Es ist schon ein feiner Witz, den Dan Snaith im Hinblick auf das Personal seines Tracks „Waiting So Long“ in den Liner Notes erzählt. Da ist zum einen wenig überraschend Daphni, das Alias, unter dem er bevorzugt seine Tanzboden-Seite auslebt, und unter dem auch das zum Track zugehörige neue Album „Butterfly“ entstanden ist. Da ist zum anderen aber auch ein gewisser Caribou, dessen Beteiligung den kundigen Fan erstmal schmunzeln lässt, aber auch Fragen aufwirft, wie: Ist die Technologie womöglich doch schon so weit, dass sich Menschen kurzerhand vervielfältigen lassen?
Ist sie zum Glück natürlich nicht. Daphni und Caribou, das ist beides Dan Snaith, 48, geboren in London, aber nicht dem britischen, sondern der kleineren kanadischen Version in Ontario. Kann man einerseits natürlich albern finden, wenn einer seine künstlerischen Identitäten derart ernst nimmt, dass er zur Kollaboration mit sich selbst bittet. Andererseits kommt man nach dem Hörgenuss dieser sommerlich pumpenden French-House-Hommage aber auch nicht umhin, sich einzugestehen, dass Snaith hier schon einen Punkt hat.
Ist er als Daphni vor allem ein DJ, der nebenher noch als Produzent an Tracks unterschiedlichster clubmusikalischer Nischen-Couleur feilt, so kommt mit Caribou seine (indie-)poppige Seite ins Spiel. Die mag im Fall von „Waiting So Long“ insbesondere in einem fast körperlos falsettierenden Gesangsstimmchen liegen, auf dem sich im Zweifelsfall eher keine große Karriere gründen lässt. Aber da Dan Snaith nun mal Dan Snaith ist, verleiht das Stimmchen der Club-Nummer mit der Botschaft „I’ve been waiting so long / without you / So long, so long, so long“ eine derart süß verwehte Pop-Melancholie, dass man für dieses süchtig machende House-Meisterstück direkt einen Daft-Punk-Gedächtnispreis ausrufen möchte.
Musikpreise hat der promovierte Mathematiker allerdings ohnehin schon genügend eingesammelt. Und das völlig zu Recht. Lag sein Fokus zu Beginn seiner Karriere als Manitoba noch auf einer schratig-psychedelischen Wald-und-Wiesen-Verschmelzung von folkigen und elektronischen Aspekten, die als „Folktronica“ damals ziemlich en vogue war, so tat sich mit seinem Album „Swim“ von 2010 nichts weniger als eine neue Welt auf.
Manitoba hatte sich da bereits in die kanadische Rentier-Verwandtschaft Caribou verwandelt, in diesem Fall jedoch aufgrund einer Namensrechtsklage eines Punkveteranen, der nicht mal den kleinsten Fitzel seines Künstlernamens Richard „Handsome Dick“ Manitoba mit einem Elektronik-Heini teilen wollte. War dann am Ende aber auch egal. So schwamm sich Snaith anstatt als Manitoba eben als Caribou aus der Folktronica-Nische frei, indem er mit „Swim“ ein Album veröffentlichte, das faszinierenderweise mehreres zugleich war: Eine selten melodieselige Platte, die auch Fans der reinen Indie-Pop-Lehre für Texturen und Beats aus dem Club-Universum begeistern konnte. Und eine griffig in Richtung Pop strebende Neuinterpretation elektronischer Tanzmusik, die jedem Clubgänger eindrucksvoll demonstrierte, dass die Definition einer Hook nicht zwingend nur in einem Angelhaken liegt.
Von hier aus war dann vieles möglich. Snaith hatte sich ein Spielfeld eröffnet, auf dem er einerseits als Caribou mit Songs wie „Can’t Do Without You“ nach der tanzbaren Perfektionierung Pop-typischen Sehnens strebt; andererseits aber auch unter seinem DJ-Alias Daphni lustvoll weiße Flecken auf der stilistischen Landkarte der elektronischen Tanzmusik entfernt, etwa indem er seine notorisch unberechenbare Electronica per Sampling von Afrobeat-Fragmenten bis zu Hang- und Cembalo-Sounds mit allem befüllt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Als Daphni tritt er nun zu einem der letzten DJ-Sets an, die im Blitz Club vor dessen Ende auf der Museumsinsel zu hören sein werden. Vielleicht gesellt sich ja auch Caribou noch dazu.
Daphni, Samstag, 18. Juli, Blitz Club, Museumsinsel 1, Einlass ab 23 Uhr

