bedeckt München 14°
vgwortpixel

Zum Tod von Lorenz Reitmeier:Die Geschichte meinte es gut mit ihm

Der Abschied von Lorenz Reitmeier als OB war eine Zäsur in Dachaus Kommunalpolitik. Der Ehrenbürger ist im Alter von 89 Jahren gestorben.

Altoberbürgermeister Lorenz Reitmeier ist aus der Zeit gefallen und von ihr wieder eingefangen worden. Als er 1998 die Dachauer Ehrenbürgerwürde erhielt, stritten die Fraktionen im Stadtrat und die Parteien darüber, ob ein Festakt im Dachauer Schloss, der damals 30 000 Mark kosten sollte, also ungefähr 14 500 Euro, angemessen oder doch überteuert sei. Rückblickend betrachtet mutet die Diskussion peinlich an, weil sie der heutzutage gängigen populistischen Abneigung gegen die Politik und gegen die Würdigung politischer Leistungen Vorschub leistete. Als ob bei aller Kritik an der Politik des ehemaligen Oberbürgermeisters 15 000 Euro für einen Festakt bei einer 30-jährigen Amtszeit von 1966 bis 1996 ins Gewicht fallen könnten.

Das größtmögliche Kompliment für einen Kommunalpolitiker hat Lorenz Reitmeier erst von seinem dritten Nachfolger erfahren. Schon vor drei Jahren sagte Florian Hartmann in einem Gespräch mit der Dachauer SZ, dass die Stadt Dachau noch immer - also 20 Jahre nach dem Abschied Reitmeiers von der Stadtpolitik - von der vorsorglichen Bau- und Grundstückspolitik des Altoberbürgermeisters zehre. Will sagen: Dessen beide Nachfolger, Kurt Piller und Peter Bürgel, hatten die Aufgabe vernachlässigt.

Dabei ist Kommunalpolitik vor allem Baupolitik. Das Kompliment gewinnt dadurch an Gewicht, dass Hartmann der SPD angehört. Reitmeier sah in den Sozialdemokraten während seiner gesamten Amtszeit stets den politischen Kontrahenten, auch wenn es den einen oder anderen Stadtrat gab, der ihn gern unterstützte. Noch wichtiger ist, dass das Kompliment stimmt. Denn Reitmeier hat bis 1996 tatsächlich eine Grundstückspolitik betrieben, die den Bau von Sozialwohnungen oder zumindest verbilligten Wohnraum ermöglichte. Darin war er stark. Darauf legte er sein Augenmerk, von Anfang an. Freilich ist fraglich, ob es ihm vergönnt war, diese späte Anerkennung zu genießen. Denn in den letzten Jahren war Lorenz Reitmeier bereits schwer krank. Am Dienstag ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.

Reitmeier blickte Jahrzehnte voraus

Dabei hätte er es vermutlich gerne gesehen, wenn seine direkten Nachfolger ihn als Berater anerkannt hätten. Kurt Piller, der ihn 1996 beerbte, gehörte einer Koalition an, die sich gegen die Politik von CSU und auch der Überparteilichen Bürgergemeinschaft (ÜB) profilierte, deren Kandidat Reitmeier stets war. Nach sechs Jahren verlor Piller sein Amt wegen eines von der CSU verursachten Wahlskandals. Dass deren Fraktionsvorsitzender Peter Bürgel gewann, zählt zu den Absurditäten der städtischen Nachkriegsgeschichte.

Ihn hätte Reitmeier bei einem brisanten Fall der Grundstückspolitik sicher gerne beraten, auch wenn er sagte: "Ich will mich nicht einmischen." 2004 war in Dachau ein Streit darüber entbrannt, ob die Stadt das ehemalige Postschulgelände in der Nähe der Amper erwerben sollte. Jetzt ist es ein kleines Kulturzentrum. "Die erste Amtshandlung von mir war eine Anfrage bei der Post, ob die Stadt das Grundstück erwerben kann, falls es frei wird", erzählte er. Für ihn war es - Jahrzehnte vorausblickend - das Gelenkstück in der Stadtentwicklung von Unterer Stadt und Altstadt oben auf dem Berg.

Zwar war der Alt-Oberbürgermeister nach seinem Abschied aus der Kommunalpolitik bei allen Anlässen präsent, aber er stand nie mehr im Mittelpunkt, wie man es bei einem Oberbürgermeister mit einer so langen Amtszeit hätte erwarten dürfen. Er war damals aus der Zeit gefallen. Denn bis hinein in das konservativ-liberale Bürgertum hatte sich die Kultur- und Geschichtspolitik von CSU, ÜB und Reitmeier überholt. Sie hatten nicht gemerkt, dass ihre Imagekampagne von dem einen, dem kulturellen Dachau, und dem anderen Dachau mit der Geschichte des Konzentrationslagers nur noch ermüdete. Die kommunalpolitische Mehrheit wollte nicht zur Kenntnis nehmen, wie viele Anhänger die Idee von einem Lernort Dachau als einheitlichen und einigenden Gesichtspunkt bereits gewonnen hatte. Viele von ihnen posaunten ihre Überzeugung nicht hinaus, aber sie wählten die Fraktion der Betonköpfe nicht mehr. Die fürchterlichen Debatten über den Bau einer internationalen Jugendbegegnungsstätte sind Legende in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Die herablassende Abwehr des Wunsches von Sinti und Roma nach einem eigenen Zentrum in Dachau, das ihre Völker würdigte, mündete Anfang der Achtzigerjahre in einen Hungerstreik. Dann folgte 1995 die Rede des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) in der KZ-Gedenkstätte. Danach war klar, dass die Jugendbegegnungsstätte kommen wird. Vor dem Hintergrund des Mauerfalls änderte sich die Erinnerungspolitik auch der bayerischen CSU.

