bedeckt München 26°

Dance München 2021:Auf in den Tanz!

Das Symposion beim Festival Dance ruft den Protest aus

Von Eva-Elisabeth Fischer

Dance marschiert. Münchens Tanzbiennale hat in seiner aktuellen Ausgabe die stramme Gangart gewählt, wobei das rhythmische Gehen mit geschwellter Brust nicht unbedingt in chorischer Formation vorexerziert wird. Im Gegenteil: Die Marschierenden geraten immer wieder aus dem Takt, fallen aus in leisem Protest gegen erzwungenen Gleichschritt. Es wird marschiert in Jan Martens' letztlich ästhetisch glattgebügeltem Revoluzzerstück "Any attempt will end in crushed bodies and shattered bones". Es wird marschiert im irrwitzigen "North Korea Dance" der Südkoreanerin Eun-Me Ahn - ganz so, als paradierten hier späte Tiller Girls in Bling-Bling mit hochgereckten Beinen vor ihrem Diktator. Und auch das israelische Trio Keren Levi, Niv Sheinfeld und Oren Laor marschiert, allerdings lässig schlendernd, als Trio, der laut Sheinfeld "kleinsten Einheit, die als Gruppe definiert werden kann", in ihrem Stück "Big Mouth".

Das entspannte Schlendern des Individuums ist der Gegensatz zum chorischen Marsch. Bricht die Gruppe auf, entsteht schnell anarchisches Chaos wie zuletzt beim Stürmen des Kapitols durch einen gewaltbereiten Mob. Die Literatur-und Tanzwissenschaftlerin Gabriele Brandstetter weiß den Marschschritt schlüssig als Fanal von Faschismus und Nationalsozialismus zu deuten. Hat Festivalleiterin Nina Hümpel die politische Zündschnur für Dance 2021 gelegt, so war es an Dramaturgin Katja Schneider, Professorin für Tanztheorie in Frankfurt, die (gesellschafts-)politischen Implikationen dafür abzustecken in ihrem dreitägigen Online-Symposion "Articulate! Activate! Protest! Die politische Artikulation in Tanz und Literatur".

Vier Diskussionsleiterinnen führten in die Frauen-dominierten Referate ein. Eine von ihnen, Sigrid Gareis, ehemals Gründungsleiterin des Tanzquartiers Wien, formulierte als einzige und entsprechend dringlich ihr Unbehagen an der nach wie vor gesellschaftlich zu wenig anerkannten Relevanz des Tanzes schlechthin. Und sie äußerte ihre Ungeduld angesichts der mangelnden politischen Durchschlagskraft des Tanzes. Recht hat sie. In den vergangenen 40 Jahren hat sich zwar vieles getan, aber längst nicht genug, um im Tanz das geeignete künstlerische Mittel der Wahl für den politischen Kampf anzuerkennen. Zumal da der Tanz nicht mit Eins-zu-Eins-Abbildungen arbeitet, sondern mit imaginierten Bildern. Und: Obgleich es bei Dance in den vergangenen Jahren Beispiele zuhauf gab für die Inklusion "schwieriger" Sachverhalte, wartet der wissenschaftliche Diskurs erst jetzt geballt mit Fragen und Antworten zu den diversen Identitäten der Geschlechter, der sexuellen Orientierung, der Ethnien und Hautfarbe auf.

Dürfen also zwei weiße Übersetzerinnen den Roman eines schwarzen, schwulen Engländers übersetzen? Michael Donkor aus Oxford findet: ja. Denn es waren schließlich Profis, die seinen Roman "Halt" ins Deutsche übertrugen. Dem englischen Original hatte Donkor sowieso vorsorglich ein Glossar vorangestellt, um die Dechiffrierung des Sprachcodes seiner Peergroup zu erleichtern. Angesichts der Querelen um die Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht "The Hill We Climb" durch eine weiße Niederländerin eine interessante Frage, im Kontext eines Tanzfestivals aber nicht unbedingt die dringlichste.

Dem Tanze näher rückt der wunderbare literarische Text von Lena Gorelik über "Die Macht der Sprache", in deren Zentrum der grässlich herablassende und demütigende Satz "Lernen Sie doch erst einmal richtig Deutsch", der auf einen russisch-jüdischen "Kontingentflüchtling" ein ums andere Mal niederprasselte - ihren Vater. Gorelik lässt die Sprache tanzen. Je nach Betonung der Wörter "richtig" beziehungsweise "Deutsch" entsteht eine klangliche Choreografie mit wechselnder Gewichtung und Bedeutung.

Das Mittel der Wiederholung findet sich nicht nur in Texten, sondern auch in der Musik, am konsequentesten bei den Minimalisten. Und im Tanz, bei Lucinda Childs zumal als variable Patterns. Bei Sheinfeld/ Laor intensiviert die Repetition eine Bühnenaktion und füllt sich inhaltlich. Bei Jan Martens ist sie ein Insistieren. Noch schärfer artikuliert, trifft das auch bei Eun-Me Ahn. Ganz so wie bei den ritualisierten Bühnenhandlungen des Raimund Hoghe, der zu Dance hatte anreisen wollen. Der Zeremonienmeister der Wiederholung ist Freitagnacht völlig unerwartet gestorben (siehe Feuilleton).

© SZ vom 17.05.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB