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Zukunft der Erinnerung in Dachau:Freistaat will "Kräutergarten" kaufen

Landtagsvizepräsident Karl Freller spricht sich für den Erwerb des Areals aus, das zum ehemaligen KZ Dachau gehörte, um dort einen Gedenkort zu errichten. Bereits im kommenden Jahr sollen erste Planungen beginnen

Der "Kräutergarten", das ehemals zum Dachauer Konzentrationslager gehörende Gelände östlich der Alten Römerstraße, soll in den Besitz des Freistaats Bayern übergehen. Dafür sprachen sich die Funktionsträger der Stiftung Bayerische Gedenkstätten in ihrer letzten Sitzung einvernehmlich aus. Außerdem sollen Seminarräume für Besucher der KZ-Gedenkstätte entstehen und Sanierungsmaßnahmen durchgeführt werden. Stiftungsdirektor und Landtagsvizepräsident Karl Freller (CSU) betont zwar, dass all das möglichst bald geschehen soll - doch dafür muss zuerst der Freistaat entsprechende finanzielle Mittel bereitstellen. Außerdem fehlt immer noch ein wichtiges Gutachten für den Kauf des "Kräutergartens".

Kräutergarten

Spuren der Zeit: Die Gewächshäuser auf dem Gelände verfallen zusehends.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Schon 2018 hatte die Stadt Dachau, der das Grundstück momentan gehört, dem Freistaat den Verkauf zum symbolischen Preis von einem Euro angeboten. Noch im Sommer diesen Jahres schien es jedoch, als ob dieser sich um das Angebot drücke. Es wurde auf Altlasten im Boden und ein noch ausstehendes Gutachten verwiesen, kein klares Interesse bekundet. Nun spricht sich Stiftungsdirektor Freller deutlich für den Erwerb und die Gestaltung einer Gedenkstätte im Kräutergarten aus: "Ich habe den Ehrgeiz, das Gelände am Kräutergarten im nächsten Jahr deutlich voranzubringen." Der Kräutergarten müsse unbedingt für die Öffentlichkeit erschlossen werden.

Stadtratsliste SPD

Oberbürgermeister Florian Hartmann bemüht sich um eine schnelle Abwicklung.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Allerdings ist das Gutachten bezüglich der Altlasten trotzdem nötig. Der Freistaat prüfe so etwas vor jedem Kauf, weshalb die Stiftung darauf auch keinen Einfluss nehmen könne, erklärt Freller. Der Prozess solle nun aber beschleunigt werden, damit das Gelände, so der Wunsch des Stiftungsdirektors, schon "sehr, sehr bald" übernommen werden und möglicherweise schon im nächsten Jahr mit der konkreten Planung begonnen werden kann.

"Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", sagt der OB

Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) wäre es ebenfalls lieb, wenn das Prozedere möglichst schnell abgeschlossen werden könnte. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, nun müssen die Ministerien das klären", sagt er und wundert sich, was daran so lange dauert. Denn: Entgegen Frellers Aussage im Sommer dürfte es auf der angebotenen Fläche - zumindest laut Altlastenkataster - keine Kontaminierung des Bodens geben. Sollte ein entsprechendes Gutachten nun jedoch das Gegenteil bescheinigen, würde der Freistaat das Kaufangebot höchstwahrscheinlich ablehnen. Der bisherige Eigentümer - also die Stadt Dachau - wäre dafür verantwortlich, das Gelände von den Altlasten zu befreien. Das würde jedoch vermutlich das städtische Budget übersteigen, weshalb Freller für den Fall der Fälle eine Sonderreglung nicht ausschließen will. Doch natürlich sei es auch im Interesse der Stiftung, alle finanziellen Mittel für das eigentliche Gedenken und nicht die Altlastenbereinigung aufzuwenden.

LZ Aussenlager Ludwigsfeld

Landtagsvizepräsident Karl Freller sieht den Freistaat unter Zugzwang.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Sofern der Kräutergarten in die Hände der Stiftung Bayerische Gedenkstätten übergeht, gibt es bereits ein Konzept für die Umgestaltung des Geländes. Geplant sei einerseits eine Dauerausstellung über die Nutzung des Areals, die vermutlich in den sogenannten Kopfbauten untergebracht werden würde. Die zunehmend verfallenden Gewächshäuser sollen in ihrem jetzigen Zustand erhalten bleiben und für Besucher zugänglich sein. Außerdem wünscht sich Freller eine "künstlerisch gestaltete Außenausstellung", die dem Thema Widerstand gewidmet ist. Der Auffassung der Funktionsträger in der Stiftung nach käme dieses Thema bisher zu kurz, so Freller. Das Engagement von Einzelpersonen, beispielsweise Mithäftlingen, müsse noch stärker dokumentiert werden.

Die Zeitzeugen verstummen, nun müssen die Steine sprechen

In der Sitzung des Stiftungsrats ging es jedoch nicht nur um die Erschließung des zusätzlichen Areals, sondern auch um die Sanierung und Erweiterung der bereits vorhandenen Infrastruktur in der Dachauer KZ-Gedenkstätte. Der Krematoriumsbereich, das Jourhaus sowie die Lagerbaracken müssten dringend saniert werden. Außerdem sei es - angesichts der stetig wachsenden Besucherzahlen, die allein in den letzten zwölf Jahren um rund 400 000 Personen auf insgesamt eine Million Besucher jährlich anstiegen - unbedingt notwendig, Seminarräume zu schaffen. Ins Auge gefasst hat die Stiftung dafür die ehemalige Lagerbäckerei, das Transformatorhaus oder die Kommandantur. Außerdem wünscht sich Freller, dass der Raum, in dem von 1945 bis 1948 die Dachauer Prozesse stattfanden, in die Vermittlungsarbeit miteinbezogen wird.

Die Umsetzung all dieser, von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten geäußerten Anregungen ist jedoch abhängig davon, ob und vor allem in welcher Höhe der Freistaat Bayern finanzielle Mittel zur Verfügung stellt. Frellers Plan jedenfalls lautet: "Wir werden eins nach dem anderen konsequent abarbeiten", sagt er. Denn, und das wird der Landtagsvizepräsident nicht müde zu betonen: "Wenn wir schon in eine Zeit ohne Zeitzeugen hineinsteuern, dann müssen wir wenigsten die steinernen Zeugen sprechen lassen." In den nächsten zehn Jahren soll darum intensiv an Erhaltung und Ausbau der bayerischen Gedenkstätten gearbeitet werden. Die kommende Dekade stellt die Stiftung darum unter den Leitsatz "Zukunft der Erinnerung."