Dachaus Museumslandschaft ist sein Werk

Bis dahin hatte die Stadt Dachau unter Reitmeiers Führung die Kommandantenvilla des ehemaligen Konzentrationslagers abreißen lassen. Außerdem entstand ein Gewerbegebiet im Stadtteil Dachau-Ost, welches das Gelände der Gedenkstätte schier zu erdrücken schien. Einen publizistischen Aufschrei in der ganzen Bundesrepublik verursachte der Wohnungsbau bis an die Umgrenzung der Gedenkstätte.

Jetzt - Jahrzehnte später - haben sich die Dachauer an die neuen Wohnanlagen gewöhnt. Vor allem der Freistaat hat dort gebaut, auch das kommunale Unternehmen Stadtbau hat Wohnungen auf dem Areal errichtet, wo früher die Kommandantenvilla stand. Die Menschen regen sich nicht mehr darüber auf. Nicht, weil sie die Geschichte vergessen hätten. Vielmehr ist die Gedenkstätte im Bewusstsein vieler Dachau in die Idee eines Lernorts integriert.

Auch die Kultur und die Zeit der Künstlerkolonie. Unter Reitmeier war sie das Kernstück der Abwehrpolitik gegen die Zeitgeschichte. Die Kunstbände mit Dokumenten der großen Zeit der Landschaftsmalerei stapeln sich immer noch im Rathaus. Es ging ums Image, aber nie um die Substanz dieser Zeit. Die zentrale Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg offenbarte im Jahr 2002 die tatsächliche kulturelle und kulturpolitische Bedeutung der Künstlerkolonien des ausgehenden 19. Jahrhunderts als europäische Bewegung. Der Film des oberbayerischen Bezirksheimatpflegers Norbert Göttler in der Dachauer Gemäldegalerie schildert, wie mit dem Ende der Künstlerkolonien 1914 auch die europäische Idee starb. Insofern ist es vortrefflich, dass dem Museumsverein und Reitmeier die aktuelle Museumslandschaft zu verdanken ist. Man kann von einer Ironie der Geschichte reden.

Er kannte jeden Stein seiner Stadt

Jeden Tag war Reitmeier in der Altstadt unterwegs. Nach einem ausführlichen Klavierspiel folgte der Gang zum Frühstück in eines der Cafés auch zum Zeitungslesen, auch um dann bei der Redaktion der SZ anzuklopfen, um auf Fehler hinzuweisen. Er mochte es nicht, wenn es beispielsweise hieß: "Im Augustenfeld". Dann sagte er: "Es muss in Augustenfeld heißen. Augustenfeld ist ein Stadtteil."

Lorenz Reitmeier

Lorenz Reitmeier beim Anstich im Festzelt.

(Foto: Toni Heigl)

Ein Spaziergang mit ihm durch die Altstadt war eine Zeitreise bis ins Mittelalter hinein. Denn er kannte jeden Stein. "Früher waren da Arkaden." Die hatte der Eigentümer in der Konrad-Adenauer-Straße rigoros zubauen lassen, gegen die Anweisungen der Stadt. Reitmeier erinnerte sich nicht bloß, er sah den Urzustand und ärgerte sich. Das heutige Schuhhaus Rössler ("sehr gut renoviert", selbstverständlich in seiner Amtszeit) ein Kleinod, genauso wie Glücks Rahmengeschäft im ehemaligen Gefängnis (umgebaut allerdings unter seinem Nachfolger Kurt Piller). Reitmeier schaute nach unten auf den Boden: "Alles, über das wir gehen, ist zu meiner Zeit gemacht worden." Die ganze Altstadt ist sein Werk.

Den Kampf um die Altstadt gegen die Übermacht des Konsumgebiets Schwarzer Graben hat er noch miterlebt und auch verursacht. Denn der Ausbau von Dachau-Ost zum Gewerbezentrum fällt noch in seine Ägide. Er wollte Dachau zu einer Oase gestalten, die von München profitiert, aber sich in grüner Abgeschiedenheit von der Geschichte abschottete. Einiges gelang ihm, auch weil er der Kulturpolitik einen zentralen Raum einräumte. Letztlich meinte es die Geschichte gut mit ihm.

© SZ vom 24.01.2020/gsl
Zur SZ-Startseite