künstlern Kunst oder Verbrechen sind. Ein eher düsteres Resultat dieses Austauschs, während Bowies Umgang mit den Künstlern sehr behutsam und liebevoll war. Er lud einige von ihnen zehn Monate nach dem Besuch zum Konzert in Wien ein, zeigte sich ihnen backstage ohne Maske, und brachte ihnen dann fünf Minuten vor dem Auftritt noch Ohrstöpsel – jetzt im Kostüm. Wie sie das Chamäleon erlebten, ist nicht überliefert.
A Day With David Bowie, Fotoausstellung mit Bildern von Christine de Grancy, Pineapple Park München, bis 28. Februar, ehemaliges Paketpost-Areal, täglich 10.30 bis 19.30 Uhr, www.adaywithdavidbowie.com

