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Das ist schön:Mein Freund, der Staubsauger

Ein letztes Mal live: Matthias Lilienthals Theater in München

Irgendwas um die hundert Menschen werden es gewesen sein, am Donnerstag Abend in den Münchner Kammerspielen, wo, das kann man nicht anders nennen, eine Premiere stattfand. Die erste Vorstellung in der Kammer 1 der Kammerspiele, seit das Haus im März schließen musste. Dass es die Inszenierung "Vacuum Cleaner" von Toshiki Okada war, die da jetzt wieder gespielt wurde, ist nicht unbedingt ihrem Inhalt geschuldet, sondern der eher schnöden Tatsache, dass sie sich als eine der wenigen coronatauglich ummodeln ließ. Das heißt: keine Berührungen auf der Bühne, keine zu komplizierten Masken und Kostüme.

"Vacuum Cleaner" passt trotzdem sehr gut in diese Zeit, fast zu gut. Es geht darin um Hikikomori, Menschen, die zuhause bleiben, weil ihnen das draußen zu anstrengend und fordernd ist. So wie Homare (Annette Paulmann), die mit 50 noch zuhause bei Vater Choho (Walter Hess) lebt. Ihr Bruder Richigi (Damian Rebgetz) tut immerhin noch so, als gehe er zur Arbeit, hängt aber auch nur im Park herum. Dann ist da noch der namensgebende Staubsauger, den Julia Windischbauer spielt. Ein metallen schimmernder, surrender Kummerkasten für die Familie, die miteinander zu sprechen nicht in der Lage ist. Auf Socken klettern sie von Zimmer zu Zimmer, das Draußen existiert nur in Erzählungen.

In der Kammer 1 haben sie jede zweite Reihe ausgebaut, man sitzt jetzt allein oder zu zweit auf weiter Flur, für alle, die lange Beine haben, ist plötzlich richtig viel Raum da, zumindest ein Vorteil. Auch Intendant Matthias Lilienthal ist dabei, in der Mitte des Raumes, und schaut zu. Die Szenen sind leise, bestechen durch poetische Distanziertheit. "Ich finde mein Leben ziemlich stumpfsinnig und monoton, es gibt kein großes Auf und Ab", sagt Homare, "aber wenn nun die Erfülltheit eines Lebens an den Höhen und Tiefen bemessen wird, die man durchschritten hat, dann kann man mein Leben als ein solches wohl kaum bezeichnen." Das muss einen gar nicht an die vergangenen Monate erinnern, die im Kopf oft zu einem sehr langen Tag zusammenschmelzen. Aber es passt natürlich hervorragend. Das Zuhause ist der Schutzraum, der Preis, den man dafür zahlt, ist die Ereignishaftigkeit des Draußen.

Als die Schauspieler zu sprechen und sich zu bewegen beginnen, ist das, als probiere man die Kamera eines neuen Handys aus: Wow, so was ist möglich. So eine Präzision, so eine Tiefenschärfe. Vielleicht hat man Theater nicht so schlimm vermisst, wie man annahm. Aber wenn sie dann jetzt leibhaftig vor einem stehen, stellt man fest, dass es doch etwas ungeheuerlich Einzigartiges ist: Mit Menschen gemeinsam im Raum das Selbe erleben. Dass dies zudem die letzten Möglichkeiten sind, Lilienthals Theater in München zu erleben, tut sicher das Übrige, diesen Abend besonders werden zu lassen. Das ist traurig, aber auch ein bisschen schön.

© SZ vom 27.06.2020

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