Dachau/Feldmoching Rettet die Windelschnecke

Das Naturschutzprojekt "Natura 2000" soll ein europaweites Biotop-Netz knüpfen, um bedrohte Pflanzen und Arten zu retten. Eingebunden ist auch das Dachauer Moos, das bis ins Münchner Stadtgebiet reicht

Von Robert Stocker, Dachau

Reinhard Engemann ist fündig geworden. Der Naturschutzgebietsplaner hat einen Großen Wiesenknopf entdeckt, eine Pflanze, die typisch ist für Pfeifengraswiesen in Niedermoorgebieten wie dem Weichser Moos. Der Große Wiesenknopf ist eine wichtige Nährpflanze für den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Die Schmetterlingsart steht unter Naturschutz. Engemann, der mit einer Gruppe von Behördenvertretern und Grundeigentümern das Weichser Moos durchstreift, entdeckt an der Pflanze auch Eier des Falters. "Es gibt ihn also noch hier", freut sich der Umweltexperte. Eine Entdeckung, die Hoffnung macht.

Das Weichser Moos auf der linken Seite der Glonn zwischen den Orten Weichs und Ebersbach ist eines der größten Überflutungsniedermoore im oberbayerischen Tertiärhügelland. Eine "Perle", sagt Elmar Wenisch, der bei der Regierung von Oberbayern das Projekt Natura 2000 leitet. Das weltweit bedeutende Naturschutzprojekt, das schon Mitte der Neunzigerjahre auf den Weg gebracht wurde, soll in ganz Europa ein Netz von Biotopen knüpfen. Auch die "Kronjuwelen", wie Wenisch sagt, sollen in dieses Netz miteingebunden werden.

Schützenswert: Das Dachauer Moos bietet vielen seltenen Tieren und Pflanzen eine Heimat.

(Foto: privat)

Das Weichser Moos gehört dazu - ein Feuchtgebiet von regionaler Bedeutung, in dem viele seltene Tiere und Pflanzen vorkommen. Typisch für das Gebiet sind Pfeifengraswiesen, feuchte Hochstaudenflure und magere Flachland-Mähwiesen. Das Moos ist Lebensraum für den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling und die Gestreifte Windelschnecke. Arten, welche die besondere Bedeutung des Flora-Fauna-Habitat-Gebiets (FFH) aus Sicht der Naturschützer zeigen.

In den Zwanzigerjahren wurde der Lauf der Glonn reguliert; Anfang der Sechzigerjahre hatte das Torfstechen im Weichser Moos ein Ende, da die Heizanlagen auf Öl umgestellt wurden. All das hatte Folgen für Flora und Fauna im Weichser Moos. Mittlerweile seien viele klassische Tierarten eines Niedermoors im Weichser Moos verschwunden, sagt Johannes Hillreiner vom Landschaftspflegeverband. Weil die Wiesen nur einmal im Jahr gemäht würden, siedeln sich immer mehr Büsche aus Weiden an. Blaukehlchen, sagt Hillreiner, seien kaum mehr zu sehen, "und mit den Schilfen verschwindet der Kuckuck". Aus seiner Sicht bietet ein kleinbäuerliches Mosaik den besten Lebensraum für alle Tiere und Pflanzen: brachliegende und gemähte Wiesen, wildes Gebüsch und gepflegte Flächen: "Überhaupt keine Pflege ist für den Artenreichtum auch nicht gut." Kritisch sieht Hillreiner auch die Tatsache, dass ein Biberdamm in der Glonn beseitigt wurde, denn: Feuchte Wiesen fördern die Ansiedlung von Vögeln. In einem Niedermoor müsse der Wasserhaushalt erhalten werden, unterstreicht Reinhard Engemann. Hillreiner: "Das Weichser Moos hat viel Potenzial, aber wir kommen nicht wirklich weiter."

Gladiolen wachsen im Moor.

(Foto: privat)

Das Projekt Natura 2000, das der Freistaat umsetzen will, soll ein europaweites Netz von Biotopen erhalten. Im Landkreis Dachau gehört das Weichser Moos dazu, aber auch das Ampertal und die Gräben und Niedermoorreste im Dachauer Moos bis Unterschleißheim an der Grenze zum Landkreis München. Im Ampertal geht es um den Schutz des Waldmeister-Buchenwalds und der Weichholz-Auwälder an den Rändern des Flusses, wo Erlen, Eschen und Weiden stehen. "Sie sind vom Verschwinden bedroht", sagt Daniela Janker vom Forstamt Ebersberg. Sie soll die Waldgebiete in den Amperauen kartieren.

Wie bei einer Exkursion in das Areal am Gündinger Wehr deutlich wird, machen dem Naturschutzgebiet auch Reiter, Jogger und Mountainbiker zu schaffen, die die vorgesehenen Wege verlassen. Das etwa 306 Hektar große Naturschutzgebiet im Dachauer Moos zwischen Hebertshausen, Unterschleißheim, Karlsfeld und Feldmoching - die Flächen reichen bis auf der Münchner Stadtgebiet - gilt als bedeutende Restfläche des Niedermoores im Dachauer Moos und als Feuchtgebiet von überregionaler Bedeutung. Das Naturschutzgebiet Schwarzhölzl ist von Moorwald geprägt. Dass dieser Teil des Dachauer Mooses zu einem FFH-Gebiet erklärt worden ist, liegt hauptsächlich an der Helm-Azurjungfer. Die vom Aussterben bedrohte Libellenart kommt dort bayernweit am häufigsten vor.

Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist ebenfalls zu finden.

(Foto: oh)

Die Regierung von Oberbayern will mit einem Managementplan die drei Naturschutzgebiete erhalten. Die zuständigen Fachbehörden wie Forstamt und Wasserwirtschaftsamt erfassen und bewerten die Lebensräume der Tier- und Pflanzenarten; das wird etwa zwei Jahre dauern. Dann kommen alle Beteiligten an einen runden Tisch, um Maßnahmen für den Erhalt und die Pflege der Areale zu erarbeiten. Etwa 50 Prozent der Flächen gehören der öffentlichen Hand, die andere Hälfte ist im Besitz von Privateigentümern. Auch sie sollen Vorschläge für Maßnahmen machen. Für die Behörden ist das Verfahren verbindlich; Privateigentümer sind nicht verpflichtet, teilzunehmen. Für sie gilt aber das Verschlechterungsverbot: Sie dürfen nichts auf den Flächen machen, was den Zustand des Naturschutzgebiets beeinträchtigt. Trotzdem appelliert die Regierung an die Eigentümer, mitzumachen: "Wir wollen nicht nur das Schild Naturschutzgebiet hinnageln, sondern auch die Eigentümer einbinden."