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Das ist schön:Verantwortung wagen

Das Pilotprojekt an der Oper und Schlüsse für die Kultur

Kolumne von Christiane Lutz

Vor einem Jahr dachte man beim "Salzburger Modell" noch an eine Dessert-Kreation und wusste nicht, was die "Examensbestuhlung" mit der Oper zu tun haben könnte. In den vergangenen Wochen aber konnte man lernen, dass dies wichtige Begriffe für Theater und Oper sind; sie bezeichnen nämlich verschiedene Modelle eines coronatauglichen Zuschauerraums. Akribisch und sehr streng versuchen Theaterhäuser seit Monaten, einen Spielbetrieb trotz Virus möglich zu machen. Hygienekonzepte, Wegmarkierungen, Maskenpflicht, aufgemotzte Lüftungsanlagen und ein bisweilen sehr einsames Sitzen aber zeigen Wirkung: Bisher ist es nirgends zu einem nachvollziehbaren Corona-Ausbruch nach einer Theater- oder Opernvorstellung gekommen.

Dass in Bayern trotzdem nur die Bayerische Staatsoper, die Philharmonie im Gasteig und die Meistersingerhalle in Nürnberg 500 statt der sonst erlaubten 200 Zuschauer empfangen darf, ist daher nicht mehr verhältnismäßig. Nicht ohne Stolz dokumentiert die Staatsoper auf ihrer Webseite das Ergebnis eines sechswöchigen Pilotprojekts, das Anfang September startete und dem Haus als erstem in Bayern die 500 erlaubte. Zum Verhältnis: Platz im Saal wäre für mehr als 2100 Zuschauer, mit 500 ist also nicht einmal ein Viertel der Kapazitäten ausgeschöpft.

Die Oper befragte ihr Publikum, arbeitet mit Ärzten zusammen und schulte Personal zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen. Wenn die Stadt den Grenzwert der 7-Tage-Inzidenz überschreitet, muss die Maske aufbleiben, sonst darf sie während der Vorstellung abgenommen werden. Vier Coronafälle im Umfeld der Oper, heißt es, konnten lokalisiert und entsprechend behandelt werden. Ob die Testphase, die am 31. Oktober endet, verlängert wird, wissen die Verantwortlichen noch nicht. Der Pressesprecher Christoph Koch wünscht sich ohnehin mehr: "Wir hoffen, dass wir die Verantwortung übertragen bekommen. Dass wir und andere Theater je nach Parametern des Hauses die Obergrenze für Besucher selbst bestimmen dürfen."

Trotz steigender Coronazahlen und allgemein angebrachter Vorsicht dürfen die sehr gut ausgestatteten Theater, Konzerthäuser und Opern nicht weiter unter der unverhältnismäßigen Zuschauerbeschränkung leiden. Sonst droht Gefahr, dass Kultur an Relevanz verliert, in Rechtfertigungsnöte gerät und so elitärer wird, als sie bisweilen ohnehin wahrgenommen wird. Das Pilotprojekt an der Staatsoper hat gezeigt, wie verantwortungsvoll die Theater arbeiten. Das ist ein schönes, richtungsweisendes Signal für den ganzen Kulturbetrieb.

© SZ vom 17.10.2020

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