Das Wachstum der Stadt München (2) Munich first - und ein müdes Lächeln für die Provinz

SZ-Leser kritisieren städtische Ambitionen als arrogant und fordern gleiche Entwicklungschancen für ländliche Bereiche

"Mut zur Metropole" vom 5. Juli (Leitartikel) und Leserbriefe "Metropole oder nicht, das ist hier die Frage" vom 10. Juli:

Am Erfolg ersticken

Was für eine fatale Botschaft: Immer noch mehr Menschen in die überfüllte Stadt, die mit häufig falscher Nachverdichtung die Lebensqualität verschlechtert, unfähig, den Verkehr auf den Straßen zu meistern und die giftigen Emissionen zu reduzieren, mit häufig zusammenbrechendem öffentlichen Nahverkehr, mit extrem steigenden Mieten trotz Mietpreisbremse bei überteuerten Neubauten und viel zu wenigen Sozialwohnungen - damit München zu einer Mega-Metropole nach amerikanischem Vorbild wird. Da liegt mir München, das bisherige "Millionendorf" doch mehr am Herzen. Und mit weniger Großmannssucht und klugem Verstand lässt sich unsere Stadt durchaus in eine moderne Zukunft führen. Dr. Christof Huhn, München

Hier die Jungen, dort die Alten

Was interessieren der Breitbandausbau im unterfränkischen Dorf oder der thüringische Landbahnhof. Dort leben doch eh nur noch die Alten. Die jungen Arbeitnehmer zieht es zu Google, IBM und BMW, und für deren Wohnung opfern wir gerne die ewig alten Bäume auf der Wiese gegenüber. Für was Rücksicht auf Anlieger und Umlandgemeinden, bauen wir endlich die Hochhaussiedlung auf das letzte Ackerland in München. Gemüse und Obst aus Italien, Spanien oder Chile gibt es ja im Supermarkt und Discounter. Flächentarifverträge oder gute Lebensverhältnisse auf dem Land wie auch in der Stadt - alles vergeudete Gleichmacherei. Metropolen first!

Oder irrt Herr Krügel? Ist gar nicht der Münchner verzagt. Denkt der Münchner gar an seinen Nachbarn, dem man eine komplette Kleinstadt und die Straße dorthin vor die Türe baut, oder will der Münchner gar regionales (nicht um die ganze Welt transportiertes Gemüse kaufen)? Schert sich der Münchner gar um Bäume, die machen doch gar nichts! Elisabeth Honold, München

Großartiger wird's nicht

Lange habe ich keinen Artikel mehr gelesen, der so unkritisch an die segensreichen Wirkungen unbegrenzten und ungesteuerten Wachstums glaubt . Erstaunlich! München muss also wachsen (Naturgesetz!) und soll endlich die große Stadterweiterung auf letztem Ackerland angehen? Muss man eben noch ein bisschen weiter fahren, um in der beneidenswert schönen Landschaft (welche meinten Sie da - den Forstenrieder Park?) mal wieder durchatmen zu können. Wohingegen die letzten Unterfranken mangels Breitbandnetz auch noch nach München ziehen müssen, und die Ingenieure aus dem Bayerischen Wald sowieso, weil großartiger als in München wird's einfach nicht. Höchstens noch Berlin (!).

Offen lassen Sie allerdings, wie Sie das mit den höheren Löhnen in der Stadt regeln wollen. Jede "Krankenschwester oder Erzieherin" (sind ja immer Frauen, die Niedriglöhner, gell?) bekommt in München einfach, sagen wir mal, 500 Euro mehr im Monat. Hurra! Problem gelöst - schon kann sie die höheren Mieten bezahlen, und die Immobilienbranche freut sich. Da hat die Erzieherin dann zwar nichts davon, aber die soll ja auch froh sein, in so einer tollen Stadt mit dem richtigen Umfeld leben zu können. Zahlen tut das . . . Moment noch, wer? Die Kommune, die Krankenkasse, wir Steuerzahler.

Weht da einen Hauch von Umverteilung durch ihre Pläne - von unten nach oben, vom Gemeinwesen zum Immobilienbesitzer? Aber egal, der Grundgesetzauftrag gleichwertiger Lebensverhältnisse ist ja so was von gestern. Hätte man jeden Euro für den Aufbau Ost stattdessen in die Münchner U-Bahn gesteckt, würde die heute schon bis Ingolstadt gehen. Dann könnten die Ingenieure aus dem Bayerischen Wald dort umsteigen (falls sie nicht doch nur zu Audi pendeln und lieber im Wald bleiben wollen.

Und die Grattler (also die, bei denen es nicht so klappt mit den metropolenangepassten Löhnen) sollen halt in Hochhaussiedlungen wohnen. Die werden diesmal aber natürlich viel urbaner und toller als damals die "Entlastungsstadt" Neuperlach, versprochen! Weil nach Unterfranken zu ziehen ist leider keine Lösung: Sie wissen schon, kein Breitband . . . Katrin Schießl, München

Metropole? - Wer's mag . . .

Mit welcher Arroganz stellt der Autor die Förderung strukturschwacher Gebiete in Frage! Allgemein bekannt sollte sein, dass auch dort Menschen leben, die mit ihrer Arbeit und ihren Unternehmen zum wirtschaftlichen Wohlergehen des Landes beitragen und die es wert sind, vom modernen Fortschritt nicht abgehängt zu werden.

Hat der Staat nicht die Verantwortung, allen seinen Bürgern ein lebenswertes Dasein zu ermöglichen (siehe die angesprochenen Beispiele Breitband und Landbahnhöfe)? Nicht alle Menschen wollen in die überfüllten Metropolen, und nicht allen Menschen gehen Wirtschaft und Finanzen über alles. Maria-Luise Schmidder, Düren

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