Das Erbe von 1972:Auf zum Mount Avery

Lesezeit: 3 min

Das Erbe von 1972: Fit für die Zukunft: Zur 50-Jahr-Feier von Olympia 72 ist der Augsburger Eiskanal grundlegend hergerichtet worden. Ende Juli kommen die Kanuten zur WM.

Fit für die Zukunft: Zur 50-Jahr-Feier von Olympia 72 ist der Augsburger Eiskanal grundlegend hergerichtet worden. Ende Juli kommen die Kanuten zur WM.

(Foto: Klaus Rainer Krieger/Imago)

In der olympischen Außenstelle in Augsburg sind sie stolz auf die auch nach 50 Jahren noch andauernde Nutzung ihres Eiskanals. Demnächst machen sich wieder die weltbesten Kanuten an die Bezwingung der Hindernisse.

Von Roman Deininger und Uwe Ritzer

Die dreißig Betonhindernisse im Kanal sind von Algen und Moos befreit, im Zielbereich steht eine moderne Anzeigentafel. Es gibt jetzt Flutlicht und schnelles Internet, neue Umkleiden, Krafträume und Bootslager. Aber vieles ist auch gleichgeblieben: das grüne Flair an der Strecke, die orangefarbenen Fliesen hinter der Bar, der Geist von 1972. Der Augsburger Eiskanal hat sich fit und hübsch gemacht für die Zukunft - und ganz konkret für Ende Juli, wenn die Elite des Kanu-Sports zu den Weltmeisterschaften an den Lech kommt, fünfzig Jahre nach den Münchner Spielen. Dem WM-Maskottchen, dem blau-grün-gelben Biber Gustl, sieht man durchaus an, dass er ein entfernter Verwandter des Olympia-Dackels Waldi ist.

In Augsburg ist man stolz auf die nachhaltige Nutzung des Eiskanals, der bei seiner Eröffnung im August 1971 als erste künstliche Wildwasser-Strecke der Welt für Furore sorgte. Die Rinne wartete damals mit einer Strömungsgeschwindigkeit von sagenhaften 26 Kilometern pro Stunde und 24 000 Zuschauerplätzen auf. Augsburg avancierte zum internationalen Herz des Kanusports. Der Eiskanal galt weltweit als stilprägend, inzwischen gehört er - als Teil des Augsburger Wassermanagement-Systems - sogar zum Unesco-Weltkulturerbe.

Dass Augsburg und andere bayerische Städte 1972 olympische Wettbewerbe ausrichten durften, war allerdings nicht selbstverständlich. Dazu beigetragen haben von 1966 an die Anstrengungen einiger junger Landtagsabgeordneter der CSU, darunter der spätere Ministerpräsident Max Streibl und der spätere Landshuter Oberbürgermeister Josef Deimer. Sie präsentierten einen "Olympiaplan", der gewährleisten sollte, dass nicht nur die Landeshauptstadt von den Spielen profitiert. Es dürfe "nicht alles dem Land entzogen werden", sagte Deimer bei einer Landtagsrede, es müsse "Schluss gemacht werden" mit dem Zentralismus im Freistaat.

Die DDR baut den Kanal eins-zu-eins in Zwickau nach. Es lohnt sich: Sie holt alle Goldmedaillen

Das Organisationskomitee (OK) ging schließlich auf die Forderungen ein, in der Hoffnung, damit die Begeisterung für Olympia auch außerhalb Münchens zu steigern. Etliche Spiele des olympischen Fußballturniers wurden in Augsburg, Nürnberg, Regensburg, Ingolstadt und Passau ausgetragen, einige Handballpartien sogar in Ulm, Göppingen und Böblingen, also in Baden-Württemberg. Für ein standesgemäßes Ambiente wurden jedes Mal Hostessen in Dirndln aus München über die Landesgrenze geschickt. Viele Orte rund um München wurden als Trainingsstätten für die Athletinnen und Athleten eingebunden, mancherorts entstanden stattliche Sportanlagen.

Neben dem Segelstandort Kiel war Augsburg die wichtigste olympische Außenstelle, die Wettbewerbe Ende August wurden zu sonnigen Festtagen. Bundeskanzler Willy Brandt gab sich auf den vollen Stehterrassen die Ehre, genau wie Avery Brundage, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), nach dem ein Hindernis auf der Strecke benannt war: "Mount Avery". Die westdeutschen Kanuten waren auf ihrer neuen Heimbahn die großen Favoriten - doch die Schwestern und Brüder aus der DDR räumten sensationell alle vier Goldmedaillen ab. "Das war für uns in Augsburg wie ein Spaziergang mit dem Dackel im Park", gab Siegbert Horn zu Protokoll, einer der Sieger.

