Das Setting wirkt wie das letzte Abendmahl, Jesu mit seinen Jüngern - nur auf zwei Bierbankgarnituren und mit Filterkaffe. Auf den Tischen verteilt liegen außerdem bunte Zettelchen mit vorformulierten Fragen. Waren Sie gut in der Schule? Wen würden Sie gerne mal zum Essen einladen? Wie war Ihre schlimmste Lesung? Dana von Suffrin, die Gastgeberin an diesem späten Nachmittag in der idyllischen Gartenbar der Monacensia in Bogenhausen, hat sich ein neues Format überlegt: Unter dem Titel "Auf ein Wort mit ... - Gespräche auf dem Bankerl" hat sie vier Münchner Autoren eingeladen, sich zwei Stunden auf eine Bank zu setzen und Besucher zu empfangen, um die interessanten Themen des Lebens zu besprechen. Mit dabei sind die Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Barbara Vinken sowie die Schriftstellerin und Filmemacherin Jovana Reisinger, deren erstes Hörspiel "Life can be fun (depending on the situation)" gerade im Deutschlandfunk Kultur erschienen ist. Außerdem nehmen SZ-Redakteur und Bellevue di Monaco-Gründungsmitglied Alex Rühle und der Autor und Psychologe Leander Steinkopf Platz, der 2021 für den Ingeborg-Bachmann-Preis vorgeschlagen wurde.
Eine interessante Mischung, bei der es von Suffrin wichtig war, dass ihre Gäste unterschiedliche Altersstufen, Disziplinen und Schreibstile abdecken. Die 1985 geborene Autorin, die seit Mai die erste Schreibresidenz des Literaturarchivs innehat, möchte bei diesem Event nicht selbst im Mittelpunkt stehen, sondern vielmehr zum Austausch ermutigen, wie sie verrät. Bis September noch lädt Suffrin zudem meist jeden dritten Donnerstag im Monat zur öffentlichen Sprechstunde, bei der man sie zwischen 17 und 19 Uhr zehn Minuten lang konsultieren kann. Zu erfahren, was die Besucher beschäftigt, sich auszutauschen und miteinander zu diskutieren, ist das Ziel der Münchnerin.
Dazu muss sie die überschaubare Zahl der Menschen, die sich im Café hinter dem Hildebrandhaus an diesem schwülen Sommertag eingefunden haben, allerdings zunächst animieren. Zögerlich setzen sich ein paar Interessierte zu den vier Autoren auf die Bank. Doch wie überwindet man den Smalltalk und schafft es, zu persönlicheren Themen zu kommen? Die Gesprächsdynamiken verlaufen unterschiedlich. Die Fragestellenden kennen zum Großteil die Autoren nicht. Sie sind zufällig vorbeigekommen, Monacensia-Fans oder hatten einfach Lust, mal ein neuartiges Veranstaltungskonzept auszuprobieren.
Es geht um Schreibroutinen, Wien und Maniküre
Am einen Tischende wird Reisinger gefragt, was sie denn so schreibe. Sie erzählt von ihrem neuen Essay in der September-Vogue, in dem sie sich mit der subversiven Kraft der Tussi auseinandersetzt, redet über ihr Faible für gemachte Nägel, das ihren "kapitalistischen Kaufzwang" stille, wie sie es formuliert. Währenddessen dreht sich neben ihr das Gespräch um Schreibroutinen. Von Steinkopf erfährt man, dass er am liebsten im Stehen und handschriftlich auf Papier schreibt. Die Langsamkeit dieses Schreibprozesses, so ist man sich am Tisch einig, trage dazu bei, die Texte zu verdichten. Für jedes Projekt verwende er ein unterschiedliches Notizbuch. Ein Walter Benjamin-Zitat hat der Essayist dazu auch parat: "Führe dein Notizbuch so streng wie die Behörde das Fremdenregister." Zustimmung von allen Seiten.
Vinken raucht und erzählt von ihrem dreimonatigen Wien-Aufenthalt, was Rühle gefragt wird, ist schwer zu verstehen, denn nach kurzer Zeit hat sich die Runde in den Holzbänken regelrecht festgesessen und diejenigen, die keinen Platz dort fanden, sind schnell gegangen. Ein dynamischer Austausch sieht anders aus. Aber das macht nichts. Am Ende hat man doch ein paar pikante Details erfahren und ein bisschen geratscht. Die Zettel mit den Fragen hat niemand wirklich verwendet. Vielleicht müssen es nicht immer weltbewegende Gedanken sein, die gewälzt werden. Manchmal genügt es zu merken, dass Autoren ganz normale Menschen sind, die genauso seltsame Gewohnheiten und Unsicherheiten wie alle anderen haben. Hemmschwellen abbauen und sich begegnen. Das hat Suffrin mit ihrem Experiment auf jeden Fall geschafft. Und das fühlt sich nach den mehr als zwei Jahren Pandemie gut an.
