bedeckt München

Das ist nicht schön:Automesse ja, Gedichte nein

Eine Posse um die Nutzung des Hofgartens erreicht den Landtag

Von Antje Weber

Es ist eher selten, dass eine kleine Münchner Lyrikreihe eine Anfrage im Bayerischen Landtag auslöst. Doch es kommt vor, wie man diese Woche erleben konnte. Und das kam so: Im Juni überlegten der Lyriker Tristan Marquardt und sein Team, wie man eine im Kunstverein für Anfang Oktober geplante Lesung der Reihe "Meine drei lyrischen Ichs" trotz Pandemie retten könnte. Die Idee: einfach nach draußen verlegen, in die Arkaden des Hofgartens direkt vor dem Kunstverein. Doch so einfach ist das nicht.

Wer den Hofgarten nutzen will, braucht dafür eine Genehmigung der Bayerischen Schlösserverwaltung. Unterstützt vom Kunstverein, fragten die lyrischen Ichs also dort an. Sie bekamen eine erste Absage: Hofgarten und Arkaden seien "keine ausgewiesene Veranstaltungsfläche", und um den Charakter "als Gartenkunstwerk zu erhalten und zu schützen", könne man auch keine Ausnahme machen. Auf eine weitere Anfrage vom Kulturreferat hin kam eine zweite Absage, allerdings erst Monate später: just am 2. Oktober, an dem das Literatur- und Kunst-Publikum unter den Arkaden hätte Platz nehmen sollen.

Schade, aber konsequent, mag man meinen. Nun wurde jedoch bereits im Frühjahr bekannt, dass der Hofgarten in einem anderen Fall durchaus genutzt werden darf: wenn die Internationale Automobil-Ausstellung IAA im kommenden Jahr erstmals München beehrt. Wie geht das zusammen? Das wollte auch die Abgeordnete Susanne Kurz vom Bündnis 90/Die Grünen gerne wissen, in einer Anfrage an die Staatsregierung. Die Antwort des Staatsministeriums der Finanzen und für Heimat: Für den "Kernbereich" des Hofgartens genehmige man "nur im Einzelfall" kleine Eigenveranstaltungen der Arkaden-Ladeninhaber sowie "Traditionsveranstaltungen".

Was auch immer man sich unter einer Traditionsveranstaltung vorstellen darf, die einen Einzelfall rechtfertigt: Eine kulturelle Veranstaltung gehört wohl nicht dazu - nicht einmal in Zeiten der Pandemie, die Kulturveranstalter besonders heftig beutelt. Bei der IAA liegt der Fall natürlich anders: Das Ministerium argumentiert hier, die Messe repräsentiere den Freistaat "weit über seine Grenzen hinaus". Und sie werde nur die Hofgartenstraße nutzen, "für die Präsentation von Neuheiten bei Fahrrädern und E-Bikes". Man kann von einem lukrativen Geschäft ausgehen, denn es heißt weiter: "Für kulturelle Veranstaltungen wird ein deutlich niedrigeres Mietentgelt erhoben." Anders gesagt: Die lohnen sich nicht, und repräsentativ sind sie auch nicht.

Wer kann Kulturveranstaltern eine gewisse Verbitterung verdenken? Dies ist ja nur ein Beispiel, das die Nöte der Branche verdeutlicht - und zeigt, dass Politikerbekenntnisse alleine eben nicht reichen. Etliche Kulturschaffende werden an diesem Wochenende in München für ein Umdenken demonstrieren. Dass dies nötig ist, ist nicht schön.

© SZ vom 24.10.2020
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