Das Erbe von 1972: Gold-Team: Bei der Olympia-Premiere des Kanuslaloms gewinnen Walter Hofmann (links) und Rolf-Dieter Amend 1972 im Zweier-Canadier eine der insgesamt vier Goldmedaillen für die DDR.

Gold-Team: Bei der Olympia-Premiere des Kanuslaloms gewinnen Walter Hofmann (links) und Rolf-Dieter Amend 1972 im Zweier-Canadier eine der insgesamt vier Goldmedaillen für die DDR.

(Foto: Werner Schulze/picture alliance)

Das Geheimnis des DDR-Triumphs kam erst nach und nach ans Licht, es war ein Coup für die Ostdeutschen, eine Spionagegeschichte. Im Herbst 1971 hatte ein unbekannter Mann am Eingang zur Eiskanal-Anlage einfach gesagt, er komme "vom Verband". Offenbar fragte ihn niemand, von welchem Verband genau. Er habe sich bemüht, einen vertrauenswürdigen Eindruck zu machen, berichtete Werner Lempert später. Lempert, damals 34, war der Kanu-Nationaltrainer der DDR. Bevor er sich versah, hatte er einen offiziellen Besucherausweis an der Jacke heften.

Insgesamt drei Mal reiste Lempert 1971 nach Augsburg, er schritt den 660 Meter langen Kanal systematisch ab, fotografierte ihn aus allen Winkeln und maß mit einem 50 Meter langen Maßband Streckenabschnitte ab. Jedes einzelne Betonhindernis zeichnete er möglichst präzise in seinen Block. Einmal wurde er nach getaner Arbeit von einem Eiskanal-Mitarbeiter sogar auf einen Kaffee eingeladen; er sprach dabei möglichst wenig, aus Angst, dass ihn sein Sächsisch verraten könnte. Als Lempert seine Augsburger Geheimrecherche abschloss, konnte er den gesamten Kanal präzise nachzeichnen, jede Walze, jede Stufe, jedes Kehrwasser.

Lemperts Athleten hatten bei der Eröffnung im Sommer 1971 massive Probleme mit der künstlichen Strecke gehabt, sie kamen mit den schwierigen Strömungen, die sich entlang der Steilwände entwickelten, dem "Prallwasser", schlicht nicht zurecht. Das sei nur durch Training unter exakt gleichen Bedingungen zu ändern, bläute Lempert seinen Kanu-Funktionären ein. Er überzeugte sie davon, den Augsburger Kanal in Zwickau, dem Wildwasser-Zentrum des Ostens, eins zu eins nachzubauen.

Das Erbe von 1972: Erfolgsrezept: Canadier-Spezialist Reinhard Eiben (links) und sein Kajak-Kollege Siegbert Horn erzählen einem DDR-Journalisten, wie ihre Olympiasiege zustandekamen. Das ganz große Geheimnis kommt freilich erst nach und nach heraus.

Erfolgsrezept: Canadier-Spezialist Reinhard Eiben (links) und sein Kajak-Kollege Siegbert Horn erzählen einem DDR-Journalisten, wie ihre Olympiasiege zustandekamen. Das ganz große Geheimnis kommt freilich erst nach und nach heraus.

(Foto: Werner Schulze/picture alliance)

Der DDR-Sport scheute dabei keinen Aufwand: Die Mitarbeiter eines volkseigenen Betriebs wurden von der Arbeit an einer Autobahnbrücke abgezogen, um im Stadtteil Cainsdorf möglichst schnell den Kanal fertigstellen zu können. Als Steilwände verbauten sie einfach Betonplatten, die für Rübensilos gedacht waren, das Wasser leiteten sie aus dem Flüsschen Mulde ab. Nach nicht einmal drei Monaten war der Kanal fertig; in der DDR wies man später gern darauf hin, dass die Wessis dafür volle zehn Monate gebraucht hatten. Die ostdeutschen Kanutinnen und Kanuten nahmen Anfang 1972 das Training auf, über Wochen prallten sie ständig gegen den Beton, keiner kam ohne Schürfwunden davon. Aber Werner Lempert war überzeugt, dass die Schmerzen sich bei Olympia auszahlen würden.

Die Kopie der Augsburger Wildwasserrinne wurde irgendwann aufgegeben, man findet sie in Cainsdorf aber noch heute, zugewuchert und zum Teil von Erde bedeckt. Im Gegensatz zum Original-Eiskanal hat sie ihre besten Tage hinter sich.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema