Das ist schön:Einfach machen

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Der Kulturlieferdienst veranstaltet sein 100. Konzert

Kolumne von Michael Zirnstein

Man öffnet ja gar nicht mehr gerne die Tür. Es sei denn, der Pizza-Bote ist bestellt. Aber man stelle sich vor, es klingelt, und ein echter Staatsminister steht plötzlich vor einem, mit Maske, Schlips und Jeans. Nach einem ersten Schreck, ob Markus Söder jetzt schon seine Kabinettsmitglieder zum Kontrollieren der Kontaktbeschränkungen schickt, kann man sich aber vielleicht wirklich freuen. So wie Michael Binder, Saxofonist aus Straubing. Dem "Herzblut-Künstler" von "Kindesbeinen an" hat Kunstminister Bernd Sibler nämlich jüngst persönlich den Bewilligungsbescheid für die Soloselbstständigenhilfe des Freistaats vorbeigebracht. Weil er damit künstlernah zeigen konnte: "Wir sind für euch da!" Und weil es der 1000. Bescheid war.

Es gibt große runde Zahlen, die muss man nicht unbedingt bejubeln. Ja, freilich, tausend Kreative, denen die bis zu 1180 Euro monatlich bis Ende Juni über die Runden helfen, das ist schon schön, inzwischen sind es sogar 1500. Aber es könnten viel mehr sein, das Geld läge bereit - beantragen muss man es aber schon selber, nicht jedem bringt es der Minister Sibler persönlich vorbei.

Ein Jubiläum allerdings gilt es zu feiern: An diesem Sonntag bringt der "Kulturlieferdienst" sein 100. Konzert auf die Straßen Münchens direkt vor die Fenster und Balkone der Home-Citizens. Kaum jemand hat in dem einjährigen Corona-Desaster mehr veranstaltet als Benjamin David von den Urbanauten und der Dr.-Will-Bassist Jürgen Reiter, stets unter dem Deckmantel einer politischen Versammlung. Nun nörgeln einige ihrer Kultur-Kollegen, da gehe Quantität vor Qualität, und das seien ja gar keine richtigen Konzerte. "Dann macht es halt selber", möchte man ihnen entgegnen. Die Kulturschaffenden müssen jetzt eben wirklich kreativ sein, und machen, was - immer mit Blick auf die Ansteckungsgefahr - geht. Und viele Musiker nutzen den Kulturlieferdienst, um wieder vor Publikum zu spielen, den Kontakt zu den Fans zu halten, wenigstens ein bisschen Geld im Hut einzusammeln. Dabei zeigt sich auch für die Post-Virus-Ära: Konzerte können mehr sein, Straßenfest wie die Bloc Partys in New York, Demo, spontane Begegnung und Kampfansage: "Der öffentliche Raum gehört auch uns." So kann man den 100. Dienst mit Ecco Meineke und seiner Band Innersoul am Sonntag, 11 Uhr, auf dem Königsplatz verstehen: Der kulturhistorisch bedeutende Ort wird momentan für die Autoausstellung IAA im Herbst beplant, aber noch für kein Konzert-Ereignis in diesem Jahr.

Man kann den Kulturlieferdienst übrigens tatsächlich zu sich nach Hause bestellen und Künstler dafür vorschlagen. Nicht erschrecken, es könnte laut werden vor der Tür. Aber das ist ja auch wieder mal schön.

© SZ vom 20.02.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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