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Das ist schön:Egoisten, vereinigt euch!

Die Künstler dürfen und sollten für sich selbst demonstrieren

Kolumne von Michael Zirnstein

Über die Künstler-für-Künstler-Aktion "#allesdichtmachen" ist zurecht viel geschimpft worden. Man darf kritisieren, wenn ein Richy Müller die Lockdown-Politik verspottend theatralisch in Plastiktüten schnauft, während auf Intensivstationen Corona-Patienten an Sauerstoffschläuchen um Luft ringen. Nicht aber sollte man den Beteiligten Egoismus vorhalten, wenn sie mit ihren Videos die Öffnung der Kulturstätten, ihrer Arbeitsplätze, beschleunigen wollen. Ja, wo kämen wir denn hin ohne den Egoismus?

Wir liefen noch immer "würdelos" (eine Sorge Markus Söders) umher mit Topfschnitten wie Jim Carrey in "Dumm und Dümmer" (wiederentdeckt beim Shutdown-Glotzen), hätten nicht die Barbiere die barbarische Benachteiligung der Branche beklagt. Und hätten nicht die Wiesn-losen Schausteller die Herzen der Stadträte für einen "Sommer in der Stadt 2020" erweicht, hätten die Kulturfreunde quasi als Trittbrettfahrer auf den Feuerwehr-Karussellautos weit weniger Konzert-Erlebnisse genießen dürfen.

Und wer sagt denn, dass die Kultur immer nur an sich denkt? Natürlich sammelt der "Kulturlieferdienst" auch Spenden für die Musiker selbst, die Veranstalter und aktuell für den Bühnen-Lkw ein, aber auf diesen als Demos getarnten Straßen-Gigs geht es stets auch um soziale Anliegen wie den Ausbau der Radwege (am Samstag, 17 Uhr, feiert man Einjähriges der Aktion am Wittelsbacher-Platz).

Oder das Harry Klein: Der Klub sammelt nach 14 Monaten Party-Verbot per Crowdfunding nicht etwa Geld fürs eigene Überleben. Im Stream "Kulturdonnerstag" ließ man Partner wie die Aids-Hilfe, Condrops, CSD, die Drogenhelfer Mindzone, den "LGBTIQ*"-Verein Sub und das Wut-Kollektiv ("Frauen und Non-Binäre-Personen an die DJ-Pulte!") ihre Projekte vorstellen und bat um Spenden dafür. So zeigt sich die Disco nicht als Hort für Hedonisten, sondern als sozialer Ort.

Kultur ist an sich ein Freiraum der demokratischen Gesellschaft, gerade weil es darin auch diskussionswürdige Aktionen geben darf. Weil viele aber momentan angesichts knapper Kassen in der Corona-Krise die Künstler hinter den vielen anderen Interessensvertretern zurückstellen wollen, sind Demonstrationen wie die zweite Runde von "Aufstehen für Kultur" an Christi-Himmelfahrt, 15 Uhr, geboten. Es wäre schön, wenn sich möglichst viele Egoisten auf dem Königsplatz vereinigen würden.

© SZ vom 08.05.2021
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