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Das ist nicht schön:Ohne Worte

Buchläden verlieren ihren Sonderstatus. Ein Armutszeugnis

Kolumne von Bernhard Blöchl

In regelmäßigen Abständen zieren Füße und Schuhe die Umschläge von Bestseller-Romanen, warum auch immer. Ironischerweise waren es kürzlich die Schuhverkäufer, die den Buchhändlern - unabsichtlich - ein Bein stellten. Weil der Bayerische Verwaltungsgerichtshof entschieden hatte, dass Schuhgeschäfte ebenso zur Grundversorgung zählen wie Buchläden, Gartengeschäfte und Baumärkte, hat die Staatsregierung schneller reagiert, als man neue Sneakers einlaufen kann. Man strich die Sonderrechte im Handel pauschal für alle, machte Öffnungen auch hier inzidenzabhängig. Wohl weil trotz aller Hygienemaßnahmen zu viel Bewegung im Lockdown zu erwarten sei, zumindest außerhalb der Kirchen.

Die Folgen schmerzen. Die Entscheidung ist eine weitere Abwertung der Kultur, jenem verfassungsrechtlich angeblich geschützten Gut, das es in der Pandemie doch so schwer hat. Von Montag, 12. April, an sind Buchläden in Bayern also nicht mehr so leicht zu besuchen wie Supermärkte. Die geistige Nahrung wird in der Praxis nicht mehr als täglicher Bedarf betrachtet wie das Bier aus der Kühltheke. Und nein, das Bild der geistigen Nahrung ist keine Floskel. Denn Bücher sind viel mehr als Produkte, viel mehr als Feuilletonistenfetisch. Romane schulen Empathie, Fantasie und komplexes Denken; sie vertreiben trübe Stimmungen, machen Mut und Hoffnung. Nährstoffe, die die kraftlose Gesellschaft gut gebrauchen kann. Nun könnte man erwidern, Bücher kann man doch auch im Netz bestellen. Das stimmt zwar, einerseits. Andererseits dürfte hiervon in erster Linie der Online-Riese profitieren. Außerdem sind Stärken wie persönlicher Austausch, Beratung und haptisches Stöbern durch keinen Web-Algorithmus zu ersetzen. Vom ewigen Hin und Her bei den Regeln mal ganz abgesehen (die Vorstellung, wie einem Hubert Aiwanger den Unterschied zwischen "Click & Meet" und "Click & Collect", unter 100, über 100, in drei Sätzen erklärt, dürfte nicht nur Buchhändler bis in den Schlaf verfolgen). Auch für die Tatsache, dass Buchläden in Berlin und Hamburg (noch) nicht heruntergestuft wurden, in Bayern aber schon, lassen sich keine vernünftigen Worte finden.

Apropos vernünftig. Mal angenommen, die Babys der Pandemie lesen in 16 Jahren nach, was es mit der Seuche auf sich hatte. Mal angenommen, sie laden sich die vollständigen Corona-Chroniken auf ihre implantierten Chips und bleiben beim fluiden Browsen im Unterkapitel hängen, wie der "Kulturstaat" Bayern mit der Kultur umging. Die Teenager im Jahr 2037 werden lachen bei der Lektüre der Öffnungs-Bürokratie, doch sie werden jeglichen Hinweis auf Satire vermissen. Was sie gelesen haben werden, trug sich genau so zu. Und das ist das Gegenteil von schön.

© SZ vom 10.04.2021
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