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Das ist nicht schön:Schluss mit umsonst

Gratiskonzerte verzerren den Wettbewerb

Kolumne von Christian Jooß-Bernau

Wer wollte sich da beschweren. Endlich ist Sommer in der Stadt. Und in Zeiten der Pandemie verwandeln sich öffentliche Plätze in Orte der Möglichkeiten. Für Karussellbetreiber, Mandelverkäufer und Künstler. Im Olympiastadion probt man das überdachte Open-Air-Gefühl mit Abstandsgarantie. Vor der Bühne am Gasteig ist man sogar so frei, herumzustehen, wie einst, und bei Kunst im Quadrat auf der Theresienwiese reicht der Platz- locker für Musiker und Publikum. Und das Allerwunderbarste: Anders als Riesenrad und Zuckerwatte ist die Kunst umsonst. Spendiert von der Stadt, die Bühne, Technik, Personal und Künstler zahlt. Wer wollte sich da schon beschweren.

Noch dazu, wo die lokalen Künstler aus dem Schatten der internationalen Konkurrenz treten, deren Touren abgesagt wurden. So sieht man nun im Programm der vergangenen Wochen immer wieder dieselben Namen an unterschiedlichen Orten der Stadt. So, wie Philipp Bradatsch, der am Montag, 17. August, im Volkstheater spielt. Bei diesem Terminund dem seiner Trikont-Labelkollegin Inga einen Tag später am selben Ort, bei Willy Michl am 21. August im Innenhof des Deutschen Museums oder Michael Altinger am 16. August im Hof des Deutschen Theaters aber gibt es einen kleinen Unterschied, an den man sich erst wieder gewöhnen muss: Es kostet Eintritt.

Und hier spürt man den Haken an der sonnigen Umsonstunterhaltung. Es entsteht ein Ungleichgewicht zwischen subventionierten Veranstaltungen und Orten wie dem Volkstheater, dem Deutschen Theater, dem Backstage, Eulenspiegel Flying Circus und all den kleinen Konzertorten und Clubs, wo man tatsächlich wagt, Geld für Kunst zu nehmen, um Existenzen zu sichern und sich unabhängig von staatlicher Hilfe zu machen.

Künstler geben verständlicherweise dem Drang nach, nach den verheerenden Verdienstausfällen jede sich bietende Gelegenheit auch für kleine Gagen zum Auftritt zu nutzen. Das aber bringt das System von Angebot und Nachfrage und damit das Preisgefüge ins Wanken. Der Kulturkonsument, der als Konsument am Ende immer die Verantwortung tragen soll, nimmt eben oft die günstigere Variante. Natürlich kann man an die Solidarität der Kunstfreunde appellieren, sich im Zweifelsfall für den Eintritt zu entscheiden, das aber macht das selbstverständliche Bezahlen für kulturelle Arbeit zur Wohltätigkeit und entwertet Kunst und Künstler. Schön ist das nicht. Mit dem Ausnahmesommer muss auch der freie Eintritt enden.

© SZ vom 14.08.2020

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