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"Dantons Tod" am Volkstheater.:Aus dem Revolutionshandbuch

Christian Stückl verflacht "Dantons Tod" am Münchner Volkstheater. Die kleinen Leute werden ausgeblendet - Georg Büchners Selbstzweifel auch.

Leben in der Bruchbude: Pascal Fliggs als Danton (rechts, mit Jean-Luc Bubert).

(Foto: Arno Declair)

Revolution? Ja! Die Unterdrücker stürzen? Selbstverständlich! Soweit sind sich alle einig - aber dann? Es lässt sich kaum vermeiden, das Bilder aus Libyen, Ägypten, Tunesien durch die Köpfe flackern, wenn man kurz zusammenfasst, was Georg Büchner in seinem komplexen Revolutionsdrama "Dantons Tod" verarbeitet hat. Christian Stückl nutzt die Gunst der Stunde und bringt diese Assoziation bewusst nicht auf die Bühne - das Publikum hat sie ohnehin im Gepäck.

Der Volkstheater-Intendant konzentriert sich stattdessen in seiner Inszenierung, der zweiten Premiere nach Simon Solbergs knalliger Spielzeiteröffnung mit dem Mash-up Musical "Moses", ganz auf das historische Geschehen. Keine zeitgeistige Aktualisierung, keine multimedialen Stimmungsaufheller.

"Dantons Tod" spielt in einer Zeit, die schlicht als "terreur" in die französischen Geschichtsbücher eingegangen ist. Seit dem Sturm auf die Bastille sind fast fünf Jahre vergangen. Tägliche Hinrichtungen sichern im Jahr 1794 die Herrschaft des Revolutionstribunals in Paris. Besagte Revolution scheint auf dem Weg zur Republik festgefahren und dieser triste Schwebezustand spiegelt sich auch in Stefan Hageneiers Bühne: Das rohe Holz- und Stahlskelett eines Hauses nimmt die gesamte Bühne ein. Es ist komplett entkernt aber nicht weiter saniert und erzählt so eine eigene Version der Geschichte vom Scheitern großer Pläne.

Auf diesen Trümmern der Monarchie wird gestritten, gefeiert und gerichtet. Hier predigt Robespierre Wasser und hier trinkt Danton Wein. Beide Antagonisten sind Revolutionäre der ersten Stunde. Doch Robespierre, den Jean-Luc Bubert als biederen Tugendterroristen mit Hang zum Cholerischen spielt, lässt gnadenlos alles exekutieren, was aus seiner Sicht die Republik gefährdet.

Anfangs sind sowohl Dantons, als auch Robespierres Leute dabei, wenn, berauscht vom Klang der eigenen kühnen Worte, Arznei für Gefangene als konterrevolutionär definiert oder das Todesurteil gegen die nächste Abweichler-Fraktion gefällt wird. Doch Danton - politisch gemäßigt, privat Genussmensch - fordert ein Ende des Mordens im Namen der Freiheit und gerät damit unversehens selbst auf die Abschussliste.

Leben kommt immer dann in die Bruchbude, wenn die Politiker zwischen den großen Reden zu Menschen, genauer einer Bande spätpubertärer Jungmänner werden. Pascal Fliggs Danton ist in seinen schwächsten Momenten besonders stark. Wenn die Angst ihn packt, oder auch die Erkenntnis, dass er nur mehr ein erbärmlicher Abklatsch seiner selbst ist, wird aus den forschen Gesten ein Sich-Winden, das den ganzen Körper erfasst, als wäre er aus Gummi.

Stückl hat das Heer der Figuren auf acht Leute reduziert, alle Volksszenen sind gestrichen. Damit entfällt aber auch ein wichtiger Teil, nämlich die Realität der kleinen Leute, der Kontrast zur hehren Theorie. Es bleiben unter anderem Camille (Sohel Altan G.), der treuherzige Vertraute Dantons, der aufbrausende Lacroix (Pascal Riedel) und Robespierres Adjudant St. Just (Stefan Ruppe) als schmieriger Handlanger und Ankläger in einer Person.

Sobald es wieder um Politik geht, füllen die Darsteller ihre Rollen auf der Bühne jedoch ebenso wenig aus, wie die Figuren die ihren im Lauf der Geschichte. Büchner hat seine illusionslose Auseinandersetzung mit Umsturz, Fortschritt, Moral und menschlicher Schwäche geschrieben, kurz bevor er selbst als politisch Verfolgter aus Deutschland fliehen musste.

Seine Überlegungen, die auch das eigene revolutionäre Wollen intensiv hinterfragen, verkommen auf der Bühne zu Phrasen aus dem Revolutionshandbuch, vorgetragen in Posen aus dem Handbuch für Historienspiel: Deklamieren mit erhobener Hand, Blick gen Himmel bei den Dantonisten, Zornesröte und schwellende Halsschlagader beim adrenalinberauschten Sittenwächter Robespierre. Ein wenig wirkt es, als würden die Darsteller ihren Text immer noch ausprobieren, erkunden, mit ihm ringen.

Gerade in dieser Auseinandersetzung mit dem sperrigen Drama läge Potenzial, wenn sie denn für die Zuschauer ersichtlich wäre. Doch auf der Bühne wird lieber eine glatte Fassade präsentiert: Ein zähes Lehrstück über menschliche Schwäche.

© SZ vom 27.10.2012
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