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Das ist schön:Jede Strähne zählt

Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk.

(Foto: Catherina Hess)

Die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk im Literaturhaus

Kolumne von Antje Weber

Die Bedeutung von Haaren sollte man nie unterschätzen. Jedes Detail zählt, und überhaupt ist das Wichtigste im Leben oft nicht im Zentrum zu finden, sondern am Rand. Davon ist nicht nur Olga Tokarczuk tief überzeugt, es wird am Mittwochabend im Münchner Literaturhaus auch gelebt. Denn Moderatorin Olga Mannheimer beginnt mit einer freundschaftlichen Stichelei: Die Literaturnobelpreisträgerin habe ja zweifellos ein "Gespür für das Rätselhafte, Geheimnisvolle, Bizarre" - und sehe sie mit ihrer Frisur nicht selbst "ein bisschen bizarr"aus?

Olga Tokarczuk ist auf derlei Fragen natürlich vorbereitet. Vor ihrer Antwort aber muss man ihre Frisur nun doch näher beschreiben: Die braun-schwarzen Rastalocken sind wieder einmal höchst kunstvoll um den Kopf zu einer Art Turm geschlungen, der im schönen Gegensatz zum ultrakurzen Pony steht und nur hie und da eine Haarsträhne freigibt. Routiniert kontert Tokarczuk jedenfalls, das sei doch eine der ursprünglichsten Frisuren, die man schon vor 2000 Jahren getragen habe. Seltsam findet sie eher die Haartracht der neben ihr sitzenden Moderatorin und Übersetzerin, auch wenn die ihr nach etlichen gemeinsamen Veranstaltungen natürlich längst vertraut ist.

Es dauert an diesem Abend noch etwas länger, bis man von der Peripherie zum Zentrum vordringt. Erst spät bekommt die Nobelpreisträgerin genügend Raum, um ausführlicher ihre Gedanken zu entwickeln. Ein 1200-Seiten-Opus wie "Die Jakobsbücher" (Kampa) macht die Annäherung natürlich auch nicht leicht: Es dauert seine Zeit, bis durch Erklärungen und Lesungen von Schauspieler Helmut Becker die Voraussetzungen geschaffen sind, um die Dimensionen dieses form- und grenzsprengenden Werks über den Mystiker Jakob Frank zumindest ansatzweise zu verstehen. Immer wieder wird dabei deutlich, dass dieser Schriftstellerin wirklich an jeder Einzelheit liegt: Für ein paar Seiten, die bis hin zum Malzgeruch den Markt im Dorf Rohatyn 1752 schildern, habe sie ein halbes Jahr gebraucht, erzählt Tokarczuk; insgesamt hat sie acht Jahre am Buch gearbeitet.

Viel geht es an diesem Abend um die Struktur des Romans, um die Figuren, die innovative Erzählperspektive und die Aufgabe des Schriftstellers: Die bestehe "in der Synthese der Welt, im Zusammenfügen der Fragmente", sagt Tokarczuk. Und als man schon befürchtet, der Abend bleibe ausschließlich auf das Buch konzentriert, spricht die Schriftstellerin zumindest kurz über ihr Heimatland Polen, das seinen historischen Reichtum an Sprachen und Ethnien oft vergesse. Gerne hätte man noch mehr von dieser vielfältig gesellschaftlich engagierten Schriftstellerin erfahren, und natürlich hätte man ihr ein noch größeres Publikum gewünscht: Ihre abgesagte Münchner Lesung Ende März war für das mehr als 800 Zuhörer fassende Audimax der LMU geplant, nun waren es 50 live und knapp 200 im Stream. Immerhin: Die Nobelpreisträgerin war endlich und tatsächlich nach München gekommen - ein ermutigendes Zeichen in diesen haarigen Zeiten, und richtig schön.

© SZ vom 02.10.2020

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